Schlaganfall: Risiko Halsschlagader

Eine verengte Halsschlagader ist für jeden zehnten Schlaganfall verantwortlich, schätzen Experten. Es gilt, die Gefahr frühzeitig zu entdecken und zu handeln

von Daniela Pichleritsch, aktualisiert am 14.03.2016

Gefahrenstelle am Hals: Eine verengte Halsschlagader

Corbis

Mindestens jeder zehnte Schlaganfall, so schätzen Experten, beginnt im Hals. Genauer gesagt: in der Halsschlagader – der sogenannten Karotisarterie –, die das Blut ins Gehirn befördert. Auf dem Weg dorthin gabelt sie sich in zwei Gefäße: Die "innere" Karotis zieht zum Gehirn, die "äußere" versorgt die Weichteile von Kopf und Hals.

Genau im Bereich dieser Gabelung nimmt das Unheil häufig seinen Lauf. Denn hier ist die mechanische Belastung durch den Blutstrom besonders hoch, weshalb sich leichter Ablagerungen aus Kalk und Fett bilden. Diese engen vor allem die abzweigende innere Karotisarterie ein, sodass der Blutfluss ins Gehirn abnimmt. Zudem können sie zum Ausgangspunkt gefährlicher Embolien werden: Kalkteilchen und Blutgerinnsel, die sich an der Engstelle bilden, mit dem Blutstrom ins Gehirn schießen und dort Gefäße verstopfen (embolus: lateinisch "Gefäßpfropf"). Im besten Fall bleibt das unbemerkt, weil körpereigene Reparaturmechanismen die Durchblutung wieder herstellen. Im schlimmsten Fall jedoch kommt es zum Schlaganfall, der, wird er nicht schnell behandelt, bleibende Schäden hinterlassen kann: von Lähmungen über Sprach- und Sprechstörungen bis hin zu völliger Pflegebedürftigkeit.


Auslöser für einen Schlaganfall: Ablagerungen in der Teilungsstelle der Karotisarterie

W&B/Jörg Neisel

Engstelle im Hals rechtzeitig behandeln

Nicht selten wird die Engstelle im Hals erst entdeckt, wenn schlaganfallverdächtige Symptome aufgetreten sind oder sich schon ein Schlaganfall entwickelt hat. "Bei Menschen mit erhöhtem Risiko für Arterienverkalkung sollten idealerweise auch die Halsschlagadern regelmäßig untersucht werden", sagt Professor Hans-Henning Eckstein, Direktor der Klinik und Poliklinik für Vaskuläre und Endovaskuläre Chirurgie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Dafür genügt in der Regel eine sogenannte Doppler- bzw. Duplex-Sonografie: eine einfache und schmerzfreie Untersuchung, mit der sich die Durchblutung der Halsschlagadern gut darstellen lässt.

Wird eine Karotisstenose, wie Ärzte die Engstelle im Hals nennen, erkannt, bedeutet das nur selten, dass höchste Eile geboten ist. "In vielen Fällen genügt eine medikamentöse Behandlung", so Gefäßspezialist Eckstein. Zwar kann kein Medikament eine Arterienverkalkung rückgängig machen. Wenn aber Risikofaktoren wie Bluthochdruck, schlechte Cholesterinwerte oder Diabetes optimal behandelt werden, lässt sich verhindern, dass die Ablagerungen fortschreiten. Dadurch sinkt das Risiko für einen Schlaganfall. Zusätzlich wirken Medikamente wie Acetylsalicylsäure (ASS) der Bildung gefährlicher Blutpfröpfchen entgegen.

Eingriff nötig: Operation oder Stent?

Bei "Gefahr im Verzug", etwa weil bereits Schlaganfall-Symptome aufgetreten sind oder die Stenose trotz Therapie zunimmt, raten Experten häufig zu einem Eingriff – meist einer Operation. "Das Risiko für einen Schlaganfall lässt sich dadurch um mehr als 20 Prozent senken", sagt Hans-Henning Eckstein. Dabei öffnet der Gefäßchirurg mit einem kleinen Schnitt die Halsschlagader und entfernt die Verkalkungen (siehe Bildergalerie unten).

Eine Alternative kann es sein, die Engstelle mithilfe eines Gefäßkatheters von innen aufzudehnen und die Arterie anschließend mit einem Stent ("Gefäßstütze", siehe Bildergalerie unten) offen zu halten. Während das Einsetzen eines Stents am Herzen seit Jahrzehnten bewährt ist, um einen Infarkt abzuwehren, ist das "Stenting" zur Verhütung eines Schlaganfalls eine vergleichsweise junge Methode – und die Datenlage entsprechend dünn. Experten versuchen daher derzeit, mithilfe großer Studien herauszufinden, welcher Eingriff für welche Patienten am besten geeignet ist und die größtmögliche Sicherheit bietet.


OP und Stent kurz erklärt

  • Gefahrenstelle am Hals
    W&B/Jörg Neisel

    Operation

    Der Arzt entfernt über einen kleinen Schnitt die Ablagerungen aus der Halsschlagader. Eine "Patchplastik" (aus Kunststoff oder einem anderen Blutgefäß) sorgt dafür, dass die Arterie ihre normale Weite behält.

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  • Gefahrenstelle am Hals
    W&B/Jörg Neisel

    Stent

    Über die Leistenarterie wird unter Durchleuchtung eine Sonde in die Engstelle geschoben. Diese wird mittels eines Ballons auf der Katheterspitze aufgedehnt. Anschließend hält ein "Stent" (eine sich selbst entfaltende Gefäßstütze) die Arterie offen.

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"Starke Verkalkungen lassen sich oft nicht erfolgreich aufdehnen – deshalb wird man in diesem Fall eher operieren", sagt Eckstein. Das Einsetzen eines Stents könne dagegen die bessere Wahl sein, wenn eine Engstelle an einer für den Chirurgen schwer zugänglichen Stelle sitze, etwa nahe der Schädelbasis.

Behandler sollte viel Erfahrung besitzen

"Darüber hinaus gibt es natürlich auch Patienten, die eine Operation ablehnen", sagt Professorin Sigrid Nikol, Chefärztin der Abteilung für Klinische und Interventionelle Angiologie an der Hamburger Asklepios Klinik St. Georg. Und selbstverständlich müsse man auch das Risiko im Auge behalten, das beiden Methoden anhafte. In seltenen Fällen könne es nämlich während des Eingriffs zu einem Schlaganfall kommen.

"Die Wahrscheinlichkeit ist umso geringer, je mehr Erfahrung der Behandler mit der Methode hat", sagt Sigrid Nikol. Sie rät Betroffenen, denen ein Eingriff nahegelegt wird, sich danach zu erkundigen. Für die Qualität einer Abteilung spreche es, wenn weniger als drei Prozent der Patienten mit asymptomatischer Karotisstenose infolge des Eingriffs einen Schlaganfall bekommen. "Asymptomatisch" heißt: Die Karotisstenose hat bislang noch nicht zu Symptomen geführt. Bei "symptomatischer" Stenose, wenn bereits schlaganfalltypische Beschwerden aufgetreten sind, sollte die Zahl der Komplikationen unter sechs Prozent liegen. Im Idealfall jedoch, da sind sich die Gefäßexperten einig, versucht man, es gar nicht so weit kommen zu lassen, dass die Halsschlagader verkalkt: indem man seine Gefäße mit viel Bewegung, gesunder Ernährung und dem Verzicht auf Zigaretten so lange wie möglich jung hält.


Schlaganfall – Bei diesen Warnzeichen sofort den Notarzt rufen (112):

  • Plötzliche Lähmung, Schwäche oder Missempfindungen auf einer Körperhälfte
  • Plötzlicher Schwindel, Gleichgewichtsstörung, Gangunsicherheit bis hin zu Stürzen
  • Plötzliche Sprech- und Sprachstörungen, z. B. verwaschene Sprache, Wortfindungsstörungen
  • Plötzliche Verständnisprobleme: Gehörtes wird plötzlich nicht mehr begriffen
  • Plötzliche Sehstörungen, oft auf einem Auge, zum Beispiel Doppelbilder, Gesichtsfeldeinschränkung
  • Plötzliche Kopfschmerzen, die erstmalig auftreten und/oder ungewöhnlich stark sind

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