Zuckerstress in den Gelenken

Gelenkprobleme können eine Diabetesfolge sein. Welche Therapien helfen?

Wer unter Gelenkproblemen leidet, ist damit nicht allein. Eine repräsentative Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg ergab: Jeder sechste Deutsche hat häufig oder ständig Gelenkschmerzen – und jeder zweite davon sucht deshalb Hilfe beim Arzt.

Oft sind die Ursachen schnell gefunden: Chronische Überlastung, Arthrose, Rheuma oder Infektionen spielen eine große Rolle. Doch wenn ein Händedruck plötzlich zur Qual wird, die Finger den Bleistift nicht mehr greifen können oder die Schulter aus rätselhaften Gründen unerträglich schmerzt, kann das auch mit Diabetes zusammenhängen.

Am häufigsten: Hand-Probleme

So entwickelt etwa jeder dritte Diabetes-Patient im Laufe der Jahre mehr oder weniger ausgeprägte Veränderungen an den Händen, die Schmerzen, Gefühlsstörungen und Bewegungseinschränkungen verursachen können. Zum "diabetischen Handsyndrom", wie Experten die Häufung bestimmter Probleme bei Zuckerkranken nennen, zählen etwa das Karpaltunnel-Syndrom oder der schnellende Finger. Fast jeder fünfte Diabetiker bekommt eine "Frozen Shoulder", eine schmerzhafte Bewegungsstörung im Schultergelenk, die zum Glück meistens, wenn auch oft erst nach Jahren, von alleine ausheilt.

Die häufigsten Gelenkprobleme bei Diabetes stellen wir in den folgenden Kapiteln vor. Allen gemeinsam ist: Die genauen Zusammenhänge mit der Zuckerkrankheit sind nicht völlig enträtselt. Experten wie der Diabetologe und Rheuma-Spezialist Dr. Volker Nehls vom Rheinischen Rheuma-Zentrum in Meerbusch vermuten, dass sowohl der erhöhte Blutzucker, aber auch das Hormon Insulin und Durchblutungsstörungen beteiligt sind.

Bindegewebe "verzuckert"

Bei einem hohen Zuckerspiegel, so Nehls, können sich Zuckermoleküle an Bindegewebsfasern anlagern. Diese "Verzuckerung" fördert Entzündungen, die das Gewebe schädigen. Zudem scheinen hohe Zuckerspiegel die Vermehrung von Bindegewebsfasern zu fördern. Dadurch verhärtet und verdickt das Gewebe. Ein Insulin-Überschuss im Blut, wie er vor allem in den ersten Jahren eines Typ-2-Diabetes oft besteht, könnte ebenfalls eine Rolle spielen.

"Insulin kann als Wachstumshormon auch zur Vermehrung von Bindegewebszellen beitragen" so Nehls. Hinzu kommt, dass viele Menschen übergewichtig sind. Das belastet die Gelenke nicht nur mechanisch: Fettgewebe produziert entzündungsfördernde Botenstoffe, die auch den Gelenken zusetzen.

Verhindern, dass Beschwerden chronisch werden

Ob Rheuma oder andere Gelenkprobleme: Wenden Sie sich möglichst früh an einen Arzt – idealerweise einen Spezialisten, zum Beispiel einen Rheumatologen. Eine rechtzeitige, gezielte Behandlung ist nicht nur wichtig, um Beschwerden zu lindern und die Beweglichkeit wiederherzustellen. Sie verhindert in vielen Fällen, dass die Symptome chronisch werden.

Besonders wichtig ist das beim entzündlichen Gelenkrheuma (rheumatoide Arthritis). Ähnlich wie der Typ-1-Diabetes entsteht es infolge einer Fehlsteuerung des Immunsystems – weshalb Menschen mit Typ-1-Diabetes doppelt so häufig erkranken. Je eher die gezielte Therapie beginnt, desto größer sind die Chancen, schwere Gelenkschäden dauerhaft zu verhindern.

Bis zu fünf Prozent aller Menschen erkranken an einer "frozen shoulder", Diabetiker häufiger als Nichtdiabetiker. Auch Schilddrüsenkrankheiten, Fettstoffwechselstörungen, die Parkinson-Krankheit oder Herz- und Lungenleiden erhöhen das Risiko. Typischerweise  verläuft die "gefrorene Schulter" in drei Stadien. Im Durchschnitt dauert jedes etwa sechs Monate, wobei es große Unterschiede geben kann.

  • Stadium 1: Die Kapsel des Schultergelenks entzündet sich. Es kommt zu plötzlichen Schmerzen in der Schulter, die im Laufe von Wochen bis Monaten immer stärker werden. Vor allem in Ruhe und nachts sind sie oft unerträglich.
  • Stadium 2: Die Entzündung geht zurück. Die Schmerzen lassen nach. Die Gelenkkapsel verhärtet und das Schultergelenk wird immer steifer, es "friert ein".
  • Stadium 3: Die Schulter wird wieder beweglicher. Die Beschwerden lassen nach und sind nach 12 bis 36 Monaten meistens abgeklungen.

Die Diagnose "frozen shoulder" stellt der Arzt in der Regel, wenn er keine anderen Ursachen für die Beschwerden findet, etwa Rheuma oder Gelenkverschleiß. Es gibt keinen "beweisenden" Röntgenbefund, aber eine Kernspintomografie erleichtert die Diagnose. Leider wird die Krankheit häufig nicht rechtzeitig erkannt, sodass es dauert, bis eine gezielte Behandlung beginnt.

Rechtzeitig Physiotherapie

"Dadurch verlängert sich die Leidenszeit oft unnötig", sagt der Dortmunder Orthopäde und Schulterspezialist Dr. Roland Sistermann. Denn mit einer gezielten Behandlung lassen sich der Krankheitsverlauf in der Regel verkürzen und die Symptome lindern.

"Gezielte Behandlung", das heißt zunächst einmal: regelmäßige Physiotherapie, um die Beweglichkeit des Schultergelenks zu verbessern. Schmerz- und entzündungshemmende Medikamente lindern die Beschwerden (Einnahmedauer und Dosis mit dem Arzt und Apotheker besprechen). Es kann sinnvoll sein, die Schulter in Narkose zu dehnen. Im Einzelfall kann ein operativer Eingriff helfen.

Die Behandlung setzt allerdings einige Geduld voraus. "Mindestens zwei Termine pro Woche sind nötig", so der Physiotherapeut Leonhard Eck aus Herbolzheim. Und das reicht nicht: Damit die Behandlung auch wirklich hilft, müssen die Patienten zu Hause regelmäßig die Übungen machen, die ihnen gezeigt wurden.

Mobilisierung in Narkose

In Einzelfällen kann auch eine Operation sinnvoll sein. "Etwa, wenn jemand nach sechs Monaten Physiotherapie noch starke Schmerzen hat und seinen Arm kaum bewegen kann", sagt Roland Sistermann.

Ein kleiner Teil der Patienten mit "frozen shoulder" leidet noch nach Jahren unter Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Ob eine frühzeitige Operation diesen Verlauf eher verhindern kann als eine Physiotherapie, ist bislang nicht klar.

Orthopäde Sistermann setzt aber auch bei hartnäckigen Fällen nicht gleich das Skalpell an: "Bei jedem zweiten Patienten genügt es, die Schulter in Narkose zu dehnen. Gelingt es damit nicht, die Verhärtungen zu lösen, machen wir in gleicher Sitzung eine Schulterspiegelung. Dabei wird die entzündete Gelenkschleimhaut entfernt und das verklebte Kapselgewebe gelöst." In neunzig Prozent der Fälle lässt sich die Schulter danach wieder frei bewegen.

Einmal abgeheilt, macht eine "frozen shoulder" gewöhnlich keine Probleme mehr. Allerdings kommt es vor, dass die andere Schulter ebenfalls erkrankt. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei etwa 20 bis 30 Prozent. Dass beide Schultern gleichzeitig erkranken, ist höchst selten.

Sistermanns Rat: Wer vermutet, dass seine Schulterbeschwerden mit dem Diabetes zusammenhängen, sollte sich an einen Orthopäden wenden, der mit der Behandlung der "gefrorenen Schulter" vertraut ist. Adressen gibt es beispielsweise bei den Ärztekammern oder beim Berufsverband der Orthopäden.

Die Cheiropathie ist eine typische Diabetiker-Erkrankung, die bei Stoffwechselgesunden eher selten vorkommt. Fast immer sind beide Hände betroffen. Weil sich Bindegewebe, Sehnen und Haut der Hände verhärten und verdicken, lassen sich die Finger nicht mehr richtig strecken. Meist beginnt die Cheiropathie am kleinen Finger. Nach und nach dehnt sie sich auf die anderen Finger aus.

"Schmerzen macht die Cheiropathie in der Regel nicht", so der Berliner Diabetologe und Cheiropathie-Experte Privatdozent Dr. Dietmar Frost, "und nur in seltenen Fällen schreitet sie so weit fort, dass sie im Alltag Probleme macht. Dann allerdings kann das Gewebe so verdickt sein, dass es auf Nerven oder Gefäße drückt und Schmerzen verursacht."

Diagnose per Handschlag

Die Cheiropathie macht wenig Beschwerden. Das ist auch der Grund, warum die häufige Handkrankheit so selten diagnostiziert wird.

