Anmelden | Registrieren
Drucken

Diabetes-Auslöser im Gehirn?

Wie ein selbstsüchtiges Gehirn und chronischer Stress zu Übergewicht und Diabetes führen


Ist die Energieversorgung des Gehirns gestört, kann daraus Übergewicht resultieren – so lautet vereinfacht die "Selfish-Brain"-Theorie

Übergewichtige Menschen haben es schwer: Nicht nur, dass sie selbst oft unzufrieden mit sich sind. Obendrein werden sie von schlanken Mitmenschen häufig als willensschwach oder maßlos abgestempelt. Nicht zu reden von den gesundheitlichen Folgen des Übergewichts: von Bluthochdruck über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Diabetes mellitus vom Typ 2.

Nach einer Theorie des Lübecker Hirnforschers und Diabetologen Professor Dr. Achim Peters sind jedoch "Maßlosigkeit" oder "Willensschwäche" keineswegs der Grund, warum immer mehr Menschen übergewichtig oder fettleibig werden. Die Wurzel des Übels, so Peters, liegt im Gehirn selbst – beziehungsweise in der Energieversorgung unseres Denkapparates.

Gehirn bestimmt über Energiefluss im Körper

Das Gehirn bestimmt, wie die Energie im Körper verteilt wird. Nach der Theorie von Achim Peters handelt es dabei selbstsüchtig, indem es stets zuerst sich selbst mit Glukose (Traubenzucker), dem wichtigsten Energielieferanten, versorgt. Erst wenn das Gehirn "satt" ist, werden die inneren Organe, die Muskeln und schließlich die Fettspeicher beliefert.

Einer der vielen Beweise für diese Theorie: Unter extremen Hungerbedingungen verlieren die inneren Organe bis zu 40 Prozent Gewicht – das Gehirn jedoch schrumpft um höchstens zwei Prozent. Studien haben zudem belegt: Bei einem Anteil von nur zwei Prozent am Körpergewicht beansprucht das Gehirn 50 Prozent des täglichen Glukose-Bedarfs. "In Stresssituationen sogar bis zu 90 Prozent", erklärt Peters.

Rund 130 Gramm Glukose braucht unser Gehirn, um seine Arbeit zu machen. Eine volle Tasse Zucker pro Tag! Wie der "Despot" in unserem Kopf sich selbst und den Körper mit Energie versorgt, untersuchen Peters und seine Mitarbeiter seit Ende der 90er-Jahre in einem Forschungsprojekt der Universität Lübeck.

Selfish-Brain-Theorie: Der Despot im Kopf

Die daraus entstandene "Selfish-Brain-Theorie" (selfish brain: engl. für "selbstsüchtiges Gehirn") ist mittlerweile international anerkannt. Peters' 2011 erschienenes Buch "Das egoistische Gehirn. Warum unser Kopf Diäten sabotiert und gegen den eigenen Körper kämpft" beschreibt nun auch für Laien die Erkenntnisse der jahrelangen Forschung.



Prof. Achim Peters

Peters und sein Team fanden auf der Grundlage von rund 10.000 Studien sowie eigenen Modellen und Analysen heraus, wie das Gehirn mithilfe des Stresssystems die Energieflüsse im Körper steuert: Benötigt das Gehirn Energie, aktiviert es das Stresshormon Adrenalin. Dieses bremst die Insulinproduktion, sodass keine Glukose mehr in die meisten Körperzellen gelangen kann und der Zuckerspiegel im Blut steigt.

Jetzt kann sich das Gehirn großzügig bedienen und Glukose "aus dem Blut ziehen". "Brain Pull" (pull: engl. "ziehen") nennen die Forscher diesen Vorgang. Hat das Gehirn seinen Bedarf gestillt, gibt es die Insulinproduktion wieder frei. Störungen des "Brain Pull" (zum Beispiel durch Stress, siehe unten) bewirken, dass zu wenig Glukose ins Gehirn gelangt. Der überwiegende Teil landet im Fett- und Muskelgewebe.

Deshalb wählt das Gehirn eine neue Strategie: Obwohl die Körperspeicher noch gefüllt sind, stimuliert es die Nahrungsaufnahme und bedient sich, wenn nach dem Essen der Blutzuckerspiegel steigt. Dies nennen die Forscher "Body Pull" (das Gehirn benutzt den Körper, engl.: "body", um sich neue Energie zu verschaffen).

Das Gehirn hungert, die Fettpolster wachsen

Unterm Strich bedeutet das jedoch: "Der Körper bekommt zu viel Glukose, während das Gehirn seinen Bedarf gerade so decken kann", erklärt Peters. Weil weiterhin nur ein kleiner Teil der mit der Nahrung aufgenommenen Glukose im Gehirn landet, wachsen die Fettpolster. Immer stärkeres Übergewicht ist die Folge. Damit nicht genug: Sind die Körperspeicher gefüllt, reichert sich die Glukose im Blut an. Der Blutzuckerspiegel steigt – und ein Typ-2-Diabetes bahnt sich an.

