CGM: Das ist bei Diabetes wichtig

Die Zuckersensoren überprüfen rund um die Uhr den Glukosewert im Gewebe. Unterzuckerungen lassen sich bei Menschen mit Diabetes so leichter vermeiden. Krankenkassen übernehmen die Kosten aber nur in bestimmten Fällen
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 09.02.2017

CGM: Ein Sensor auf der Haut funkt die Messwerte an einen Empfänger

W&B/Michael Löwa

Lückenlose Überwachung rund um die Uhr – für viele Menschen mit Diabetes ist das eine verlockende Idee. Zumindest, wenn es um die eigenen Zuckerwerte geht. Sogenannte CGM-Systeme können das leisten. Die Geräte messen laufend den Gewebezucker. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu.

1. Was ist ein CGM-System?

CGM steht für "Continuous Glucose Monitoring", auf Deutsch "kontinuierliche Glukoseüberwachung". Der Diabetespatient trägt dabei einen Sensor im Unterhautfettgewebe, in der Regel am Bauch oder am Oberarm. Der Sensor misst in bestimmten Abständen den sogenannten Gewebezucker, also die Glukosekonzentration im Zwischenzellraum. Dieser Wert ist dem Zuckerspiegel im Blut sehr ähnlich, hängt diesem aber ein paar Minuten hinterher. Der Patient tauscht den Sensor je nach System alle fünf bis sieben Tage aus.

Der Messfühler ist mit einem Sender auf der Hautoberfläche verbunden, der die gemessenen Werte an einen Empfänger funkt – das kann ein separates Empfangsgerät, ein Smartphone oder eine dafür geeignete Insulinpumpe sein. Auf diesem Gerät kann der Patient dann seinen Zuckerwert ablesen und sieht den aktuellen Trend – also ob der Glukosespiegel eher steigt oder sinkt.

Die Besonderheit von CGM-Systemen besteht darin, dass sie selbstständig den Zuckerspiegel überwachen. In der Regel besitzen sie zudem eine Alarmfunktion, die den Patienten warnt, wenn die Zuckerwerte zu tief zu sinken drohen.

Diese Alarmfunktion bieten FGM-(Flash Glucose Monitoring)Geräte nicht. Bei ihnen misst zwar ebenfalls ein Sensor laufend den Glukosewert im Gewebe, dieser kommuniziert aber nicht selbstständig mit dem Empfänger. Der Träger muss den Sensor aktiv scannen, um den aktuellen Glukosewert und sowie den Trend zu sehen.

2. Was sind die Vorteile eines CGM-Systems?

Der Alarm hilft dem Träger, beginnende Unterzuckerungen rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Das verschafft ein großes Stück Sicherheit im Alltag von Menschen mit Diabetes. Durch die fortlaufenden Messungen erhalten Betroffene zudem einen vollständigen Überblick über die Entwicklung ihrer Werte im Tagesverlauf. "Auf diese Weise können sie zum Beispiel nachvollziehen, was nachts passiert, und werden sogar im Schlaf geweckt, wenn zum Beispiel eine Unterzuckerung droht", sagt Dr. Bernhard Gehr, Oberarzt am Zentrum für Diabetes und Stoffwechselerkrankungen in der Fachklinik Bad Heilbrunn.

Auch die Entwicklung der Zuckwerte nach dem Essen lässt sich mithilfe von CGM leichter nachvollziehen. So können Patienten besser verstehen, wie sich bestimmte Lebensmittel oder Mahlzeiten auswirken und wie sie entsprechend spritzen müssen. Insgesamt tragen CGM-Systeme dazu bei, den Blutzuckerspiegel zu glätten und extreme Werte früh zu erkennen.

3. Was sind Nachteile eines CGM-Systems?

Das Hauptproblem besteht darin, dass der Glukosespiegel im Gewebe nicht eins zu eins dem in den Blutbahnen entspricht. Er hinkt diesem etwa fünf bis zehn Minuten hinterher. Ein CGM-System kann den Zuckerspiegel deswegen nur mit dieser Verzögerung abbilden. Da manche Geräte den Gewebezucker nur alle fünf Minuten messen, kann der Wert, der auf dem Display zu sehen ist, im Extremfall sogar nur dem Blutzuckerspiegel von vor einer Viertelstunde entsprechen.

Dank ausgeklügelter Algorithmen beträgt bei heutigen CGM-Systemen der Unterschied zwischen gemessenem Wert und Blutzuckerspiegel nur noch rund fünf bis zehn Minuten. Dennoch können Patienten durch diese Verzögerung eine Unterzuckerung möglicherweise zu spät bemerken. Laut dem Gerät ist der Zucker noch im grünen Bereich, während der Wert im Blut schon zu tief gefallen ist.

"Patienten müssen entsprechend geschult sein, um ihre angezeigten Werte richtig interpretieren zu können", sagt Gehr. Ein Glukosewert von 100 mg/dl mit sinkender Tendenz kann zum Beispiel bedeuten, dass der Glukosepegel im Blut wahrscheinlich schon deutlich niedriger ist und es höchste Zeit zum Handeln ist.

