Gegen Bluthochdruck kämpfen viele Diabetiker. Vier Betroffene erzählen von ihren Schwierigkeiten und Erfolgen
Viel hilft viel? "Von wegen", sagt Bernd M.. Auf dem Esstisch des 46-jährigen Typ-2-Diabetikers stapelt sich ein Dutzend Tablettenschachteln. Darunter sechs Blutdrucksenker. Die Packung Diabetes-Tabletten fällt da kaum ins Gewicht. Trotzdem steht es um M.s Blutzucker besser als um seinen Blutdruck. "Meine Werte liegen selten unter 160/90", sagt er.
Was den Blutdruck angeht, ist Bernd M. eher die Regel als die Ausnahme. 80 Prozent aller Typ-2-Diabetiker haben Bluthochdruck. Die meisten bekommen dagegen mehrere Medikamente. Trotzdem haben nur die wenigsten gute Blutdruckwerte. Doch was heißt überhaupt "gut"?
Bei Nichtdiabetikern gelten erst Werte ab 140/90 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) als behandlungsbedürftig. Bei Diabetes, so raten Experten, sollten die Blutdruckwerte zwischen 130/80 und 140/85 mmHg liegen. Denn kommt zu hohen Zuckerwerten noch Bluthochdruck dazu, vervielfacht sich das Risiko für Gefäßerkrankungen und Folgeschäden wie einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenversagen. Relativ neu ist die Empfehlung, auch zu tiefe Blutdruckwerte zu vermeiden. Der Grund: Neueren Studien zufolge können Werte unter 120/75 mmHg bei verengten Herzkranzgefäßen gefährlich sein. Fällt der Wert zu weit ab, kann die Blutversorgung des Herzens beeinträchtigt werden.
Bewegung und Beeren
| Dreimal täglich eine halbe Stunde schnelles Gehen mit seinen afrikanischen Jagdhunden, dazu täglich eine Schale blauer und roter Wildbeeren. So lautet Jürgen W.s Rezept für gute Blutdruckwerte. "Trotzdem brauche ich zusätzlich Tabletten, aber nur eine niedrige Dosis", sagt der Hotelfachmann im Ruhestand, der sich auch in einer Lübecker Selbsthilfegruppe und als Patientenvertreter im Vorstand der Deutschen Hochdruckliga engagiert. |
Beweise für einen Nutzen tieferer Blutdruckwerte fehlen bislang. Das hat möglicherweise einen einfachen Grund: "Es gibt kaum Studien mit Diabetikern, bei denen Blutdruckwerte unter 130/80 mmHg erzielt werden", sagt Professor Diethelm Tschöpe. Der Diabetologe und Direktor des Herz- und Diabeteszentrums NRW in Bad Oeynhausen bleibt in Sachen Blutdruck bei der Devise: so tief wie verträglich. Das wichtigste sei jedoch, wie beim Diabetes, die Therapieziele für jeden Patienten individuell festzulegen. "Dabei muss der Arzt die Vorteile niedriger Blutdruckwerte, etwa für die Nieren, gegen mögliche Nachteile bei Herzproblemen abwägen", so Tschöpe. In jedem Fall solle der Blutdruck eher im unteren Bereich des empfohlenen Korridors liegen.
Manchmal wird der Bluthochdruck erst entdeckt, wenn er bereits Schäden angerichtet hat, etwa nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Denn genau wie erhöhte Zuckerwerte, spürt man den zu hohen Druck nicht. Wer bereits Diabetes, aber noch normale Blutdruckwerte hat, sollte den Blutdruck einmal im Quartal beim Arzt kontrollieren lassen. Das gilt auch bei Typ-1-Diabetes. Bei dieser Diabetesform, die oft schon im Kindes- oder Jugendalter auftritt, entwickelt sich ebenfalls häufig ein Bluthochdruck. Zwanzig Jahre nach der Diagnose haben vier von zehn Typ-1-Diabetikern erhöhte Blutdruckwerte.
Die 55-jährige Elfriede J. erkrankte vor vierzig Jahren an Typ-1-Diabetes. Zwanzig Jahre später stiegen ihre Blutdruckwerte. Was die Verwaltungsangestellte zum Glück sofort bemerkte: "Ich hatte ein Gefühl, als ob ich platze, und in meinem Kopf hat es gehämmert", sagt sie. Beim Arzt lag der obere Wert dann über 200 mmHg. Elfriede J. verließ die Praxis mit zwei Blutdrucksenkern in der Tasche. Die nahm sie aber nur sporadisch ein. "Weil die Beschwerden schnell wieder verschwanden, habe ich den Bluthochdruck nicht mehr ernst genommen", sagt sie.
Entspannt auf Trab
| "Meine hohen Blutdruckwerte habe ich zwanzig Jahre lang nicht ernst genommen", sagt Elfriede J., die seit ihrer Jugend Typ-1-Diabetes hat. Seit einem Verdacht auf Herzinfarkt vor einem Jahr vergisst die Verwaltungsangestellte keine Tablette mehr und füllt jeden Sonntag ihre Tablettenbox mit den drei Blutdrucksenkern. Auch Nordic Walking, Meditieren und progressive Muskelentspannung helfen ihr dabei, gute Werte zu erreichen. |
Mangelnde Compliance, wie Ärzte die Therapieuntreue ihrer Patienten nennen, ist ein Grund, warum die Blutdruckwerte zu hoch bleiben. Dass die Tabletten im Müll landen oder nur unregelmäßig genommen werden, liegt manchmal an der Menge, manchmal an Nebenwirkungen. Ist die Dosis zu hoch, sinkt der Blutdruck zu stark, man fühlt sich müde und schlapp. Bestimmte Medikamente können Potenzprobleme, andere Husten auslösen. "Auch deshalb ist es wichtig, für jeden eine maßgeschneiderte Therapie zu finden, sprich die passenden Wirkstoffe zur passenden Zeit in der passenden Dosis", sagt der Münchener Diabetologe Dr. Helmut Pillin.
Meist lohnt es sich, verschiedene Wirkstoffe zu kombinieren. Weil sie sich in ihrer Wirkung ergänzen, lassen sie sich niedriger dosieren. Dadurch sinkt das Risiko für Nebenwirkungen. "Diabetiker mit Bluthochdruck sollten immer einen ACE-Hemmer oder bei Unverträglichkeit einen AT-1-Antagonisten bekommen. Denn diese Medikamente schützen die Nieren", sagt Pillin. Gut geeignet sind auch Kalziumantagonisten. Sogenannte Diuretika und Betablocker können den Blutzucker steigen lassen, Betablocker auch das Gewicht, sodass der Arzt Nutzen und Nachteile abwägen muss.
Alle für einen
| Sechs verschiedene Blutdrucksenker schluckt Bernd M. jeden Tag. Trotzdem, sagt er, sind seine Werte meistens zu hoch. Inzwischen wurde bei dem Typ-2-Diabetiker auch noch ein Schlafapnoe-Syndrom diagnostiziert. Wegen seiner Atemaussetzer im Schlaf trägt er jetzt nachts eine Maske, die die Atemwege freihält. Bei vielen Betroffenen bessert sich dadurch auch der Blutdruck – nicht so bei Bernd M.. "Immerhin kann ich jetzt wieder durchschlafen", sagt er. |
Um die passende Therapie zu finden, empfiehlt Diethelm Tschöpe bei Diabetikern zusätzlich zur Blutdruckkontrolle beim Arzt eine 24-Stunden-Messung. So lässt sich erkennen, ob der Blutdruck nur im Angesicht des Arztes steigt ("Weißkittel-Effekt") oder auch im Alltag und vor allem wann.
Bei Typ-1-Diabetiker Thomas T. stellte sich bei der 24-Stunden-Messung heraus, dass die Werte am frühen Morgen und nachts zu hoch waren. "Bis ich mit meinem Diabetologen die passende Therapie gefunden hatte, musste ich ein paar Monate lang mit verschiedenen Tabletten experimentieren", sagt der Bahnangestellte, der seit drei Jahren Bluthochdruck hat und inzwischen drei verschiedene Blutdrucksenker einnimmt.
Auf seine Werte, die immer um die 120/80 mmHg liegen, ist er stolz. "Sind ja hart erarbeitet", sagt T.. Er setzt nicht nur auf Tabletten, sondern auch auf einen gesunden Lebensstil. "Wenn mich der Hunger packt, esse ich statt Schokolade ein Stück Obst. Und ich fahre das ganze Jahr über mit dem Rad zur Arbeit – so werde ich nicht dick", sagt er. Übergewicht spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Bluthochdruck und erschwert auch die Therapie.
Fasten mit Rad
| Die Richtige zu finden war nicht leicht für Thomas T.. "Ich habe mit meinem Diabetologen eine ganze Reihe Blutdrucksenker in unterschiedlicher Dosierung ausprobiert, bis es gepasst hat", sagt der Bahnangestellte, der bei Wind und Wetter mit dem Rad zur Arbeit fährt und jedes Jahr eine Woche lang fastet. "Beides macht den Kopf frei und tut Blutzucker und Blutdruck gut", sagt er. |
Sinken die Werte trotz einer Behandlung mit drei oder mehr Wirkstoffen nicht, kann das daran liegen, dass sich hinter dem Bluthochdruck eine andere Krankheit verbirgt, etwa eine Verengung der Nierenarterien oder nächtliche Atemaussetzer, ein "Schlafapnoe-Syndrom". Wird die Ursache behandelt, sinkt meist auch der Blutdruck. Versagen sämtliche Versuche, den Blutdruck zu senken, kommt im Einzelfall eine Operation in Frage.
Bernd M. hofft allerdings, dass ihm das erspart bleibt. Wegen seines Schlafapnoe-Syndroms trägt er nachts eine Maske, die die Atemwege freihält. Dadurch sanken zwar seine Blutdruckwerte nicht wie erhofft. Aber er schläft wieder durch und hat genug Energie, um in seiner Rockband Gitarre zu spielen. "Dabei kann ich herrlich abschalten, und vielleicht wird's ja noch was mit den besseren Werten", sagt Bernd M.. Aufgeben ist jedenfalls nicht sein Ding.
Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 26.09.2011