Dabei würde ein einfacher Test ausreichen. Denn dass die Finger nicht mehr richtig gestreckt werden können, fällt vor allem auf, wenn man die Handflächen wie zum Gebet flach aufeinanderlegt: Bei einer Cheiropathie berühren sich dann nur die Fingerspitzen und die Handballen. Erfahrenen Diabetologen genügt zur Diagnose oft der bloße Handschlag: Schon bei der Begrüßung sind die Verhärtungen in den Fingern zu spüren, die von einer Cheiropathie herrühren.

Eindrucksvoll ist der Farbtest: Dazu drückt man die in Farbe getauchten Hände auf ein Blatt Papier. Bei einer fortgeschrittenen Cheiropathie werden nur die Handballen und die Fingerspitzen sichtbar.

Gute Werte – flinke Finger

Um die Beweglichkeit ihrer Finger zu verbessern, sollten Patienten mit einer Cheiropathie regelmäßig Handgymnastik machen. Und auf möglichst gute Blutzuckerwerte achten. "Bei einer optimalen Blutzuckereinstellung können sich die Bindegewebsverdickungen in den Händen wieder zurückbilden", erklärt Diabetologe Dietmar Frost. Zudem beugt eine optimale Diabeteseinstellung auch anderen Handproblemen vor (siehe nächstes Kapitel).

Gute Blutzuckerwerte lohnen sich bei der Cheiropathie allerdings noch aus einem anderen Grund. "Es gibt Hinweise darauf, dass Diabetiker mit einer Cheiropathie auch ein höheres Risiko für andere Diabetes-Folgekrankheiten haben, beispielsweise für Schäden an Nieren, Augen und Nerven", so Diabetologe Frost. "Zumindest zeigen einige Studien einen solchen Zusammenhang."

Die Dupuytren-Kontraktur ist eine der häufigsten Hand-Krankheiten überhaupt, gefolgt vom Karpaltunnel-Syndrom und dem schnellenden Finger. Gemeinsam haben auch diese Krankheiten, dass sie bei Diabetikern etwas häufiger auftreten als bei Stoffwechselgesunden. Die folgenden Steckbriefe beschreiben Ursachen und Symptome häufiger Handprobleme bei Diabetes, und wie Spezialisten sie behandeln können.


Schnellender Finger

Die Beugesehne des Fingers entzündet sich (rot markiert) und verdickt. Die Sehne gleitet nicht mehr ungehindert durch die Ringbänder. Der Finger hakt, wenn man versucht, ihn zu strecken. Bei verstärkter Anstrengung schnellt er wie ein Klappmesser in die gestreckte Position. Anfangs kann es zu Schmerzen vor allem an der Innenseite des Fingers kommen. Jeder Finger kann betroffen sein.

Diagnose: Die typischen Beschwerden erleichtern die Diagnose. Oft lassen sich die knotigen Verdickungen auch ertasten.

Behandlung: In leichteren Fällen helfen entzündungshemmende Medikamente (lassen Sie sich vom Apotheker beraten). Reicht das nicht, kann der Arzt das Ringband, an dem die Sehne blockiert, operativ spalten.


Karpaltunnel-Syndrom

Der Karpaltunnel ist eine Engstelle am Handgelenk, durch die der Mittelhandnerv verläuft. Schwillt das Gewebe im Tunnel, gerät der Nerv unter Druck. Das zeigt sich zuerst durch Kribbeln oder Taubheitsgefühl in Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Später können Schmerzen dazukommen und die Kraft im Daumen nachlassen.

Diagnose: Das Karpaltunnel-Syndrom lässt sich anhand der Symptome und neurologischer Untersuchungen einfach diagnostizieren.

Behandlung: Bewährt hat sich die nächtliche Ruhigstellung durch eine spezielle Schiene. Reicht das nicht, kann das Dach des Karpaltunnels durchtrennt werden, sodass der Nerv entlastet wird.


Dupuytren-Kontraktur

Die Bindegewebsfasern in der Handfläche verdicken und verkürzen sich, sodass einer oder mehrere Finger nicht mehr richtig gestreckt werden können. Oft sind kleiner Finger und Ringfinger betroffen. Schmerzen treten selten auf.

Diagnose: In der Handfläche sind knotige oder strangähnliche Verhärtungen tast- und sichtbar. Ähnlich wie bei der Cheiropathie lassen sich die Hände nicht mehr flach aufeinanderlegen.

Behandlung: Die verhärteten Bindegewebsstränge können operativ entfernt werden. Manchmal werden sie durch eine Kortisoninjektion weicher, bilden sich aber nicht zurück.

Daniela Pichleritsch / Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 07.12.2011