Störungen in der Energieversorgung des Gehirns können verschiedene Ursachen haben. Die vermutlich wichtigste, so Peters, ist chronischer Stress. Studien weisen darauf hin, dass Menschen, die chronischen Stress nicht meistern können, im Wesentlichen auf zwei Arten reagieren:

Bei den einen schlägt das Stresssystem jedes Mal voll aus, der "Brain Pull" funktioniert, das Gehirn ist gut mit Energie versorgt. Die Stresshormone nagen jedoch auf Dauer an der Gesundheit. Ungewollte Gewichtsabnahme und Depressionen können die Folge sein.

Bei den anderen leiert das Stresssystem gewissermaßen aus, die Insulinausschüttung wird nicht mehr effektiv gebremst. Dann schaltet das Gehirn um von "Brain Pull" auf "Body Pull" – und sorgt dafür, dass wir immer häufiger in die Küche wandern, um für Energie-Nachschub zu sorgen.

"Gestresste werden entweder depressiv oder dick"

"Vereinfacht gesagt werden Menschen, die mit chronischem Stress nicht zurechtkommen, entweder depressiv oder dick", resümiert Peters. Die Selfish-Brain-Theorie könnte also eine Erklärung für gleich zwei "Epidemien" unserer Zeit liefern: Übergewicht und Depressionen.

Auch für die Therapie des Typ-2-Diabetes wirft die Selfish-Brain-Theorie Fragen auf. Peters bezweifelt, dass eine intensive Blutzuckersenkung mit Insulin die Ideallösung ist. Denn Insulin senkt den Blutzucker, indem es Zucker in Muskel- und Fettgewebe schaufelt. Im Gehirn kommt jedoch weiterhin zu wenig an. Die Folge: Es gibt immer häufiger das Kommando zum "Essen fassen", um seinen Energiehunger zu stillen.

Wünschenswert, so Peters, sei eine Therapie, die den Blutzucker verbessert, ohne gleichzeitig dem Gehirn Energie vorzuenthalten. "Bei Menschen mit fortgeschrittenem Typ-2-Diabetes gibt es derzeit aber keine Alternative zur Insulintherapie", so Peters.

Die beste Therapie ist Sport

Immerhin: Der Trend geht schon seit Jahren weg von einer "Zucker-runter-um-jeden-Preis"-Therapie, hin zu einer individuell angepassten Insulingabe. Die Dosis sollte dabei laut Peters so gewählt werden, dass der Diabetiker nicht zunimmt und keine schweren Unterzuckerungen riskiert – denn das wäre die größtmögliche Energiekrise des Gehirns. Besser sei es, leicht erhöhte Zuckerwerte in Kauf zu nehmen.

Die beste Möglichkeit, den Brain Pull zu trainieren und sein Gehirn bei der Energieversorgung zu unterstützen, ist regelmäßiger Sport. "Das ist zwar gerade für Menschen mit Diabetes, die womöglich schon Folgeerkrankungen haben, nicht immer leicht", sagt Peters. Bewegung bleibt aber auch nach der Selfish-Brain-Theorie ein zentraler Teil der Diabetestherapie. Vor allem aber müsse man damit schon viel früher ansetzen – lange bevor sich Übergewicht oder gar Diabetes einstellen. Peters’ Tipp: "Einen starken Brain Pull kann man von Kindesbeinen an gezielt trainieren."


Ich zuerst! Die Selfish-Brain-Theorie

Das Gehirn regelt die Versorgung der Organe mit Glukose. Dabei sorgt es dafür, dass sein eigener Bedarf stets zuerst gedeckt wird.
Die "Selfish-Brain-Theorie" (Theorie vom "selbstsüchtigen Gehirn") des Lübecker Forschers Achim Peters erklärt, wie Störungen der Energieversorgung des Gehirns zu Übergewicht und Typ-2-Diabetes, aber auch zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen führen können.

 



Simone Herzner / Diabetes Ratgeber; 08.12.2011, aktualisiert am 15.12.2011
Bildnachweis: W&B/R. Frommann, Brand X Pictures/RYF

Forschung

Diabetes-Forschung

Aktuelle Informationen aus der medizinischen Forschung und Wissenschaft »

Diabetes-Risiko

Typ-2-Diabetes

Informationen über Früherkennung, Vorbeugung, Diagnose und Therapie »

Selbst-Test

Wie hoch ist Ihr Risiko, an Diabetes zu erkranken? Machen Sie den Test! »

Fitness für Diabetiker

Sport hilft gegen Diabetes! Infos und Anregungen für Neulinge und Profis »

Newsletter

Immer gut informiert mit dem kostenlosen Newsletter des Diabetes Ratgeber »

Spezials zum Thema

Übergewicht: Wenn die Waage zu viel Pfunde anzeigt

Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 bis 29 haben Übergewicht. Meist liegt es an der Ernährung und an mangelnder Bewegung »

Sudoku

Die beliebte japanische Knobelei in unendlichen Variationen hier online spielen »

© Wort & Bild Verlag GmbH & Co KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages

Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung