Blutzucker beim Sport richtig einstellen

Vor allem bei Menschen, die ihren Diabetes mit Insulin behandeln, kann der Blutzuckwert beim Sport zu tief fallen. Wie Sie Unterzuckerungen vermeiden
von Stephan Soutschek, 20.04.2017

Schwitzen und Zittern beim Sport können bei Diabetes auf Unterzucker hinweisen

Fotolia/Martinan

Regelmäßige Bewegung und das individuell passende Maß an Sport sind wichtig bei Diabetes. Das gilt sowohl bei Typ 1 als auch bei Typ 2. Bei letzterem ist Bewegung sogar ein entscheidender Bestandteil der Therapie. Denn körperliche Aktivität hilft beim Abnehmen, verbessert die Insulinempfindlichkeit und trägt somit dazu bei, den Blutzuckerspiegel zu senken.

Bei Typ-1-Diabetes ist regelmäßige Bewegung weniger therapieentscheidend, aber nichtsdestototrotz wichtig. Sie kann nicht nur das körperliche und seelische Wohlempfinden steigern, sondern auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten senken.

Unterzucker: Symptome falsch gedeutet

Kurzfristige starke Blutzuckerabsenkungen während oder nach dem Sport können aber zum Problem werden, wenn es zu gefährlichen Unterzuckerungen kommt. Diese werden beim Sport oft nicht rechtzeitig erkannt, da Betroffene mögliche Warnzeichen wie Schwitzen und Herzjagen leicht als Folgen der körperlichen Anstrengung fehldeuten.

Außerdem können solche Warnsymptome auch fehlen oder sehr spät auftreten. Unterzuckergefährdet sind vor allem Menschen mit Diabetes, die Insulin spritzen oder bestimmte Medikamente wie Sulfonylharnstoffe einnehmen. Prinzipiell können Unterzuckerungen aber alle Diabetiker beim Sport treffen.


Unterzucker beim Sport vermeiden

Will ein Diabetespatient zum ersten Mal oder nach längerer Zeit wieder Sport treiben, sollte er unbedingt vorab einen Arzt aufsuchen. Dieser kann Tipps und Empfehlungen geben. Außerdem ist für Neu- und Wiedereinsteiger ein Gesundheits-Check-up wichtig, um möglichen Beschwerden und Folgekrankheiten nachzugehen, die eine Anpassung des Sportprogramms nötig machen. So ist bei Diabetes zum Beispiel das Risiko von Herzkrankheiten erhöht. Wie gut das Herz bei körperlicher Aktivität durchblutet wird, kann der Arzt unter anderem mit Hilfe eines Belastungs-EKGs einschätzen.

Sport beeinflusst den Blutzucker bei jedem anders. Deshalb muss immer im Einzelfall geklärt werden, wie die Werte beim Sport im Lot bleiben – durch Ausprobieren, sorgfältige Kontrolle und Absprachen mit dem Arzt. Unbedingt empfehlenswert: das richtige Vorgehen in Diabetes-Schulungen zu lernen. Allgemeine Ratschläge, die für jeden passen, gibt es nicht. Die Anpassung muss immer individuell geschehen.

Beim Sport mit leicht erhöhten Werten starten

"Diabetiker sollten vor jeder sportlichen Betätigung ihren Blutzucker messen", sagt Kathleen Waidmann, Physiotherapeutin und Bereichsleiterin der Sportabteilung an der Diabetes Klinik Bad Mergentheim. "Sportliche Betätigung" meint dabei nicht nur schweißtreibenden Sport wie Joggen, Fußball oder Krafttraining, sondern auch weniger anstrengende Tätigkeiten wie leichte Radtouren oder Wandern.

Wie hoch der Blutzuckerspiegel vor dem Sport sein sollte, lässt sich nicht allgemein verbindlich sagen. Es gibt aber einige Faustregeln: Waidmann empfiehlt, dass er mindestens zwischen 150 bis 180 mg/dl (8,3 bis 10 mmol/l) liegen sollte – in Einzelfällen auch höher.


Bei Werten unter 100 mg/dl (5,6 mmol/l) zunächst ein paar schnell wirkende Kohlenhydrate in Form von Traubenzucker zu sich nehmen, die den Zuckerspiegel erhöhen. Dazu eine kleine Menge langsamer wirkende Kohlenhydrate – etwa eine Scheibe Brot. Das hilft, Unterzucker während des Sports zu vermeiden. Welche Menge im individuellen Fall die passende ist, lässt sich nicht pauschal beantworten.

Insulindosis an den Sport anpassen

Wer beispielsweise Insulin nach der intensivierten Insulintherapie (ICT) spritzt, sollte seine Insulindosis im Vorfeld entsprechend anpassen, wenn er weiß, dass er später sporteln wird. Dabei kommt es auf die Art, Intensität und Dauer der Betätigung an. Auch hier gilt: Es gibt keine pauschalen Empfehlungen. So können manche Sporttreibende zum Beispiel vom kurzwirkenden Insulin, das man vor dem Essen spritzt, etwa zehn bis fünfzig Prozent weniger spritzen, sagt Waidmann. Bei ganztägigen Unternehmungen – etwa Wandern – muss eventuell auch die Menge des langanhaltenden Basalinsulins geringer ausfallen.

Wer seinen Diabetes mit Medikamenten behandelt, sollte in Absprache mit dem Arzt auch die Tablettendosis an sein Sportprogramm anpassen. Eine alternative Möglichkeit, den Blutzucker im Lot zu halten: Etwa eine halbe Stunde vor einem (kurzen) Sportprogramm zusätzlich Kohlenhydrate essen. Die Faustregel lautet dabei, etwa eine bis zwei BE pro halbe Stunde Sport zu sich nehmen. Je nach Intensität kann der Bedarf aber auch stark abweichen. Hier gilt ebenfalls: Rücksprache mit dem Arzt halten und regelmäßig kontrollieren, ob die Werte in Ordnung sind.

Blutzucker beim Sport regelmäßig messen

Um Unterzuckerungen bei längeren Anstrengungen rechtzeitig zu bemerken, den Blutzucker währenddessen möglichst engmaschig kontrollieren. "Nach etwa einer halben Stunde sollte man zum ersten Mal messen", sagt Waidmann. Danach ist es sinnvoll, je nach Art der Tätigkeit in Abständen von 30 bis 60 Minuten die Werte erneut zu bestimmen. Für den Fall der Fälle sollten Menschen mit Diabetes beim Sport immer auf einen möglichen Unterzucker vorbereitet sein – also schnell und langsam wirkende Kohlenhydrate plus Glukagon-Spritze dabei haben sowie die Sportpartner im Vorfeld entsprechend informieren.

Bei Anzeichen für Unterzucker rasch reagieren: Zum Beispiel zwei bis vier Plättchen Traubenzucker essen, mit dem Sport pausieren und den Blutzuckerwert engmaschig kontrollieren. Damit der Zucker nicht erneut sinkt, zusätzlich langsam ins Blut gehende Kohlenhydrate essen, zum Beispiel ein bis zwei Scheiben Vollkornbrot.

Unterzuckerungen können lange nach dem Sport auftreten

Auch viele Stunden nach dem Sport kann das Unterzucker-Risiko noch erhöht sein. "Nach längeren Anstrengungen müssen die Muskeln ihren Energiespeicher wieder auffüllen", sagt Waidmann. Als Folge kann der Blutzuckerspiegel stark sinken. Gerade wer abends Sport treibt, sollte daran denken. Sonst kommt es möglicherweise nachts im Schlaf zu einer Unterzuckerung.

Wer trotz aller Vorkehrungen Probleme hat, seinen Blutzuckerspiegel beim Sport richtig einzustellen, sollte seinen Arzt erneut um Rat fragen. Ein Sporttagebuch, in dem man seine Werte protokolliert, kann helfen, der Ursache für die Unterzuckerungen auf die Spur zu kommen.

Stress und Überanstrengung können Blutzucker ansteigen lassen

Doch der Zuckerspiegel kann beim Sport nicht nur nach unten ausbrechen. Bei Insulinmangel gelangt nicht ausreichend Glukose in die Zellen. Der Blutzuckerspiegel steigt, der Körper startet ein Notfallprogramm und baut Fettgewebe ab, um die Zellen mit Energie zu versorgen. Dabei werden Ketonkörper freigesetzt, die zu einer Übersäuerung des Blutes (Ketoazidose) führen können, die im schlimmsten Fall ein diabetisches Koma verursacht. Vor allem Typ-1-Diabtiker sind davon betroffen.

Aufregung, Stress und die damit verbundene Adrenalinausschüttung können erhöhte Blutzuckerwerte zur Folge haben. Vor allem in Wettkampfsituationen kann der Blutzuckerspiegel dadurch in schwindelerregende Höhen klettern. Misst jemand vor oder beim Sport erhöhte Werte, ist vorsichtiges Vorgehen gefragt. Bei Ergebnissen jenseits 250 mg/dl (13,9 mmol/l) sollten Betroffene zunächst besser auf anstrengende Belastungen verzichten.

Erhöhte Werte vor Wettkämpfen genau beobachten

Es kann auch riskant sein, erhöhte Werte vor Wettkämpfen mit einer zusätzlichen Insulindosis zu senken. Denn unter Umständen ist der hohe Blutzuckerpegel auf die Aufregung zurückzuführen und sinkt später von selbst wieder. Hat man zusätzliches Insulin gespritzt, drohen die Werte nun zu stark abzufallen. Waidmann empfiehlt deshalb, den Blutzucker in solchen Situationen in kurzen Abständen wiederholt zu messen und die Entwicklung genau zu beobachten, bevor Insulin gespritzt wird.

Regelmäßige Blutzuckerkontrolle und ausführliche Rücksprache mit dem Arzt sind bei körperlichen Anstrengungen also das A und O. Das gilt vor allem für Neu- und Wiedereinsteiger und für alle Diabetiker, die Insulin spritzen oder Blutzucker senkende Medikamente nehmen. Doch bei entsprechender Sorgfalt und Voraussicht ist Sport meist problemlos möglich.



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