Ich habe gehört, dass Diabetiker grundsätzlich nicht mehr auf mit Zucker gesüßte Lebensmittel verzichten müssen. Stimmt das? Aus der "Experten-Sprechstunde Diabetes"
Die Ernährung bei Diabetes kommt schon lange ohne Tabus aus. Allerdings galt – in Deutschland mehr als in vielen anderen Ländern – lange Zeit für Menschen mit Diabetes ein striktes Zuckerverbot: Traubenzucker und Haushaltszucker sowie damit zubereitete Lebensmittel und Süßigkeiten sollten gemieden werden. Vor gut dreißig Jahren untersuchten Wissenschaftler in Bremen (Prof. Hellmut Otto) und Toronto (Dr. D. J. A. Jenkins) die Wirkung unterschiedlicher Lebensmittel auf den Blutzuckerspiegel. Ihre Ergebnisse führten dann zu einer Umorientierung, denn die Mediziner konnten nachweisen, dass Haushaltszucker den Blutzucker nicht stärker steigen lässt als Reis, gekochte Kartoffeln oder Brot.
Der von Jenkins entwickelte Glykämische Index (GI) gibt die Auswirkungen von Nahrungsmitteln auf den Blutzucker im Vergleich zu Traubenzucker an, der mit einem GI von 100 Prozent als Bezugsgröße dient. Der GI von Reis und Kartoffeln liegt – genau wie Haushaltszucker – bei 70, Obst und Milchprodukte zwischen 30 und 40. Später wurden dann auch Süßigkeiten untersucht, wobei sich zeigte, dass viele Schokoladen und Eissorten sich nicht anders auswirken als die meisten Obstsorten. Dies ist auch bedingt durch den Fettgehalt der Süßigkeiten, der die Verdauung verlangsamt und so den Effekt des enthaltenen Haushaltszuckers bremst. Milcheis geht also langsamer ins Blut als ein praktisch fettfreies Sorbet oder ein mit Fruchtsaft zubereitetes Wassereis.
Heute machen deutsche wie auch internationale Empfehlungen zur Ernährung bei Diabetes klare Angaben zum Umgang mit Haushaltszucker: In einer Größenordnung von 10 Prozent der täglichen Kalorien wird er sich nicht ungünstig auswirken, wenn die Zuckermenge auf mehrere Portionen verteilt und in „verpackter“ Form verzehrt wird, also in Süßigkeiten wie Schokolade, Kuchen oder Eis. Ein schlanker Mensch hat bei überwiegend sitzender Tätigkeit einen täglichen Energiebedarf von etwa 2000 Kilokalorien. Zehn Prozent davon entsprechen immerhin 50 Gramm Haushaltszucker für Süßigkeiten! Es spricht also nichts dagegen, diese über den Tag verteilt in den Ernährungsplan einzubauen, zum Beispiel einen Riegel Schokolade vormittags, ein kleines Eis als Nachtisch mittags, ein Stück Kuchen oder auch Gebäck am Nachmittag. Voraussetzung ist natürlich, dass diese Süßigkeiten so wie alle anderen Kohlenhydrate auch mit der Insulintherapie oder Tabletten vom Typ der Sulfonylharnstoffe und Glinide abgestimmt werden. Und dies ist auch Bedingung, damit der Blutzucker nicht aus dem Ruder läuft, wenn ab und zu der Kuchen oder die Eisportion größer ausfällt.
Darüber hinaus sind Süßigkeiten gut geeignet als Extra-Kohlenhydrate vor und bei Sport. Bei einer Unterzuckerung dagegen werden die meisten Süßigkeiten wegen ihres hohen Fettanteils zu langsam wirken. Dann sind „schnelle“ Süßigkeiten wie die zu gut 70 Prozent aus Traubenzuckersirup bestehenden Gummibärchen im Vorteil. Nicht nur Kinder schätzen Gummibärchen und entsprechende Produkte. Da fettfrei und wegen des hohen Traubenzuckeranteils besonders „schnell“, ist zwar der Umgang mit ihnen nicht ganz einfach. Aber mit einem je nach verwendetem Insulin mehr oder weniger verlängerten Spritz-Ess-Abstand – das muss jeder selbst ausprobieren – gibt es bei ausgeglichener Blutzuckerlage selbst für Gummibärchen in kleinen Mengen kein Tabu mehr.
Dr. med. Bernd Regling, Diplom-Psychologe und Diabetologe (DDG),
Experte der "Sprechstunde Diabetes", in der Sie interessante Fragen, Antworten und Tipps finden, speziell auch zu Diabetes Typ 1.
Diese Informationen enthalten nur allgemeine Hinweise und dürfen nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Sie können einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.
www.apotheken-umschau.de / Diabetes Ratgeber, 04.05.2010