Diabetes durch Stress im Job?

Ein Termin jagt den nächsten, Dauerdruck im Büro kann krank machen. Auch Diabetes auslösen? Interview mit Psychosomatiker Karl-Heinz Ladwig

von Andrea Grill, aktualisiert am 18.02.2016

Genervt am Arbeitsplatz: Stresshormone verschlechtern die Insulinwirkung

Thinkstock/Phototdisc

Übergewicht und Bewegungsmangel gelten als "die" klassischen Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes. Sie haben herausgefunden, dass auch Arbeitsstress zu Diabetes führt?

Das stimmt. Wir wissen schon länger, dass psychische Leiden, vor allem Depressionen, zu chronischem Stress führen und das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöhen. Das brachte uns auf die Idee zu untersuchen, ob auch der "normale", alltägliche Stress im Arbeitsleben das Risiko erhöht, an Diabetes zu erkranken.


Karl-Heinz Ladwig ist Professor für Psychosomatische Medizin in München

W&B/Florian Generotzky

Wie sind Sie dabei vor­gegangen?

Wir haben Daten von rund 5300 Berufstätigen aus zwei großen Bevölkerungsstudien ausgewertet. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren wurden ihre Laborwerte, Lebensstil, Krankheiten und auch ihre Arbeitsbelastung erfasst. Menschen mit Stress im Job hatten im Vergleich zu den nicht gestressten Studienteilnehmern ein erhöhtes Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.

"Stress im Job", was heißt das eigentlich genau?

Je höher die Anforderungen und je kleiner der eigene Handlungsspielraum, desto größer ist die Belastung. Ein Manager kann zum Beispiel sehr gestresst sein, obwohl er in einer gehobenen Position ist. In seinem Kalender drängen sich nämlich die Termine, und kaum hat er eine Aufgabe abgearbeitet, liegen schon zwei neue an. Der kann sein Pensum nie schaffen, auch wenn er sich noch so anstrengt.

Und wieso kann so ein stressiges Arbeitsleben zu Diabetes führen?

Stresshormone, vor allem Kortisol, wirken entgegengesetzt wie das Insulin. Kortisol mobilisiert Ener­gie, indem es den Blut­zuckerspiegel erhöht. Außerdem werden bei Stress Botenstoffe aktiv, die dazu führen, dass das körpereigene Insulin nicht mehr so gut wirkt. Das kann einer "Insulinresis­­tenz" den Weg bereiten, die ein typisches Merkmal des Typ-2-Diabetes ist.

Was raten Sie Menschen, die ständig am Limit arbeiten?

Der erste und oft schwierigste Schritt ist die Selbsterkenntnis: sich eingestehen, dass es auf Dauer so nicht mehr weitergehen kann. Ist das geschafft, sollte man sich etwas suchen, was den Fokus vom ewigen Hamsterrad ablenkt, Dis­tanz schafft …

… also zum Beispiel ein Hobby?

Genau. Wer sich beim Gärtnern an seinen Blumen erfreut, entspannt besser als jemand, der zur Fernbedienung greift. Auch Sport ist sehr wirksam. Dabei werden Stresshormone abgebaut und Botenstoffe freigesetzt, die die Stimmung heben.



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