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Unterzucker: Fragen und Fakten

Wie machen sich tiefe Blutzuckerwerte bemerkbar? Welche Ursachen gibt es? Und was hilft, wenn man die Warnzeichen nicht mehr spürt?


Wer Sport treibt, ohne vorher die Insulindosis zu senken, riskiert eine Unterzuckerung

Neun von zehn Diabetikern, die Insulin spritzen, haben schon Unterzuckerungen gehabt. In einer Studie berichteten Patienten mit Typ-1-Diabetes über durchschnittlich 43 Unterzuckerungen pro Jahr, bei den Patienten mit Typ-2-Diabetes waren es immerhin 16. Auch Diabetestabletten, die die Insulinproduktion anregen – vor allem Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid –, erhöhen das Risiko für eine Unterzuckerung.

Normalerweise keine große Sache: Ein paar Plättchen Traubenzucker oder ein Glas Cola treiben den Zuckerspiegel rasch wieder hoch. Gefährlich wird es, wenn jemand den fallenden Blutzuckerspiegel nicht bemerkt. Dann kann der Zucker so tief sinken, dass man nicht mehr gegensteuern kann und im Extremfall das Bewusstsein verliert. Ein Problem, das beispielsweise viele Typ-1-Diabetiker haben, die ihren Diabetes sehr streng einstellen und deshalb häufig Unterzuckerungen bekommen.

Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Unterzuckerung für Sie zusammengestellt.



Wann spricht man von einer Unterzuckerung?



Sinkt der Blutzuckerspiegel unter 60 mg/dl, wird es kritisch

Von einer Unterzuckerung spricht man in der Regel, wenn der Blutzuckerspiegel unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) sinkt. Es gibt aber keinen klaren Grenzwert. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Unterzucker-Symptome bei ganz unterschiedlichen Blutzuckerwerten auftreten können.

Die ersten Anzeichen wie Zittern, Schwitzen oder Herzklopfen spüren vor allem schlecht eingestellte Diabetiker oft schon bei höheren Werten. Sind die Werte dagegen meist niedrig, macht sich eine Unterzuckerung erst bei sehr tiefen Werten bemerkbar. Der Münchner Diabetologe Dr. Christoph Neumann rät: "Ab einem Blutzuckerwert von 70 mg/dl (3,9 mmol/l) sollte man mit schnell wirkenden Kohlenhydraten gegensteuern."


Wer ist gefährdet?



Wer mehrmals täglich Insulin spritzt, ist besonders gefährdet

Am häufigsten sind Unterzuckerungen bei Menschen mit Typ-1-Diabetes, die mehrmals täglich Insulin spritzen. Die Insulinmenge perfekt auf Essen und körperliche Aktivität abzustimmen ist schwierig. Wählt man die Dosis zu hoch, ist zu viel Insulin im Blut und der Zuckerspiegel sinkt zu tief.
Gefährdet sind auch Typ-2-Diabetiker, die Insulin spritzen oder bestimmte Tabletten einnehmen, die die Insulinausschüttung steigern. Dazu gehören vor allem Sulfonylharnstoffe (Glibenclamid, Glimepirid, Gliclazid, Gliquidon) und Glinide (Repaglinid, Nateglinid). Bei den Gliniden ist das Unterzucker-Risiko geringer, weil sie nur zum Essen eingenommen werden und sehr kurz und rasch wirken.


Was löst Unterzuckerungen aus?



Wer Sulfonylharnstoffe einnimmt, sollte vor sportlichen Aktivitäten eventuell die Dosis senken

Sport: Muskelarbeit verbessert die Insulinwirkung. Wer vorher nicht die Dosis senkt oder mehr Kohlenhydrate isst, riskiert eine Unterzuckerung. Auch Typ-2-Diabetiker, die Sulfonylharnstoffe oder Glinidtabletten einnehmen, sollten vor dem Sport eventuell die Dosis senken. Am besten rechtzeitig mit dem Arzt besprechen. Wichtig: Unterzuckerungen nach Sport können noch mit etlichen Stunden Verzögerung auftreten. Das hängt damit zusammen, dass der Zucker leichter aus dem Blut in die Zellen geschleust wird.

