Wie Menschen nach einem Herzinfarkt wieder Tritt fassen im Leben – und wie eine Reha ihnen dabei hilft
Es war nur eine kurze Meldung, aber sie ließ aufhorchen: Die Zahl der Menschen, die an einem Herzinfarkt gestorben sind, hat einen neuen "Rekordstand" erreicht: Es sind so wenige wie lange nicht mehr. Im Jahre 2008 starben in Deutschland weniger als 57.000 Menschen an einem Herzinfarkt, berichtet die Deutsche Herzstiftung. Knapp 20 Jahre zuvor waren es noch 95.000.
Diese erfreuliche Entwicklung, die Experten vor allem auf die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten zurückführen, ändert aber nichts daran, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache hierzulande sind – und wohl noch lange bleiben werden. Besonders häufig ereilt der Infarkt Menschen mit Diabetes. Denn hohe Zuckerwerte nagen an den Gefäßen, fördern Kalkablagerungen und Durchblutungsstörungen bis hin zum Gefäßverschluss. Ist ein Herzkranzgefäß betroffen, droht der von ihm versorgte Teil des Herzmuskels abzusterben – das, was Ärzte als "Herzinfarkt" bezeichnen (siehe Grafik).
Aufhalten lässt sich diese fatale Entwicklung nur durch eine schnelle Behandlung. "Eine vollständige Rettung des Herzmuskels gelingt jedoch nur innerhalb der so genannten goldenen ersten Stunde", sagt der Kardiologe Dr. Rolf Dörr von der Praxisklinik Herz und Gefäße, Dresden. "Mit zunehmendem Zeitverlust schwinden die Chancen. Dann bleibt nur, weiteren Schaden vom Herzen abzuwenden und vor allem: verhindern, dass es zu einem weiteren Infarkt kommt."
Worauf es dabei ankommt, lernen Betroffene in der Rehabilitation, kurz "Reha". Diese beginnt in der Regel kurz nach dem Aufenthalt im Krankenhaus. Neun von zehn Patienten werden dazu erneut in eine Klinik eingewiesen, nämlich eine spezielle Reha-Klinik für Herzkranke, von denen es in Deutschland mittlerweile mehr als 100 gibt. Schon längst haben Studien eindeutig nachgewiesen, dass Herzpatienten, die eine Reha durchlaufen haben, danach leistungsfähiger und gesünder sind als jene, die ohne eine solche "Zwischenstation" wieder in den Alltag zurückspringen. Was auch kein Wunder ist. Denn viele Herzinfarkte haben ihre Wurzeln in Problemen, die man nicht einfach mit Tabletten kurieren kann. Dazu zählen vor allem Übergewicht, Bewegungsmangel und Rauchen.
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Susann G.: "Ich muss mir Freiräume schaffen" Die Schmerzen in Rücken und Arm hatte die 43-jährige Tierarzthelferin zuerst darauf geschoben, dass sie sich in der Praxis mit einem schweren Hund überhoben hat. Dann stellte sich heraus: Sie hatte einen akuten Herzinfarkt. Gründe dafür gab es gleich mehrere: Bluthochdruck, Diabetes, schlechte Blutfette. Doch auch der Stress dürfte eine Rolle gespielt haben. "In den vergangenen 20 Jahren hatte ich kaum Zeit, mal zu entspannen", sagt Susann G.. "Jeder Tag war durchgeplant von früh bis abends." Die Familie, der Umbau des Hauses, die Betreuung der kranken Mutter – das alles kostete nicht nur viel Zeit, sondern brauchte auch ihre ganze Kraft. Raum für ihre Hobbys, wie etwa das Reiten, oder einfach mal bummeln zu gehen, war da kaum noch. In der Rehaklinik Höhenried am Starnberger See lernt Susann G., nach ihrem Herzinfarkt wieder körperlich fit zu werden. Zum Beispiel beim täglichen Gehtraining. Doch die wichtigste Aufgabe liegt noch vor ihr, sagt sie: "Mein Leben aufräumen. Freiräume schaffen. Da wird sich einiges ändern müssen!" |
Unterstützung von Experten-Teams
In der Reha-Klinik kümmern sich nicht nur Ärzte um die Patienten, sondern ein Team von Experten verschiedener Fachrichtungen – zum Beispiel Ernährungsberater, Psychologen, Bewegungstherapeuten und Ergotherapeuten. Im Rahmen des Bewegungsprogramms, zu dem regelmäßiges Ausdauertraining, eventuell aber auch ein kontrolliertes Krafttraining zählen, lernt der Herzpatient, seine Grenzen zu erkennen und Überlastungen zu vermeiden.
Die Leistungsfähigkeit jedes Patienten wird individuell ermittelt und schrittweise verbessert – zum Beispiel mithilfe eines Laufbandes. Bei der 43-jährigen Herzinfarkt-Patientin Susann G. etwa (siehe oben) wird die Belastungsintensität im Gehtraining jede Woche um fünf Watt gesteigert. Langsam aber sicher wird die Typ-2-Diabetikerin so darauf vorbereitet, wieder im Alltag Fuß zu fassen.
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Andreas M.: "Meine Grenzen besser einschätzen" In der Reha will Andreas M. nun vor allem eines: "Lernen, meine Grenzen besser einzuschätzen. Denn ich habe mich manchmal eher übernommen." Außerdem hat er vor, seine Blutzuckereinstellung zu optimieren – unter anderem mithilfe eines Systems, mit dem er seine Zuckerwerte kontinuierlich überwachen und Blutzuckerschwankungen besser vermeiden kann. Seine große Hoffnung: bald eine Spenderniere zu bekommen. Denn der Diabetes hat seine Nieren irreparabel geschädigt. "Durch den Infarkt ist die Transplantation noch dringlicher geworden", sagt er. |
Die richtige Dosis finden
Ein wichtiges Ziel des kontrollierten Trainings: Die Betroffenen sollen ein Gespür dafür entwickeln, was sie ihrem Körper zumuten können und wann es ihm zu viel wird. Dieses "Wahrnehmungstraining" ist wichtig, um im Alltag die richtige Dosis Bewegung zu finden: nicht zu wenig – sonst würden die angestrebten positiven Effekte auf Herz und Kreislauf ausbleiben. Und nicht zu viel – denn das könnte tatsächlich zu Beschwerden und Komplikationen bis hin zu einem neuen Infarkt führen.
Die Reha besteht aber längst nicht nur aus einem Bewegungsprogramm. In der Ernährungsschulung etwa erfahren die Patienten, wie eine gesundheitsfördernde und dennoch genussvolle und abwechslungsreiche Ernährung aussieht. Und auch der Umgang mit Stress spielt eine zentrale Rolle. Das wichtigstes Ziel der Reha ist es jedoch, so der Kardiologe Dr. Ulrich Hildebrandt von der Klinik St. Irmingard in Prien am Chiemsee, Patienten zu motivieren und zu begeistern, selber aktiv für ihre Gesundheit zu werden – und so zu verhindern, dass die Verkalkungen in den Gefäßen weiter zunehmen.
"Dazu gehört an erster Stelle regelmäßige Bewegung", so Herz-Spezialist Hildebrandt, "außerdem eine gesunde mediterrane Ernährung, ein funktionierendes Stress-Management, und natürlich die zuverlässige Einnahme der vom Arzt verordneten Medikamente."
Wer diese Empfehlungen beherzigt, wird doppelt belohnt: nicht nur mit einem geringeren Risiko für einen erneuten Infarkt oder andere Herz-Kreislauf-Probleme. Sondern in der Regel auch mit deutlich besseren Blutzuckerwerten!
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Rudolf W.: "Lernen, das Leben gelassener anzugehen" Als "leidenschaftlichen Workaholic" bezeichnet sich der 58-jährige Rudolf W.. 35 Jahre leitete er seine Firma mit vollem Einsatz. Für Familienleben blieb dabei kaum Zeit. Gesundheitlich hatte W. schon seit einigen Jahren Probleme: Rückenschmerzen, Bandscheiben-Operationen, seit fünf Jahren auch noch Typ-2-Diabetes. Gegen die Schmerzen gab es Spritzen, die Zuckerwerte bekam er mit Insulin in den Griff. Nur eines wollte er auf keinen Fall: langsamer treten. Die Sorgen seiner Frau und die Warnungen der Ärzte schlug er in den Wind: "Schließlich konnte ich mir nicht vorstellen, meine Zeit als Rentner mit Radfahren und Zeitunglesen zu verbringen." Im August 2011 landete Rudolf W. schließlich mit einem schweren Herzinfarkt auf der Intensivstation. Eine Lungen- und Herzbeutelentzündung folgten – nur langsam erholt er sich davon. Heute ist ihm klar: "Ich muss lernen, mein Leben gelassener anzugehen. Mir Zeit zu nehmen. Die Reha hilft mir dabei. Das Training, das für mich jetzt am wichtigsten ist, ist Entspannungstraining!" sagt er. |
bei Professor Dr. Bernhard Schwaab, Kardiologe und ärztlicher Direktor der Klinik Höhenried am Starnberger See.
Extra-Reha für Frauen?
Sie bieten in Ihrer Klinik ein spezielles Reha-Programm für Frauen an. Warum?
Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind überraschend groß. Gemischte Gruppen funktionieren oft schlechter, zum Beispiel beim Sport oder beim Körperwahrnehmungstraining.
Aus welchen Gründen?
Das hat viele Ursachen. Frauen haben oft jahrelang keinen Sport gemacht und fühlen sich unsicher oder gehemmt, wenn sie in einer Gruppe mit Männern trainieren. Unter anderem deswegen bieten wir eine Frauengruppe an, die von einer Therapeutin geleitet wird.
Trennen Sie die Reha-Angebote auch in anderen Bereichen?
Ja. Zum Beispiel im Bereich Ernährung. Hier haben Frauen oft ein ganz anderes Vorwissen als Männer. Oder auch in Gesprächsgruppen. Männer brauchen oft länger, um zu erkennen, dass bei ihrem Herzinfarkt psychische Ursachen eine Rolle spielen. Frauen sind hier oft aufgeschlossener. Es fällt ihnen auch leichter, über diese Probleme zu reden, etwa Stress in der Partnerschaft oder im Beruf. Trotzdem bieten wir auch gemischte Gruppen an, natürlich auf freiwilliger Basis.
Birgit Ruf / Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 06.02.2012