Fettgewebe um die Körpermitte macht anfälliger für Diabetes und Herzprobleme. Warum ein dicker Bauch die Gesundheit bedroht
Jahrelang schien alles ganz einfach: Gefährlicher Apfel – harmlose Birne, so lautete das Dogma der Gesundheitsexperten. "Apfeltypen", die ihre überschüssigen Pfunde rund um die Körpermitte vor sich her tragen, wurde Übles verheißen. Denn Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herzinfarkt seien typische Folgekrankheiten des "bauchbetonten Übergewichts". Aufatmen dagegen durften die "Birnentypen", vor allem also Frauen. Deren Fettpolster runden bevorzugt Po und Oberschenkel und schaden der Gesundheit angeblich weit weniger.
Als Grund für die im Bauchfett lauernden Gefahren machten Forscher dessen heimliche und doch unheimliche Aktivitäten aus. Schon in den 80er-Jahren wiesen sie nach, dass Fettgewebe keineswegs nur ein passiver Energiespeicher ist. Sondern eine rege Umschlags- und Produktionsstätte für Hormone und viele andere Substanzen, die im Stoffwechsel mitmischen.
Das Fettgewebe: Ein aktives Organ
Die Grafik zeigt, wie das Fettgewebe im Bauch verschiedene Stoffwechselvorgänge im Körper beeinflusst.
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Mehr als 300 davon wurden mittlerweile entdeckt. Etwa das Sättigungshormon Leptin, das dem Gehirn signalisiert, wenn die Energiespeicher gefüllt sind, und so dabei hilft, Übergewicht zu vermeiden. Oder das Fettgewebshormon Adiponektin, das Entzündungen an den Blutgefäßen verhindert und vor Arterienverkalkung schützt. Dazu kommen weitere Substanzen, die zum Beispiel die Insulinwirkung und die Blutgerinnung beeinflussen oder in die Blutdruckregulation und das Immunsystem eingreifen.
Das Fettgewebe – eine Drüse?
So richtig und bis ins Detail hat allerdings noch niemand verstanden, was da im und um das Fettgewebe herum genau passiert – doch immerhin sprechen Forscher vom Fettgewebe bereits als einem "endokrinen Organ", einer Stoffwechseldrüse also.
"Die Unterscheidung zwischen schädlichem Bauchfett auf der einen und harmlosem Hüftfett auf der anderen Seite greift allerdings zu kurz", sagt Fettgewebsforscher Privatdozent Dr. Thomas Skurk vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München.
Denn Bauch- und Hüftfett sind so verschieden nicht. Ihre Hauptaufgabe ist es, überschüssiges Fett zu speichern und bei Bedarf wieder ans Blut abzugeben. Dabei ist das "viszerale Fettgewebe" – so nennen Experten das tiefe Bauchfett im Inneren, das die Eingeweide (lateinisch "Viscera") umhüllt, etwas schneller als das "subkutane" Fett (lateinisch: sub = unter, cutis = Haut), das direkt unter der Haut liegt – egal ob unter der von Bauch, Hüften, Oberschenkeln oder Po.
Bauch ist nicht gleich Bauch
Ob ein dicker Bauch eher vom inneren Organfett oder vom Unterhaut-Fettgewebe rührt, lässt sich mit Sicherheit nur durch Untersuchungen wie eine Computertomografie oder Kernspintomografie zeigen. Doch auch der äußere Aspekt liefert Hinweise "Eine Wölbung über dem Gürtel, vielleicht sogar bei einem sonst eher schlanken Menschen, lässt auf mehr Organfett schließen", so Experte Skurk. "Hängt der Bauch in dicken Falten über die Hose, weist das auf subkutanes Fettgewebe hin."
Wo sitzt das Bauchfett?
Ein eher "prall" erscheinender Bauch weist auf inneres Fett hin, das die Bauchmuskeln nach vorn drängt ...
... während ein hängender Bauch eher durch subkutanes Fett bedingt ist (inneres Fett aber nicht ausschließt!)
Warum jemand mehr inneres oder subkutanes Fett ausbildet, hängt von vielen Faktoren ab. Die Gene spielen eine Rolle, aber auch Geschlechtshormone wie Östrogen und Testosteron. "Ab einer gewissen Fettmasse spielt es jedoch keine allzu große Rolle mehr, ob das Fett eher tief im Bauch oder unter der Haut sitzt", sagt Thomas Skurk. "Dann drohen in jedem Fall Gesundheitsprobleme."
Skurk empfiehlt, bei Übergewicht vom Arzt nicht nur Blutzucker und Blutdruck, sondern auch die Blutfettwerte kontrollieren zu lassen. Dazu zählen die Triglyzeride, sowie LDL- und HDL-Cholesterin. Sind die Werte ungünstig verändert, deutet das auf krank machendes Fettgewebe hin – ein Zeichen, dass es sich lohnen könnte, seinen Lebensstil zu überdenken.
Nicht jeder muss abnehmen
"Allerdings bekommt ein gewisser Teil der fettleibigen Menschen, Schätzungen schwanken zwischen 10 und 30 Prozent, weder Diabetes noch Bluthochdruck", schränkt Skurk ein. Und gerade für ältere Menschen hat sich ein gewisses Übergewicht sogar als vorteilhaft erwiesen. Daher ist es sinnvoll, vor dem Abnehmen zunächst mit dem Arzt zu sprechen.
Wer sein inneres Bauchfett bekämpfen muss, für den gibt es zumindest eine gute Nachricht: Wer seine Ernährung umstellt und sich mehr bewegt, verliert überproportional viel Bauchfett. Was ein Grund dafür sein könnte, so Thomas Skurk, dass das Risiko für einen Herzinfarkt oder andere Krankheiten bereits deutlich sinkt, wenn jemand es schafft, innerhalb eines halben Jahres nur fünf bis zehn Prozent seines Gewichts abzunehmen.
Bier oder Gene – was ist schuld am Bauch?
Trägt ein Mann eine ausgeprägte "Wampe" vor sich her, ist die Erklärung schnell zur Hand: ein typischer "Bierbauch" ist das halt. Doch stimmt das auch? Immerhin liefert Bier weniger Kalorien als zum Beispiel Rotwein, Apfelsaft oder Milch. Tschechische Forscher machten vor Jahren eine Studie mit fast 2.000 Männern und Frauen – und kamen zu dem Ergebnis: Am Bier allein liegt’s nicht, wenn jemand einen dicken Bauch bekommt.
Tatsache ist: Über die Fettverteilung am Körper entscheiden zahlreiche Faktoren. Die Geschlechtshormone spielen dabei eine wichtige Rolle – was möglicherweise erklärt, warum der Bauch als eher "männliches" Phänomen gilt – aber eben auch unsere Gene.
Insbesondere, ob jemand zu innerem Bauchfett neigt, wird stark vom Erbgut bestimmt.
Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 17.11.2011