Bloß nicht verspäten und keinen Termin verpassen - Perfektionisten haben höchste Ansprüche an sich selbst
"Optimal, Ihre Werte!", lobt der Arzt. "Und der eine Ausreißer ist doch wirklich nicht schlimm." Eigentlich könnten Sie sich jetzt entspannt zurücklehnen. Stattdessen schleichen Sie bedrückt aus der Praxis und grübeln stundenlang darüber nach, wie das passieren konnte: zwei Stunden nach dem Essen ein Blutzucker von 165 mg/dl (9,2 mmol/l).
Kennen Sie das auch? Sie wissen, dass der Arzt recht hat. Und sind trotzdem unzufrieden. Optimal ist eben nicht gut genug. Ausreißer dürfen nicht sein. Ganz klar: Sie sind Perfektionist. Ihre Ansprüche sind hoch, maximaler Einsatz für Sie selbstverständlich.
Auch als Gastgeber: Das Steak neulich Abend war rosa und zart, das Soufflé locker und duftig. Alles wurde gelobt. Nur der Wein – vielleicht eine Spur zu warm. Und Ihre Stimmung im Keller. "Genau hier wird Perfektionismus zum Problem", sagt Psychologin Dr. Christine Altstötter-Gleich, "wenn man sich auch kleinste Fehler nicht verzeihen kann."
Kein Platz für Erholung
Richtig anstrengend wird es, wenn Sie den Perfektionisten in sich nie abschalten können. Wenn Sie in allen Lebensbereichen den gleichen Aufwand betreiben – egal ob im Büro hinter dem Schreibtisch oder im Urlaub auf dem Surfbrett. Dann bleibt für Erholung kein Platz mehr. Na gut, sagt sich der Perfektionist. Das ist nun mal der Preis, den man zahlt, um weiterzukommen.
Doch obwohl viele prominente Vorbilder, vom Stardirigenten bis zum Wirtschaftsboss, es vormachen – die Formel "Perfektionismus gleich Karriere" geht nicht immer auf. Viele, die mit höchsten Ansprüchen durchs Leben gehen, bleiben unterwegs auf der Strecke. Und mancher wird sogar krank.
Mediziner und Psychologen haben herausgefunden, dass perfektionistische Menschen öfter unter Depressionen, Ess-Störungen und Sexualproblemen leiden. Bluthochdruck und Herzinfarkte sind bei ihnen ebenfalls häufiger. Und, wen wundert’s, auch das Burnout-Syndrom.
Ansprüche herunterschrauben?
Mag ja alles stimmen, sagt der Perfektionist. Aber selbst wenn ich wollte – ich kann nicht einfach raus aus meiner Haut und die Messlatte tiefer hängen. Das ist in der Tat nicht so einfach. Da spielen zum Beispiel Erfahrungen in der Kindheit eine große Rolle.
"Eltern mit hohen Ansprüchen an sich selbst haben meist auch hohe Erwartungen an ihre Kinder", sagt Psychologin Altstötter-Gleich. "Daran ist auch nichts auszusetzen. Um ein Gefühl für die eigene Leistung zu entwickeln, sich realistisch einschätzen zu können, müssen Kinder gefordert werden, brauchen aber auch eine angemessene Bestätigung." Zählten zu Hause nur die Einsen, und ein Zweier war nie gut genug – dann erstaunt es nicht, wenn die Messlatte ganz nach oben wandert. Für Perfektionisten gibt es zu wenig Zwischentöne.
Perfektion oder Versagen - dazwischen nichts
Sie kennen oft nur "fehlerlos" und "inakzeptabel", "Perfektion" oder "Versagen". Mancher verschließt sich deshalb auch vor neuen Erfahrungen: Was man nicht kann, kann man natürlich (noch) nicht perfekt. Könnte sich blamieren. Warum Klavierspielen lernen, wenn von Anfang an feststeht, dass man kein zweiter Horowitz wird?
"Hohe Ansprüche allein sind aber nicht das Problem", sagt auch Diplom-Psychologin Christiane Mörmel aus Leipzig. Sie hat in ihrer Praxis viel mit Patienten zu tun, denen ihr Perfektionismus zu schaffen macht. Darunter nicht wenige Diabetiker. "Viele davon setzen sich im Beruf hohe Ziele, liefern mustergültige Ergebnisse – und wundern sich, dass ihnen das mit ihren Blutzuckerwerten nicht auch gelingt", sagt Christiane Mörmel.
Der Körper ist keine Maschine
Was nicht weiter überrascht. Denn auf Leistungsdruck reagiert der Körper mit Stress, der wiederum zu Blutzuckerschwankungen führen kann. Dagegen kann helfen, eine Zeit lang ganz bewusst gegen die eigene perfektionistische Einstellung zu leben. Sich klarzumachen, dass der Körper keine Maschine ist. Dass Blutzucker und Blutdruck auch bei gesunden Menschen schwanken. Und sich notfalls, in Absprache mit dem Arzt, auch mal einen höheren Wert zu erlauben.
"So macht man die Erfahrung, dass nicht jeder 'Ausreißer' gleich zu einer Katastrophe führt", so die Psychologin. Auch Entspannungsverfahren können dabei helfen, Leistungsdruck abzubauen und insgesamt zu einer gelasseneren Haltung zu finden. Dann passt wieder alles. Perfekt, oder?
Diabetes Ratgeber;
02.05.2008, aktualisiert am 05.11.2010
Bildnachweis: Thinkstock/Ablestock, Jupiter Images GmbH/Photos.com
Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z>, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung