Auf den ersten Blick nicht gerade eine Sensation, was Forscher des Deutschen Diabetes-Zentrums und des Instituts für Umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf kürzlich meldeten: Luftverschmutzung macht krank. Dann die Überraschung. Denn nicht von Asthma oder gar Lungenkrebs ist die Rede; Krankheiten, deren Zusammenhang mit Schadstoffen, die über die Lungen in den Körper gelangen, relativ unstrittig ist. Sondern von Typ-2-Diabetes. Jener Form der Zuckerkrankheit, die vor allem als Folge von zu vielen Kalorien und zu wenig Bewegung gilt.
Die Wissenschaftler hatten eine Studie gemacht, an der 16 Jahre lang knapp 2.000 Frauen aus dem Ruhrgebiet teilnahmen. Anhand der Daten von Messstationen, Umweltbehörden und eigenen Messungen ermittelten die Forscher, wie hoch die Belastung mit Feinstaub und Stickstoffdioxid am Wohnort jeder einzelnen Teilnehmerin war. Und stellten fest: Je mehr Schadstoffe in der Luft waren, desto häufiger entwickelten die Frauen einen Typ-2-Diabetes. Und zwar unabhängig von anderen Diabetes-fördernden Einflüssen, wie beispielsweise Übergewicht oder Alter.
Erst Entzündung, dann Diabetes?
Über die Ursachen können die Forscher nur spekulieren. "Möglicherweise", so Professor Michael Roden vom Deutschen Diabetes-Zentrum, "fördern Schadstoffe aus der Luft Entzündungsreaktionen, die den Stoffwechsel beeinflussen und die Entwicklung eines Diabetes anregen."
Dabei sind die Düsseldorfer Forscher nicht die ersten, die auf solche Zusammenhänge hinweisen. Versuche mit Mäusen haben bereits früher gezeigt, dass Feinstaub die Entstehung einer Insulinresistenz und damit eines Typ-2-Diabetes begünstigt, erklärt Dr. Wolfgang Rathmann, der am Diabetes-Zentrum die Arbeitsgruppe "Epidemiologie" leitet.
Forscher aus den USA fanden vor wenigen Monaten heraus: Die Zahl der Menschen, die an Typ-2-Diabetes erkranken, hängt direkt mit der Feinstaubbelastung zusammen. Ein Anstieg der Feinstaubbelastung um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter erhöhte die Zahl der Neu-Diabetiker den Forschern zufolge um ein Prozent.
Auch Pestizide unter Verdacht
Aus den USA stammt auch eine Studie, der zufolge Pestizide eine Teilschuld an der derzeitigen Diabetes-Epidemie haben könnten. Sogar solche, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr verwendet werden. Bis zu ihrem Verbot 1988 wurden in den USA Chlordan-haltige Pestizide zur Termitenbekämpfung in rund 30 Millionen Häusern versprüht. Was möglicherweise nicht nur den Krabbeltieren zu Leibe rückte.
Noch heute sind die Pestizide in der Atemluft der Bewohner nachweisbar – vermutlich deshalb, weil sie sich in deren Fettgewebe angereichert haben. Das könnte auch erklären, warum in Gegenden mit besonders hohem Pestizid-Einsatz deutlich mehr Typ-2-Diabetiker leben. Denn das Fettgewebe, so weiß man heute, ist keine träge Masse. Vor allem das Bauchfett produziert Botenstoffe, die den Zuckerhaushalt, aber auch den Blutdruck und das Risiko für Arterienverkalkung beeinflussen.
Doch nicht nur in der Luft scheinen unbekannte Risiken zu lauern, sondern auch im Supermarkt um die Ecke. Allerdings ist diesmal weniger von dick machenden Nahrungsmitteln die Rede als von ihrer Verpackung. Sie enthält nicht selten das durchsichtige Kunstharz BisphenolA (BPA). Eine begehrte Substanz: 410.000 Tonnen davon werden allein in Deutschland jährlich produziert.
BPA steckt in Babyfläschchen und Plastikschüsseln genauso wie in Konservendosen oder Folienverpackungen und in zahllosen anderen Produkten. Bislang galt BPA zwar als relativ harmlos. Dennoch mehren sich in den letzten Jahren die Hinweise, dass die Chemikalie gesundheitliche Probleme fördert.
Fördert Plastik im Blut Diabetes?
Britische Forscher stellten in einer Studie mit rund 3.000 Erwachsenen fest: Je mehr BPA im Blut nachweisbar war, desto häufiger litten die Teilnehmer an Diabetes vom Typ 2 und einer Verkalkung der Herzkranzgefäße. Die Forscher vermuten: BPA imitiert im Körper bestimmte Botenstoffe, die Entzündungen fördern und somit das Risiko für Diabetes und Gefäßverkalkungen erhöhen. Zudem steht BPA unter Verdacht, Krebs zu fördern.
Um zumindest Säuglinge und Kleinkinder keinen unnötigen Risiken auszusetzen, hat die amerikanische Zulassungsbehörde FDA im Januar 2010 gefordert, dass Nahrungsmittel von Säuglingen und Kleinkindern keinen Kontakt zu BPA haben sollten.
Zusammenhänge schwer zu beweisen
Wie hoch der Anteil von Feinstaub, Pestiziden oder Bisphenol A an Krankheiten wie Diabetes tatsächlich ist, lässt sich nur schwer ermitteln. Epidemiologische Studien können höchstens beweisen, dass ein statistischer Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen besteht. Zum Beispiel zwischen Feinstaubbelastung am Wohnort und Diabeteshäufigkeit. Dass das eine mit dem anderen ursächlich zusammenhängt, bleibt vorläufig Spekulation.
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Eine einfache Erklärung für den statistischen Zusammenhang könnte zum Beispiel sein: Wer wenig verdient, wohnt eher dort, wo die Mieten billiger sind. Etwa in der Mietskaserne nahe der Stadtautobahn. Während höhere Einkommensklassen sich im grünen Vorstadt-Gürtel niederlassen, wo die Luft deutlich besser ist. Niedriges Einkommen ist jedoch, genau wie eine schlechtere Ausbildung, ein Risikofaktor für Typ-2-Diabetes – vermutlich unter anderem deshalb, weil eine gesunde Ernährung nicht immer billig ist.
Die Düsseldorfer Forscher haben diesen Faktor übrigens berücksichtigt. Sie verglichen die Diabetesrate mit dem Bildungsstand der Teilnehmerinnen und stellten fest, dass die Feinstaubbelastung das Diabetesrisiko unabhängig davon erhöhte. Ein weiteres Indiz, das den Verdacht erhärtet. Aber noch kein Beweis.
Mehr gezielte Forschung nötig
Einer, der schon lange vor möglichen "Nebenwirkungen" von Substanzen wie BPA warnt, ist der Berliner Hormonforscher und Toxikologe Professor Gilbert Schönfelder. Er fordert gezieltere Forschungen. Zum Beispiel Versuche, in denen untersucht wird, wie sich verdächtige Substanzen im Körper auswirken. Auch, so der Toxikologe, müsse man mehr darüber herausfinden, wann ein Mensch besonders anfällig auf Umwelt-Schadstoffe reagiere – um ihn gezielter schützen zu können. Zum Beispiel in der Kindheit, bei Übergewicht oder chronischen Entzündungen.
Ein erster Schritt, sein Diabetesrisiko – und das seiner Mitmenschen – zu senken, wäre übrigens, mit dem Rauchen aufzuhören. Denn nicht nur Raucher erkranken häufiger an Diabetes, sondern auch diejenigen, die den blauen Dunst unfreiwillig inhalieren.
Professor Dr. Michael Roden ist Direktor des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) in Düsseldorf
Diabetes wird immer häufiger. Glauben Sie, dass daran auch Umweltschadstoffe schuld sind?
Nach wie vor stellen Lebensstil und Vererbung das Hauptrisiko für Typ-2-Diabetes dar. Daneben scheinen Umweltfaktoren einen gewissen Einfluss zu haben. Exakt beziffern lässt er sich nicht.
Welche Umweltfaktoren sind besonders verdächtig?
Neben Feinstaub und Stickstoffdioxiden aus dem Straßenverkehr vor allem Bisphenol A und Weichmacher aus Plastik. Möglicherweise spielt auch die Belastung des Trinkwassers mit Arsen oder Dioxine aus Pestiziden eine Rolle.
Weiß man etwas über die genauen Zusammenhänge?
Nicht allzu viel. Es gibt Hinweise darauf, dass Entzündungsvorgänge in Gang gesetzt werden und es zu Veränderungen im Immunsystem kommt, die die Entwicklung einer Insulinresistenz und damit eines Diabetes mellitus vom Typ 2 fördern. Hier ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten.
Ihr persönlicher Rat?
Ganz einfach: gesund leben, nicht rauchen und regelmäßig zum Arzt.
Dr. Christina Corente / Dr. Andreas Baum, Diabetes Ratgeber;
28.01.2011, aktualisiert am 01.06.2011
Bildnachweis: Panthermedia/Daniel Petzold, Thinkstock/iStockphoto, Thinkstock/Hemera, W&B/Privat
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