Nudging: Schubs in Richtung Gesundheit

Nudging – so heißen psychologische Kniffe, die Menschen dazu bringen sollen, sich besser zu verhalten. Sinnvolle Motivationshilfe oder bloß Manipulation?

von Andrea Grill, aktualisiert am 29.12.2016

Ess-Hilfe: Als Gesicht schmeckt Gemüse gleich besser

F1online digitale Bildagentur GmbH/Fotografie Seckinger / Westend61

Was hat ein Gemüsegesicht auf dem Kinderteller mit singendem Straßenbelag in Japan zu tun? Oder mit den Briefen, die britische Bürger an die Abgabe ihrer Steuererklärung erinnern?

Motivation zu gewünschtem Verhalten

Ganz einfach: Die Mutter, die ihren Sprössling trickreich dazu verlockt, die ungeliebten, aber gesunden Erbsen und Karotten zu probieren, wendet intuitiv "Nudging" (englisch für "Anstupsen") an. Ein Prinzip, das auch Politiker, Behörden und Marketing-Stra­tegen zunehmend entdecken, um Menschen zu dem von ihnen gewünschten Verhalten zu animieren.


Japanische Autofahrer, die sich an das Tempolimit halten, hören auf sogenannten Melodiestraßen ein altes Kinderlied: Rillen im Asphalt bringen die Straße zum Singen – aber nur, wenn man nicht zu schnell fährt. Mit der Folge, dass die Zahl der Temposünder deutlich zurückgegangen ist. Freiwillig und spontan gehen Raser vom Gas, wenn sie die Hinweisschilder  mit dem Notenschlüssel sehen. Sie werden "genudgt": angestupst, das Richtige zu tun. Ohne Drohung, ohne Vorschriftsschild. Und es wirkt.

Ein Schubser in die richtige Richtung

Ebenso wie die Briefe, mit denen britische Finanzbehörden die Abgabe der Steuererklärung anmahnen. Darin findet sich, ganz beiläufig, der Hinweis: "Die meisten Ihrer Nachbarn haben ihre Steuererklärung bereits eingereicht." Schon greift man zum Stift und macht sich an die Arbeit. Nicht weil man unter Druck gesetzt wurde. Sondern weil man plötzlich das Gefühl hat, das Richtige zu tun.

Professorin Alena Buyx, Medizinethikerin an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, sieht in der Wahlfreiheit einen ent­scheidenden Bestandteil erfolgreichen Nudgings. "Man wird nicht fremdgesteuert", sagt sie, "sondern hat immer eine Alternative."

Schlanker dank Nudging

So wie die Mitarbeiter des Suchmaschinen-Giganten Google. Zu den Attraktionen, mit denen die US-Firma Programmierer anlockt, gehört die berühmte Gratis-Verpflegung. "Google-15" ist unter Angestellten der Code für die 15 Pfund, die sich jeder neue Kollege aus purer Begeisterung in den ersten paar Wochen anfuttert.

Inzwischen hat sich das geändert. Google beschäftigt nämlich eigene Nudging-Berater. "In der kalifornischen Zentrale erleben Sie perfekt, wie Nudging zu gesunder Ernährung verführt", sagt Alena Buyx. Wer etwa in die Kantine geht, passiert zuerst die Salatbar. Der Käsekuchen versteckt sich im hinteren Ende des Raumes. Auch die Teller am Büfett sind kleiner als früher. Wer mehr will, muss öfter laufen. Und in den Kühlschränken der "Micro-Kitchens", der über das ganze Firmengelände verteilten Miniküchen, stehen die Wasserflaschen auf Augenhöhe. Wem der Sinn nach Softdrinks steht, der muss sich bücken. "Google-Mitarbeiter ernähren sich heute gesünder und kalorienärmer", bestätigt Laszlo Bock, langjähriger Manager des Konzerns.

Nudging löst nicht alle Probleme

Nudging funktioniert, wo Appelle an den Verstand versagen: Freiwillig und ohne nachzudenken trifft man die richtige Wahl. Wobei es auch kritische Stimmen gibt. "Es spricht nichts dagegen, etwa eine Schulmensa so zu gestalten, dass die Schüler seltener zu Dickmachern greifen", sagt Professor Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Zumal ein positiver Nebeneffekt ist, dass Kinder so automatisch an eine gesunde Ernährung gewöhnt werden.

Dennoch, so Hertwig, müsse man den Kindern auch vermitteln, wie gesundes Essen funktioniert und warum es wichtig ist. Schließlich locken schon auf dem Heimweg wieder Pommes und Burger – da genüge es nicht, wenn Kinder in der Mensa zu Obst und Salat "genudgt" werden.

Manche Entscheidungen sollten aktiv getroffen werden

Ein noch größeres Problem sieht der Bildungsforscher dort, wo es um heikle Themen von großer Tragweite geht. Beispiel Organspende: Es gab immer wieder Überlegungen, das Gesetz so zu ändern, dass jeder Bürger im Fall seines Todes zum potenziellen Organspender würde – es sei denn, er widerspräche. So wie man bislang einen Spenderausweis ausfüllt, müsste man sich künftig explizit dagegen entscheiden. Doch bei solchen weitreichenden und einmaligen Entscheidungen sei Nudgen der falsche Weg, sagt Ralph Hertwig – hier seien aktives Entscheiden und Information gefragt.

Unbedenklich dagegen dürfte der Klassiker des Nudgings sein. Den hat ein Ökonom für den Amsterdamer Flughafen Schiphol entworfen. Weil männliche Flugpassagiere auf den Toiletten regelmäßig eine Riesensauerei hinterließen, wurden Abziehbilder von Stubenfliegen neben den Abfluss der Urinale geklebt. Prompt begann das große "Zielpinkeln" – das weltweit bis heute anhält und Reinigungskräften das Leben deutlich leichter macht.



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