Der Diabetologe Nikolaus Scheper erklärt, was ihn an der Neuregelung zur Teststreifen-Verordnung am meisten ärgert – und was er seinen Patienten empfiehlt
Blut- und Harnzuckerteststreifen auf Kassenrezept? Für einen Großteil der Patienten mit Typ-2-Diabetes passé. Demnächst sollen Ärzte Diabetikern, die ohne Insulin auskommen, nur noch in Ausnahmefällen Teststreifen verordnen können, zum Beispiel bei Änderungen der Therapie oder wenn weitere Krankheiten die Stoffwechseleinstellung erschweren. Wir sprachen mit Dr. Nikolaus Scheper vom Vorstand des Berufsverbandes der niedergelassenen Diabetologen (BVND) über die Neuregelung.
Wie viele Diabetiker wird die Neuregelung treffen?
Alle, die kein Insulin spritzen: etwa 6,5 der acht Millionen Typ-2-Diabetiker.
Fürchten Sie, dass sich die Blutzuckereinstellung Ihrer Patienten verschlechtert, wenn die Selbstmessung nicht mehr bezahlt wird?
Ja und nein. Wir verschreiben Teststreifen ohnehin nur, wenn die Stoffwechsellage und die Therapie das erfordern. Nicht bei allen Diabetikern sind regelmäßige Selbstkontrollen zwingend nötig. Allerdings sind gelegentliche Selbstkontrollen auch eine wichtige Motivationshilfe – künftig aber nur noch für Diabetiker, die sich das leisten können.
Dr. Nikolaus Scheper ist Allgemeinarzt und Diabetologe in Marl, außerdem Pressesprecher des Berufsverbandes der niedergelassenen Diabetologen
Wer kann auf Selbstkontrollen am ehesten verzichten?
Zum Beispiel Patienten, die stabile Zuckerwerte haben und keine Tabletten einnehmen, oder Tabletten, die das Risiko für Unterzuckerungen kaum erhöhen.
Wie sieht es bei erhöhtem Unterzuckerrisiko aus?
Wenn ein Patient, z. B. unter einer Therapie mit einem Sulfonylharnstoff, häufig unterzuckert, würde ich ihn auf ein modernes, aber teureres Medikament umstellen. Erst recht, wenn er den Zucker nicht mehr selbst kontrollieren kann. Die Kassen kostet das unterm Strich mehr.
In bestimmten Fällen, etwa bei Therapieänderungen, können vorübergehend Teststreifen verordnet werden. Reicht das?
Damit kann man leben. In der Praxis wird das ja schon heute oft so gehandhabt. Allerdings fehlen klare Regeln, was Berufskraftfahrer betrifft oder Arbeiter, die riskante Maschinen bedienen. Diese müssen ihren Blutzucker häufig kontrollieren und, wie es jetzt aussieht, künftig selbst dafür zahlen.
Im Vorfeld des Beschlusses wurde unter anderem behauptet, dass Teststreifen zu großzügig verordnet werden. Stimmt das?
Das ist Unsinn – und gehört zu den vielen Positionierungsargumenten, mit denen die Kassen Stimmung gegen die Ärzte machen. Am meisten ärgert mich, dass, wie auch jetzt, niedergelassene Ärzte instrumentalisiert werden, um die schlechte Nachricht zu überbringen. Positive Botschaften wissen die Kassen sehr gut selbst zu vermitteln.
Wird die neue Regelung zu einem vermehrten Beratungsaufwand in der Praxis führen?
Im Moment noch nicht, aber das wird mit Sicherheit in einigen Monaten kommen, wenn die Neuregelung in Kraft getreten ist. Ich werde meinen Patienten übrigens raten, sich ergänzende Erläuterungen dazu direkt bei ihrer Krankenkasse abzuholen.
Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 22.07.2011