Lulu ist Arnolds "Seelenhund". Die Labradorhündin warnt den zehnjährigen Diabetiker vor Unterzuckerungen und vor zu hohen Werten – und das rund um die Uhr
Arnold Quaß, zehn Jahre alt und aus Schwerin, hat Diabetes, seit er zwei ist. Und Arnold hat einen „Seelenhund“. So nennt er Lulu. Seine schwarze Labradorhündin ist ein ausgebildeter Diabetikerwarnhund. Mit ihrer feinen Nase riecht sie, wenn Arnolds Blutzucker zu hoch ist oder wenn er gefährlich in den Keller rutscht. Denn Arnold spürt seine starken Zuckerschwankungen meist nicht. „Lulu ist mein Freund, mein Spielkamerad und mein Begleiter“, sagt er. „Und sie ist dein Retter in der Not“, ergänzt seine Mama, die Internistin Dr. Berit Quaß.
Lulu weckt Arnold bei Unterzucker
Seit Lulu vor gut drei Jahren in die Familie kam, kann Berit Quaß wieder ruhig schlafen. Sie muss sich nicht mehr alle zwei Stunden den Wecker stellen, um auch in der Nacht Arnolds Blutzucker zu kontrollieren. Die Unterzucker-Warnhündin weckt sie zuverlässig, wenn etwas nicht stimmt. „Lulu hat Ruhe und Gelassenheit ins unsere Familie zurückgebracht“, sagt die 41-Jährige. Ein „Seelenhund“ ist Lulu deshalb nicht nur für Arnold, sondern auch für die ganze Familie. „Mein Mann und ich haben früher ständig in der Angst gelebt, Arnold könnte so stark unterzuckern, dass er ohnmächtig wird. Zum Glück ist das noch nie passiert“, sagt seine Mutter.
„Lulu hopp niedrig“, ist das Kommando, mit dem die Hündin gelernt hat, Arnold bei niedrigen Zuckerwerten anzuspringen. Ist sein Blutzucker zu hoch, kratzt Lulu ihren kleinen Freund sanft mit der Pfote. Die vermutete Erklärung für diese Fähigkeit: Lulu riecht die Stresshormone, die Arnolds Körper bei drohendem Unterzucker ausschüttet. Und sie erschnüffelt, wenn Arnold übersäuert, weil sein Zucker in die Höhe schießt. „Lulu macht das von sich aus. Wir mussten ihr nur die eindeutigen Signale beibringen“, erklärt Berit Quaß.
Und Lulu kann noch viel mehr: zum Beispiel den Notrufknopf am Telefon betätigen, wenn Arnold mal allein zu Hause ist und sein Zucker Achterbahn fährt. Auch Türen öffnen – um im Notfall Hilfe holen zu können – und das Messgerät apportieren hat sie gelernt. Gehorsam in jeder Situation, ob in der Straßenbahn, auf dem Schulweg, im Kino oder im Schwimmbad, ist sowieso Pflicht für einen geprüften Begleithund. Zwei Jahre Ausbildung haben die Hündin und ihre Familie hinter sich. Jetzt darf Lulu mit ihrer Weste, die sie als Diabetikerwarnhund kenntlich macht, Arnold überallhin begleiten.
Fast 8000 Euro kostete die Ausbildung
Rund 8000 Euro hat die Ausbildung der Hündin gekostet. Die Gesundheit ihres Sohnes ist Berit und Robert Quaß (42) jeden Cent davon wert. Und zahlen müssen sie selbst: Die Kosten für Diabetikerwarnhunde werden, anders als zum Beispiel für Blindenführhunde, von den Krankenkassen nicht übernommen. Für die Eltern ist das widersinnig: „Würde Arnold wegen dauerhaft zu hoher Zuckerwerte erblinden, müsste unsere Krankenversicherung für einen Blindenhund zahlen“, entrüstet sich sein Vater, der als Diplomkaufmann selbst bei einer Versicherung arbeitet. „Dank Lulu wird das nicht passieren. Sie spart der Versicherung also auf lange Sicht eine Menge Geld.“
Dass die Versicherung nicht zahlen will, ist für Arnolds Eltern eine Ungerechtigkeit, die sie nicht hinnehmen wollen. Bereits im Jahre 2008 reichten sie deshalb eine Klage vor dem Sozialgericht ein. Sie sind fest entschlossen, eine Grundsatzentscheidung zu erstreiten, damit Arnold und auch andere Menschen mit Diabetes in Zukunft ein Recht darauf haben, dass die Kosten eines ausgebildeten Diabetikerwarnhundes von den Krankenkassen übernommen werden.
