Manche Diabetiker haben so viel Angst vor Nadeln, dass sie sich kein Insulin spritzen wollen. Eine Verhaltenstherapie kann helfen
Schluss mit Lanzetten und Kanülen? Leider immer noch Zukunftsmusik. Forscher arbeiten zwar intensiv daran, ein geschlossenes System zu entwickeln, das den Blutzucker schmerzfrei misst und das Ergebnis an eine unter die Haut gepflanzte Insulinpumpe funkt, die unbemerkt die nötigen Mengen des Hormons in den Körper abgibt. Doch bis ein solches System einsatzbereit ist, werden noch einige Jahre vergehen. Auch moderne Stechhilfen und Pens, die einen fast schmerzfreien Einstich möglich machen, bieten angesichts der großen Angst vor kleinen Nadeln nur schwachen Trost.
Experten schätzen, dass mindestens 3,5 Prozent der Deutschen so viel Angst vor Spritzen haben, dass sie alles unternehmen, um sich davor zu drücken. Kein Problem, solange man weitgehend gesund ist und höchstens gelegentlich eine Impfung oder Blutabnahme beim Arzt benötigt. Einen Diabetiker jedoch kann eine solche Spritzenphobie in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Denn regelmäßige Blutzuckerkontrollen und Insulin-Injektionen sind in vielen Fällen eine wichtige Voraussetzung für einen stabilen Stoffwechsel und helfen dabei, Folgekrankheiten des Diabetes wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenversagen zu verhindern.
Der Wechsel auf Insulin bedeutet nicht "schwerer Diabetes"
Was tun, wenn einem schon der Gedanke an eine Insulinkanüle oder Blutzucker-Lanzette den Angstschweiß auf die Stirn treibt und das Herz zum Rasen bringt? Karin Ramöller, Fachpsychologin am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in Bad Oeynhausen, rät in solchen Fällen zu einer Verhaltenstherapie. Sie erzielt meist gute Ergebnisse, und die Kosten werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen.
Viele Typ-2-Diabetiker haben noch aus anderen Gründen Angst vor einer Insulintherapie, so Dr. Bernhard Kulzer, Psychologe am Diabetes Zentrum Mergentheim: „Oft glauben sie, der Wechsel auf eine Insulinbehandlung bedeute den Übergang zu einem ‚schweren‘ Diabetes.“ Dahinter steckt, dass viele Menschen den Typ-2-Diabetes, solange er nicht mit Insulin behandelt werden muss, für eine eher leichte Erkrankung halten – ein fataler Irrtum. Denn wie "schwer" ein Diabetes ist, hängt vor allem von seinen Akutkomplikationen und Folgekrankheiten ab. Und um die zu verhindern, ist eine gute Blutzuckereinstellung, zu der auch regelmäßiges Messen und Spritzen gehört, wichtig. Dabei ist der erste Schritt oft das größte Problem, so Kulzer: "Wer erst einmal angefangen hat, Insulin zu spritzen, hat auch seine anfänglichen Ängste vor der Spritze meist schnell abgelegt."
Herr Junker, Sie behandeln in Ihrer Praxis oft Patienten mit
Spritzenangst. Wie gehen Sie dabei vor?
Stefan Junker: Ich helfe den Patienten, sich mit dem Objekt ihrer Angst, in diesem Fall der Spritze, auseinanderzusetzen und sich der Angst zu stellen.
Das heißt konkret?
Das sieht z.B. so aus, dass ich erst kleinere, dann größere Nadeln und Spritzen vor dem Patienten auf den Tisch lege, erst weiter entfernt, dann nimmt der Patient die Nadeln selbst in die Hand. Schließlich werden die Nadeln eingestochen, vom Patienten selbst und auch von mir.
Was ist noch wichtig?
Viele Patienten mit Spritzenangst neigen zur Ohnmacht. Um dieser vorzubeugen, bringe ich den Patienten Anspannungsübungen bei. Der Patient setzt z.B. seine Füße fest auf den Boden auf und drückt den Hinterkopf an die Wand, um einem Blutdruckabfall vorzubeugen.
Barbara Erbe / Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 02.12.2011