Gibt es Unterzucker ohne Diabetes?

Zittern, Schwitzen, Heißhunger: Diese typischen Unterzucker-Symptome kennen auch Menschen ohne Diabetes. Aber kann bei ihnen der Blutzucker wirklich gefährlich tief sinken?
von Tina Haase, aktualisiert am 23.02.2017

Unterzucker-Kopfweh kennen viele. Diabetes muss nicht im Spiel sein

Jupiter Images GmbH/Photos.com

Sie tun so, als würden sie in Ohnmacht fallen, nur weil sie ein paar Stunden nichts gegessen haben: "Ich habe Unterzucker", jammern sie. Zum Beispiel wenn ihr Mittagessen nicht Punkt zwölf auf dem Tisch steht. Dabei haben sie gar keinen Diabetes.

Echter Unterzucker selten ohne Diabetes

Was Unterzucker bedeutet: Das wissen Menschen mit Diabetes nur zu genau. Für sie kann er schließlich lebensbedrohlich sein. Aber bei Nicht-Diabetikern? Eigentlich macht eine funktionierende Bauchspeicheldrüse keine Fehler. Sie schüttet genauso viel Insulin aus, wie der Körper braucht, und die Leber gibt im Bedarfsfall gespeicherten Traubenzucker ab.


Doch so einfach ist das nicht, sagt Professor Dr. Georg Brabant, Leiter der Endokrinologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Der Hormonspezialist beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Menschen, die unter Anzeichen einer Unterzuckerung leiden, obwohl sie keinen Diabetes haben. "Man muss unterscheiden", sagt Brabant, "ob der Betroffene wirklich eine Hypoglykämie, also eine Unterzuckerung, hat – oder nur die typischen Symptome."

Gehirn fordert Kohlenhydrate ein

Diese können sich einstellen, wenn der Zuckerspiegel unter etwa 70 mg/dl bzw. 3,9 mmol/l fällt – bei Menschen, die einen eher höheren Blutzucker gewohnt sind, auch schon bei höheren Werten. Das Gehirn hat dann das Gefühl, dass es zu wenig Zucker bekommt, und fordert ihn ein. Der Körper schüttet Botenstoffe aus, die Zittern, Schwitzen und Heißhunger verursachen. Gefahr besteht jedoch noch nicht. Die Botschaft des Körpers ist lediglich: "Nimm Kohlenhydrate zu dir."

Sinkt der Wert bei einem Nicht-Diabetiker allerdings unter 45 mg/dl (2,5 mmol/l), muss der Sache auf den Grund gegangen werden. Denn für solche tiefen Werte können auch Krankheiten verantwortlich sein – etwa Erkrankungen der Leber oder der Nebennieren.

Unterzuckert durch zu viel Süßes

Typischerweise treten bei Gesunden Unterzucker-Symptome auf, wenn sie ausgiebig Sport getrieben haben und die Zuckerspeicher leer sind oder wenn sie unregelmäßig essen. Paradox: Manchmal sorgt sogar zu viel Zucker für Unterzucker, etwa wenn jemand eine ganze Tüte Gummibärchen auf einmal verschlingt. Der Grund, so Brabant: "Schnell verdauliche Kohlenhydrate lassen den Blutzucker stark steigen. Die Bauchspeicheldrüse setzt daraufhin viel Insulin frei. Dies bewirkt, dass die Glukose im Blut rasch sinkt. Das Gehirn registriert das schnelle Abfallen des Blutzuckerspiegels – und fordert neuen Zucker." Das Resultat: Heißhunger. Ein Teufelskreis.

Damit der Blutzucker bei einem gesunden Menschen in einen kritischen Bereich sinkt, muss viel zusammenkommen. "Das passiert etwa, wenn man länger nichts gegessen hat, ausgiebig Sport treibt und dann Bier trinkt", erklärt Georg Brabant. Zunächst verbraucht der Körper die schnell verfügbare Glukose aus dem Getränk. Doch dann zapft er die Speicher in der Leber an. Durch den Alkohol kann diese aber nicht ausreichend neuen Zucker herstellen. Es kann zur Unterzuckerung kommen, wenn der Betroffene nicht schnell etwas isst.

Die richtige Blutzucker-Strategie

Was sollten Gesunde also bei Unterzucker-Symptomen tun? Traubenzucker, ein Glas Saft oder zuckerhaltige Limonade helfen rasch. Was lässt sich vorbeugend tun? "Mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt zu sich nehmen", rät Brabant. Er empfiehlt Lebensmittel, die den Blutzucker langsam ansteigen und gemächlich  wieder abfallen lassen – etwa Vollkornprodukte, Joghurt und Hülsenfrüchte.

Pünktlich in der Kantine zu erscheinen ist ebenfalls eine schlaue Strategie, um Unterzucker-Symptome zu vermeiden. Jetzt muss nur noch das  Richtige auf den Tisch.



Lesen Sie auch:

Müde Frau

Unterzuckerungen nachts vermeiden »

Viele Zuckertiefs treten im Schlaf auf. Wie nächtliche Unterzuckerungen entstehen und wie Menschen mit Diabetes sich vor ihnen schützen »

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Newsletter: Grüne Taste

Newsletter

Immer gut informiert mit dem kostenlosen Newsletter des Diabetes Ratgeber »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages