Wird ein Diabetiker wegen einer schweren Unterzuckerung bewusstlos, kann eine Glukagon-Injektion helfen
Rettende Spritze: Glukagon-Set für den Notfall (Um das komplette Bild zu sehen, bitte auf die Lupe klicken!)
Als Erika W. vom Einkaufen zurückkommt, ahnt sie nichts Gutes: Schon im Treppenhaus hört sie den Hund bellen, und als sie die Türe öffnet, läuft er sofort ins Wohnzimmer. Dort findet sie ihren Mann Heinz auf der Couch liegen. Sein Gesicht ist blass und schweißbedeckt, er scheint tief zu schlafen. Er reagiert auch nicht, als seine Frau ihn anspricht und an der Schulter rüttelt. Erika W. kennt die Symptome. Ihr Mann ist seit Jahren Diabetiker und spritzt mehrmals am Tag Insulin. Manchmal wählt er versehentlich eine zu hohe Dosis. Dann sinkt sein Blutzuckerspiegel stark ab – vor allem, wenn er die Unterzucker- Warnsymptome nicht bemerkt und nicht schnell etwas isst, was den Zucker wieder steigen lässt. Im schlimmsten Fall wird Heinz W. dann sogar bewusstlos. Zum Glück hat der Arzt ihm für diesen Fall ein Glukagon-Set verschrieben. Frau W. holt es aus dem Kühlschrank und setzt ihrem Mann eine Spritze in den Oberschenkel. Es dauert nicht lange, und Heinz W. schlägt die Augen wieder auf.
So wirkt die rettende Spritze
Das Hormon Glukagon ist der natürliche Gegenspieler von Insulin. Genau wie Insulin wird es in der Bauchspeicheldrüse gebildet. Während Insulin den Blutzucker senkt, lässt Glukagon ihn steigen – vor allem dadurch, dass es den in der Leber gespeicherten Zucker schnell ins Blut entleert. Normalerweise schüttet der Körper Glukagon aus, wenn eine Unterzuckerung droht. In manchen Situationen reicht das aber nicht. Spritzt sich ein Diabetiker beispielsweise eine viel zu hohe Insulindosis oder vergisst er, eine Mahlzeit einzunehmen, kann der Blutzucker trotz aller Gegenmaßnahmen des Körpers stark sinken. Hinzu kommt, dass beim Typ-1-Diabetes mit der Zeit auch die Glukagon-Produktion nachlässt, so dass dem Körper dann diese wichtige Hilfe im Unterzucker fehlt.
Das körpereigene Warnsystem kann versagen
Bei manchen Diabetikern ist auch das Alarmsystem gestört, das dafür sorgt, dass Glukagon ausgeschüttet wird. Mögliche Gründe: Durch einen langjährigen Diabetes bzw. durch häufige Unterzuckerungen ist das Alarmsystem „stumpf“ geworden, die typischen Unterzucker- Warnsymptome werden nur eingeschränkt oder gar nicht mehr wahrgenommen.
Kommt es zu einer schweren Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit, ist schnelle Hilfe nötig. Keinesfalls sollte nun versucht werden, dem bewusstlosen Diabetiker etwas einzuflößen. Dabei könnte Flüssigkeit in die Luftröhre geraten und zu Atemnot führen.
Um zu verhindern, dass bei dem Bewusstlosen die Zunge zurücksinkt und den Eingang zur Luftröhre blockiert, muss er zuerst in die stabile Seitenlage gebracht werden. Erst dann sollte der Helfer die Glukagon-Spritze setzen. In dem Notfallset befindet sich eine leicht verständliche Kurzanleitung.
So einfach geht‘s:
Wacht der Bewusstlose nach einigen Minuten auf, braucht er zwei bis drei schnell wirkende BE bzw. KE, damit er nicht erneut bewusstlos wird (z.B. vier bis sechs Traubenzuckertäfelchen oder zwei bis drei Gläser (0,1 l) zuckerhaltige Limonade). Anschließend sollte er noch ein bis zwei weitere (langsame) BE/KE wie Brot oder Banane zu sich nehmen.
Wichtig: Wacht der bewusstlose Diabetiker nach der Glukagon-Spritze nicht innerhalb weniger Minuten auf oder fühlt sich der Helfer mit der Situation überfordert, sollte er sofort den Notarzt mit der Information "Diabetiker im Unterzucker" verständigen.
Wer braucht das Set?
Jeder insulinpflichtige Diabetiker sollte ein Glukagon-Set besitzen. Das gilt auch für Diabetiker, die Sulfonylharnstoff-Tabletten einnehmen und zu Unterzucker neigen. Das Glukagon-Set ist ungekühlt bis zu 18 Monate haltbar, sollte aber, wenn es nicht mitgeführt wird, bei 2 bis 8 Grad Celsius im Kühlschrank gelagert werden. Es muss vom Arzt verschrieben werden und ist in Apotheken erhältlich. Wichtig: Bei Unterzuckerung nach größeren Alkoholmengen kann die Wirkung des Glukagons ausbleiben, weil Alkohol die Zuckerneubildung in der Leber hemmt. Nach ausgiebiger anstrengender körperlicher Arbeit oder Sport bis zur Erschöpfung sind die Zuckerreserven der Leber bereits so weit aufgebraucht, dass Glukagon kaum noch einen Blutzuckeranstieg auslösen kann.
Diabetiker Ratgeber;
26.09.2005, aktualisiert am 03.03.2008
W&B/Bernhard Limberger
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