Essen vergessen: Wer Insulin gespritzt oder Diabetestabletten eingenommen hat und dann eine Mahlzeit weglässt, muss mit einer Unterzuckerung rechnen. Das gilt auch, wenn ein Diabetiker, der schnell wirkendes Insulin spritzt, den Kohlenhydratgehalt einer Mahlzeit zu hoch einschätzt und mehr Insulin spritzt als nötig. Fett verzögert die Aufnahme von Kohlenhydraten – deshalb kann auch eine fettreiche Mahlzeit bei Diabetikern, die schnell wirkendes Insulin zum Essen spritzen, Unterzuckerungen fördern.

Zu schnelle Insulinwirkung: Spritzt man Insulin versehentlich in den Muskel oder ein Blutgefäß, wirkt es schneller. Auch Wärme (Sauna, Badewasser, Sonnenbad) beschleunigt die Insulinwirkung.

Alkohol: bremst die Zuckerneubildung in der Leber. Wer abends Alkohol trinkt, muss nachts und am nächsten Morgen mit Unterzuckerungen rechnen.

Zu viel Basalinsulin: Ist die abendliche Basalinsulindosis zu hoch, kann man nachts unterzuckern. Ebenso, wenn man herkömmliches Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin) zu früh (vor 22.00 Uhr) oder in den Bauch spritzt. Dann wirkt es am stärksten, wenn der Insulinbedarf am niedrigsten ist: zwischen Mitternacht und zwei Uhr früh.

Gewichtsabnahme: kann den Insulin- oder Tablettenbedarf ebenfalls verringern.


Welche Warnzeichen zeigen, dass der Zucker fällt?



Schwere Unterzuckerungen können sich in Sehstörungen oder Schwindel äußern

Die Warnzeichen einer Unterzuckerung und die Werte, ab denen sie auftreten, sind von Mensch zu Mensch verschieden. Typisch bei einer leichteren Unterzuckerung sind beispielsweise Zittern, Schwitzen, Herzklopfen, ein Kribbeln oder pelziges Gefühl um den Mund und Heißhunger.

Sinken die Werte weiter, kommt es durch den Zuckermangel im Gehirn zu Symptomen wie Konzentrations-, Sprach- und Sehstörungen, Schwindel, und oft auch zu Verhaltensauffälligkeiten. Manche Diabetiker werden aggressiv, andere verhalten sich eher albern. Schwerste Unterzuckerungen können Krampfanfälle auslösen und zur Bewusstlosigkeit führen.


Was hilft bei einer Unterzuckerung?



Mit schnell wirkenden Kohlenhydraten lassen sich sinkende Zuckerwerte abfangen

Bei ersten Anzeichen einer Unterzuckerung oder einem Blutzuckerwert unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l): sofort schnell wirkende Kohlenhydrate zu sich nehmen. Meist genügen ein bis zwei BE/KE, beispielsweise zwei bis vier Plättchen Traubenzucker. Praktisch ist Flüssigtraubenzucker in Tube oder Beutel aus der Apotheke. Auch mit Zucker gesüßte Getränke eignen sich. Weniger geeignet sind fetthaltige Süßigkeiten, da Fett die Aufnahme der Kohlenhydrate ins Blut verzögert.

Nach etwa 15 bis 30 Minuten sollte man prüfen, ob der Blutzucker gestiegen ist. Falls nicht: etwa eine BE/KE schnelle Kohlenhydrate einnehmen. Wenn die Unterzuckerung durch körperliche Aktivität entstanden ist, sollte man zusätzlich ein bis zwei BE/KE lang wirkender Kohlenhydrate essen, beispielsweise ein bis zwei Scheiben Vollkornbrot mit Butter, rät Diabetologe Christoph Neumann. Wer weiter Sport treiben oder Auto fahren will, muss warten, bis sein Blutzucker wieder im normalen Bereich liegt.


Warum spüre ich zu tiefe Werte nicht?



In speziellen Schulungen kann die Wahrnehmung von Unterzuckerungen trainiert werden

Durch häufige Unterzuckerungen oder wenn man diese nicht rechtzeitig behandelt, kann sich der Körper an niedrige Blutzuckerwerte gewöhnen. Die typischen Warnzeichen wie Zittern, Schwitzen oder Herzklopfen werden immer schwächer und können irgendwann ganz ausbleiben. Die Unterzuckerung macht sich dann vielleicht erst durch Symptome bemerkbar, die der Zuckermangel im Gehirn verursacht, zum Beispiel Sehstörungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Verwirrung.

Auch ein lange bestehender Typ-1-Diabetes kann dazu führen, dass das körpereigene Schutzsystem (siehe unten) nicht mehr so gut funktioniert. "Die Unterzucker-Wahrnehmung lässt sich wieder bessern, indem man die Werte mehrere Wochen etwas höher hält und Unterzuckerungen strikt vermeidet", sagt Diabetologe Christoph Neumann. Helfen können auch Schulungen, in denen die Unterzucker-Wahrnehmung trainiert wird. Spezialisierte Praxen und einige Diabeteskliniken bieten solche Kurse an.


Hilfe durch andere



Wichtig: Vom aggressiven Verhalten des Partners nicht provozieren lassen!

Angehörige erkennen Unterzuckerungen oft schneller als der Betroffene selbst, etwa an einem aggressiven Verhalten. Wichtig ist, dass man sich davon nicht provozieren lässt. Das Verhalten ist nicht persönlich gemeint, sondern liegt daran, dass das Gehirn nicht genug Zucker bekommt. Am besten fordert man den Diabetiker ruhig und bestimmt auf, schnell wirkende Kohlenhydrate wie Traubenzucker zu sich zu nehmen.
Bei Bewusstlosigkeit können auch Laien mit einer Glukagon-Injektion helfen. Das Set verschreibt der Arzt. Bei einer schweren Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit zögern Sie nicht, den Notarzt zu rufen.
Wichtig: Versuchen Sie nie, einem Bewusstlosen etwas einzuflößen.


Schaden Unterzuckerungen dem Gehirn?



Zum Zusammenhang zwischen Unterzuckerungen und Gedächtnisleistung ist die Datenlage widersprüchlich

Bei einem sehr tiefen Blutzuckerspiegel bekommt das Gehirn nicht mehr genug Zucker. Das macht sich durch vorübergehende Konzentrations- und Gedächtnisstörungen bemerkbar. Möglicherweise können schwere Unterzuckerungen auch zu bleibenden Hirnschäden führen – ganz sicher ist das aber nicht. Einer Studie mit über 16.000 Typ-2-Diabetikern zufolge verdoppeln bereits drei schwere Unterzuckerungen die Wahrscheinlichkeit, später an einer Demenz zu erkranken.

In einer Studie mit mehr als 1.000 Typ-1-Diabetikern war dagegen auch nach mehr als fünf schweren Unterzuckerungen die Hirnleistung nicht beeinträchtigt.
Bei älteren Menschen, die Unterzuckersymptome nicht so gut spüren, kann es daher sinnvoll sein, die Werte etwas höher zu halten. Das gilt auch bei Herzproblemen. Unterzuckerungen führen bei einem geschädigten Herzen zu einer Mangelversorgung. Dadurch steigt die Gefahr von Herzrhythmusstörungen.

Gegenregulation – Was im Körper abläuft


Droht eine Unterzuckerung, aktiviert der Körper Hormone, die den Blutzuckerwert wieder ansteigen lassen. Auf diese "Gegenregulation", die bei Gesunden zuverlässig funktioniert, können sich Diabetiker allerdings nicht immer verlassen. Die Übersicht (pdf zum Download) zeigt, wie die Gegenregulation funktioniert:

Übersicht: Gegenregulation – was im Körper abläuft


Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber; 04.04.2011, aktualisiert am 26.03.2012
Bildnachweis: W&B/Schneider & Sporrer, W&B/Birgitta Kowsky, W&B/Simon Katzer, Fotolia/Martinan/2011, W&B/Winfried Fischer, W&B/Achim Graf, Thinkstock/BananaStock, W&B/Bert Bostelmann, W&B/Szczesny, Thinkstock/Hemera

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