Die Arbeitsgemeinschaft "Diabetes & Technologie" der Deutschen Diabetes Gesellschaft hat das Schulungsprogramm SPECTRUM entwickelt, bei dem Patienten in kleinen Gruppen den Umgang mit CGM-Systemen erlernen. "Das Programm ist noch ziemlich neu und nicht weit verbreitet", sagt Gehr, der die Entwicklung des Programms geleitet hat. Er hofft, dass sich das Anfang 2017 ändert, wenn klar ist, ob die Krankenkassen die Kosten für die Schulung übernehmen. Unabhängig davon lohnt es für Interessierte, ihr Praxisteam auf Schulungsmöglichkeiten anzusprechen.

4. Werden Blutzuckermessungen mit CGM überflüssig?

Nein. Der leidige Piks in den Finger bleibt auch mit CGM-System nicht erspart. Zum einen müssen Patienten das Gerät etwa zweimal täglich kalibrieren um sicherzugehen, dass es richtig misst. Dazu bestimmen sie auf herkömmliche Art ihren Blutzuckerspiegel und geben den Messwert in den Empfänger ein. So hat dieser einen Referenzwert, an dem er sich beim Auswerten der Messdaten orientieren kann. Zum anderen sollten Träger sich nicht zu sehr auf das Messgerät verlassen und im Zweifelsfall immer manuell nachmessen. Zum Beispiel, wenn sie Anzeichen einer beginnenden Unterzuckerung bei sich bemerken, das CGM-Gerät aber normale Werte anzeigt.

Ohnehin sind die meisten CGM-Systeme nicht als Ersatz, sondern nur als Ergänzung zu herkömmlichen Blutzuckermessungen zugelassen. "Patienten müssten also streng genommen vor jeder Therapieentscheidung messen", sagt Gehr. Dazu zählt zum Beispiel die Bolusgabe zu einer Mahlzeit. "In der Praxis handhaben das aber die wenigsten so", räumt der Diabetologe ein.

5. Wann erstattet die Krankenkasse die Kosten?

Eine Therapie mit CGM-Gerät ist nicht gerade billig. Rund 60 Euro kostet allein ein Sensor – und ein Exemplar hält jeweils nur eine Woche. Die Krankenkassen zahlten das bislang nur in seltenen Fällen.

Das dürfte sich ändern. 2016 entschied der Gemeinsame Bundesauschuss (G-BA), dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für ein solches System in bestimmten Fällen übernehmen müssen. Unter die Regelung fallen Diabetespatienten mit intensivierter Insulintherapie oder mit Insulinpumpentherapie, die trotz aller Bemühungen ihre Zielwerte nicht erreichen.

Dadurch haben sich die Chancen vieler Patienten verbessert. "Allerdings handhaben die Kassen die Genehmigung im Moment unterschiedlich streng", sagt Gehr. Patienten sollten sich deswegen zusammen mit ihrem Diabetologen erkundigen, was jeweils verlangt wird. In der Regel müssen sie den Bedarf etwa mithilfe von Blutzuckerprotokollen gut belegen. Ein Formular zur Kostenerstattung gibt es auf der Homepage der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

Lehnt die Kasse den Antrag ab, lohnt es sich, Widerspruch gegen das Urteil einzulegen. "Diesen können Patienten innerhalb von vier Wochen formlos einreichen", sagt Gehr. Anschließend können sie – wiederum in Absprache mit dem Arzt – eine ausführlichere Begründung nachreichen, in der sie die Gründe für die Ablehnung widerlegen. Bleibt die Kasse stur, bleibt als letzte Möglichkeit eine Klage beim Sozialgericht.

6. CGM oder FGM?

Ein CGM-Gerät misst den Zucker laufend und schlägt Alarm, wenn Gefahr droht. Damit ist es vor allem für Diabetespatienten sinnvoll, bei denen der Stoffwechsel schwer in den Griff zu kriegen ist. Ein Flash-Glucose-Monitoring-System misst dagegen den Zuckerspiegel nur auf Initiative des Trägers. Es ist somit eher ein Ersatz für die alltäglichen Blutzuckerkontrollen mit Stechhilfe und Messgerät. Einige Kassen übernehmen die Kosten für ein solches FGM-System bereits ohne Probleme, andere noch nicht.

Wer sich für eines der beiden Zuckermesssysteme interessiert, spricht am besten mit seinem Diabetologen darüber, ob für ihn ein CGM- oder ein FGM-System infrage kommt und wie die Erfolgsaussichten bezüglich einer Kostenübernahme stehen. Bernhard Gehr hat die Erfahrung gemacht, dass Patienten manchmal ein CGM-Gerät beantragen, um dann von der Krankenkasse ein FGM-System bewilligt zu bekommen – und umgekehrt.

In den USA verwenden mittlerweile rund 20 Prozent der Menschen mit Typ-1-Diabetes ein CGM-System. In Deutschland ist der Anteil bedeutend geringer. Gehr erwartet aber, dass die Zahl bei uns sich mittelfristig der in den USA angleichen wird.


Lesen Sie auch:

Blutzucker messen

Pikst du noch oder scannst du schon? »

Seit November 2014 gibt es einen Zucker-Sensor, der die Messung per Finger-Piks ersetzen soll. Welche Erfahrungen Ärzte und Diabetiker mit dem System gemacht haben und was die Kassen dazu sagen »

ReadSpeaker

So lassen Sie sich unsere Artikel vorlesen  »

Newsletter: Grüne Taste

Newsletter

Immer gut informiert mit dem kostenlosen Newsletter des Diabetes Ratgeber »

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages