Kneippen gegen Diabetes?

Sebastian Kneipps "Fünf Säulen der Gesundheit" sind über 120 Jahre alt und dennoch aktueller denn je

"Am Abgrund stand ich": So beschrieb Sebastian Kneipp 1850 seine verzweifelte Lage. Die Ärzte hatten den 28-Jährigen mit seiner schweren Tuberkulose längst aufgegeben, erwarteten sein Ableben. Da fiel dem jungen Mann ein Büchlein über die heilende Kraft des Wassers in die Hände –  von da an ging er mitten im Winter nachts drei Mal die Woche zur Donau, sprang hinein, rannte anschließend eine dreiviertel Stunde heim, wickelte sich in Decken, schwitzte kräftig – und wurde wieder gesund.

Als "Fingerzeig Gottes" fasste Sebastian Kneipp seine Rettung durch das Wasser auf und erkannte daraus seine künftige Berufung. Nach seinem Theologiestudium kümmerte er sich als Kaplan um die "armen Kranken", denen die damalige Schulmedizin keine Chance mehr gab. Seine "Meisterprüfung" legte er ab, als er es schaffte, bei einer Choleraepidemie alle seine Pfleglinge zu retten – was ihm die heftige Kritik der Ärzte eintrug, eine Kritik übrigens, die sein ganzes Leben lang nicht verstummen sollte.

Kneipp ließ sich davon nicht beirren, sondern machte Wörishofen, wo er ab 1855 in einem Dominikanerinnen-Kloster eine Stelle als Beichtvater antrat, zu einem weltweit führenden Heilbadeort. In der Spitze strömten über 30.000 Kurgäste und über 100.000 Interessierte wegen ihm ins Allgäu. Kneipp selbst hielt Vorträge in ganz Europa und wurde in Rom von Papst Leo XIII. empfangen, der sich von dem bayerischen Pfarrer ebenfalls beraten ließ.

"Meine Wasserkur" heißt Kneipps Standardwerk, das 1886 erschien und bis heute mit seiner zupackenden, leicht verständlichen Sprache fasziniert. Zwar hing Kneipps Herz an den Wasseranwendungen, aber als kluger Pfarrer wusste er seine Schäfchen so zu nehmen, wie sie sind, und schrieb: "Doch es gibt Kranke, welche aus unüberwindlicher Wasserangst sich schwer zu einer oft notwendigen Wasserkur entschließen können."

Konsequent erweiterte er deshalb seine Wasserkuren um weitere Behandlungen: So fügte er seine "Apotheke" mit rund 50 heilenden Kräutern dazu. Allerdings warnte Kneipp schon damals vor dem heute noch viel mehr verbreiteten Glauben, "dass recht viele Pillen gesund machen".

Hausmittel selbst zubereiten

Der kluge Pfarrer setzte vielmehr auf Eigeninitiative: So war ihm wichtig, dass die Menschen ihre Hausmittelchen selbst zubereiten. Nicht nur, weil das billiger sei – schließlich richtete er sich nach eigenem Bekunden an die "Ärmsten der Armen".

Sondern auch, weil er darin einen Teil des Heilungsprozesses sah: Denn wer sich zum Beispiel selbst auf die Suche nach (auch im Winter wachsenden) Brennnesseln macht, um sich daraus einen Tee zu bereiten, der verabreicht sich auch gleich eine gesunde Dosis Bewegung. Ein kluger Rat also gerade für Menschen mit Typ-2-Diabetes – auch wenn diese Krankheit zu Pfarrer Kneipps Zeiten kaum bekannt war. Bewegung war für Sebastian Kneipp eine unverzichtbare Säule für ein langes und gesundes Leben.

Gedanken, die heute hochaktuell sind, in der damaligen Zeit aber geradezu revolutionär waren. In seiner Ernährungslehre, die auf Vollwertkost und frischen heimischen Lebensmitteln basiert, wetterte Kneipp übrigens vehement gegen Süßes – als hätte er die Zivilisationskrankheit Diabetes, die sich mittlerweile epidemieartig über den Globus ausbreitet, damals schon vorausgeahnt: "Absolut und entschieden spreche ich mich gegen alle Schleckereien aus!"

"Eine undankbare Aufgabe"

Als Krönung seiner "Fünf Säulen" gelten Kneipps Gedanken zur Lebensordnung, wo er auf eine uralte Erkenntnis setzt: "Im Maße liegt die Ordnung, und jedes Zuviel und Zuwenig setzt an die Stelle von Gesundheit Krankheit." Ein Satz, der fast wie eine Grußadresse an Burnout-geplagte Manager des 21. Jahrhunderts daherkommt.

Überhaupt lesen sich die Kneipp'schen Lehren in ihrer Gesamtheit wie eine Vorwegnahme der Empfehlungen zu einem "gesunden Lebensstil", die heute als Basis der Vorbeugung und Behandlung des Typ-2-Diabetes gelten. Wobei der Pfarrer aus Wörishofen schon damals etwas feststellte, was Präventions-Experten bis heute zu knabbern gibt: nämlich dass es "oft eine undankbare Aufgabe ist, andere darauf aufmerksam zu machen, dass sie beizeiten Vorsorge treffen".

Viele der Empfehlungen von Pfarrer Kneipp ähneln erstaunlich den Ratschlägen, mit denen moderne Präventionsexperten der Diabetes-Epidemie Einhalt gebieten wollen ...
Dabei ist Typ-2-Diabetes eine Wohlstandskrankheit, die zur Zeit von Sebastian Kneipp praktisch nicht existierte. In der Tat lesen sich seine "Fünf Säulen" wie ein vorweggenommenes Manifest der Diabetes-Vorbeugung: Von regelmäßiger Bewegung über eine gesunde Ernährung bis hin zur seelischen Gesundheit ist darin alles enthalten.

Was fasziniert Sie besonders an seinen Prinzipien?
Kneipps Erkenntnis: "Im Maße liegt die Ordnung."  Damit förderte er einen Ansatz, der sich bewusst gegen das "immer Mehr", "immer Schneller", "immer Seelenloser" wendet.
Die Förderung der seelischen Gesundheit ist aktuell übrigens auch ein wichtiges Thema für den Kneipp-Bund.

Plant der Kneipp-Bund konkrete Angebote für Menschen mit Diabetes?
Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich die Kneipp-Vereine in Zukunft intensiver dem Thema Typ-2-Diabetes widmen. Das wäre auch ein Weg, um jüngere Menschen stärker für Kneipp zu begeistern.

Welche Chancen sehen Sie als Präsidentin des Kneipp-Bundes sonst noch für Kneipp in der heutigen Zeit?
Als langjährige Staatssekretärin im Gesundheitsministerium weiß ich, wie bedrohlich die finanzielle Lage ist. Würden die Kneipp'schen Prinzipien in großem Stil umgesetzt, ließen sich allein im Diabetes-Bereich Milliarden an Kosten einsparen.

Was würde der streitbare Pfarrer Ihrer Meinung nach heute geißeln?
Er würde die an Kinder gerichtete Werbung für Süßes anprangern. Und er wäre auch gegen die vielen Computerspiele und Fernsehprogramme, die Jugendliche von der Bewegung abhalten.

Hans Lauber / Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 17.02.2012