Der Hund ist eine große Entlastung
Für Arnolds Eltern war es ein Schock, als ihr Junge im Alter von zwei Jahren die Diagnose Typ-1-Diabetes bekam. Die Frage nach dem Warum, auf die es keine Antwort gibt, hat vor allem den Vater lange gequält. Heute empfindet er die Krankheit als ein Schicksal, das die Familie noch enger zusammengeführt hat. Auch Mama Berit hat Frieden geschlossen mit dem Diabetes – besonders seitdem Lulu da ist. „Davor habe ich nicht mehr gelebt, sondern höchstens noch funktioniert“, sagt die Internistin. „Gerade weil ich Ärztin bin und genau über die möglichen Folgekrankheiten Bescheid weiß, hatte ich Panik.“
Bei Arnold war die Blutzuckerkontrolle besonders schwierig. Bei starkem Unterzucker sagt der Junge vielleicht mal: „Mama, ich habe Hunger.“ Oft ist er aber auch so in sein Spiel vertieft, dass er womöglich ohnmächtig werden würde, wenn Lulu und seine Eltern nicht auf der Hut wären. Umso bemerkenswerter ist Arnolds hervorragender Blutzucker- Langzeitwert (HbA1C) von 6,5 Prozent. „Aber das hat mich viele schlaflose Nächte gekostet – und Arnold unzählige nervende Pikser, weil ich ständig vorsorglich messen musste“, erzählt seine Mama. „Dank Lulu messen wir heute lange nicht mehr so häufig wie früher.“ Mit der Zeit ist die Nase der Hündin so fein geworden, dass sie schon meldet, wenn Arnolds Zucker minimal zu hoch oder zu niedrig ist.
Lulu hat eine feine Nase - sie riecht den Unterzucker
Auch Arnold ist zufriedener, seit Lulu an seiner Seite ist. Sie gibt ihm Selbstvertrauen und Sicherheit – und er ist stolz darauf, einen so tollen Hund zu haben, um den ihn manch anderes Kind beneidet. „Lulu gleicht die Einschränkungen, die mit dem Diabetes verbunden sind, fast völlig aus“, sagt Arnolds Mutter Berit, der es anfangs schwerfiel, das Wohl ihres Sohnes einem Tier anzuvertrauen. „Als Schulmedizinerin widersprach das allem, was ich gelernt hatte. Aber Lulu ist zuverlässiger als jede Technik.“ Seelenhund Lulu: Wenn man die Labradordame zu Hause mit ihrer Familie sieht, fallen ihre erstaunlichen Fähigkeiten auf den ersten Blick gar nicht auf.
Wie ein normaler Hund liegt sie in ihrem Körbchen, versucht unter dem Esstisch einen Happen zu erhaschen oder lässt sich vor dem Kamin den Bauch kraulen. Lulu nimmt Arnolds Zuckerschwankungen inzwischen im ganzen Haus durch geschlossene Türen wahr. Am liebsten ist die Hündin aber bei Arnold. Tobt mit ihm im Garten herum oder bewacht ihn, wenn er mal wieder völlig in sein Spiel mit den Star-Wars-Figuren versinkt.
„Man muss sich bewusst sein, dass ein Hund viel Zeit und Zuwendung braucht“, sagen seine Eltern. „Es gibt natürlich Schöneres, als bei strömendem Regen Gassi zu gehen – aber dafür können wir dank Lulu nachts ruhig schlafen.“
Gemeinsam sind Mensch und Tier in ihre Rollen hineingewachsen. Tiefes Vertrauen und eine große Zuneigung sind die Voraussetzungen dafür, dass Lulu ihre Aufgabe als Diabetikerwarnhündin so gut erfüllt. Und von Vertrauen zeugt es auch, wenn Arnold seinen Kopf in Lulus weiches Fell vergräbt. Und Lulu ihren schlauen Hundekopf ganz vorsichtig auf den blonden Schopf ihres Schützlings legt.
Stichwort „Diabetiker-Warnhund“
Geprüfte Diabetikerwarnhunde sind Assistenzhunde, die neben dem Anzeigen von Unter- und Überzuckerung weitere Aufgaben erfüllen. Zum Beispiel haben die Tiere gelernt, im Notfall Hilfe zu holen, dem Diabetiker das Messgerät und bei Bedarf Traubenzucker zu bringen und „ihren“ Menschen in jeder Situation zu begleiten, ob in die Schule, zur Arbeit, zum Bahnhof oder zum Flughafen. Die hundegerechte, gewaltfreie Ausbildung dauert 18 Monate und schließt mit einer Prüfung ab. Mehr Infos unter www.diabetikerwarnhund.de*.
Buchtipp
Aus Arnolds und Lulus Geschichte entstand das Buch „Lulu hopp niedrig – Tagebuch einer Diabetikerwarnhündin“. Mit den Einnahmen unterstützt Familie Quaß die Dianiño-Stiftung „Kind sein. Trotz Diabetes“. Aus dem Erlös und weiteren Spenden kann inzwischen eine Nanny für diabetische Kinder in Schwerin finanziert werden.
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Simone Herzner / Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 26.03.2012