M.O.B.I.L.I.S - volles Programm gegen die Kilos

Wer dauerhaft abnehmen will, muss seine Ernährung umstellen und sich viel bewegen. Das MOBILIS-Programm setzt erfolgreich auf Motivation in der Gruppe

Einem Ball nachjagen? Nie hätte Rita K. gedacht, dass ihr das Spaß machen könnte. Spazieren gehen, ja, und ab und zu ins Fitnessstudio – das war lange Zeit das einzige Bewegungsprogramm der 48-jährigen Hausfrau. Und heute? Dienstags wirft sie Bälle, mittwochs schwimmt sie 500 Meter im Hallenbad. Donnerstags und freitags trainiert sie im Studio und samstags walkt sie mit ihrer Gruppe. Acht Stunden Bewegung in einer Woche: inzwischen ganz normal für Rita K., die mit 15 anderen am MOBILIS-Programm teilnimmt.

MOBILIS, ein Abnehmprogramm für stark übergewichtige Menschen, wurde vor fünf Jahren von Wissenschaftlern der Universität Freiburg, der Sporthochschule Köln und der Barmer Ersatzkasse gegründet. Mobilis ist lateinisch und heißt beweglich. Darum geht es: mehr Schwung in den Alltag zu bringen, sich mehr zu bewegen, gesünder zu essen. Den Lebensstil zu ändern. M.O.B.I.L.I.S. – die Multizentrisch Organisierte Bewegungsorientierte Initiative zur Lebensstiländerung In Selbstverantwortung.

Fachleute stehen bei Fragen und Problemen zur Seite

Die etwa 15 Teilnehmer einer Gruppe werden ein Jahr lang von einem Expertenteam begleitet. Im ersten Halbjahr trifft sich die Gruppe zwei- bis dreimal wöchentlich. Auf dem Programm stehen gemeinsame Aktivitäten, zum Beispiel Nordic Walking oder Kraftübungen, und Gruppensitzungen mit einer Psychologin/Pädagogin und Ernährungsexpertin. Sie beraten die Teilnehmer, wie sie sich gesünder verhalten können und besprechen Probleme, die dabei auftauchen.

Im zweiten Halbjahr sollen die Teilnehmer "flügge" werden: Die Treffen werden seltener und dienen vor allem dazu, die gelernten Verhaltensänderungen im Alltag zu stabilisieren. Außerdem werden die MOBILIS-Teilnehmer dreimal ärztlich untersucht, wobei ein Belastungs-EKG gemacht wird und verschiedene Blutwerte gemessen werden.

Seit Beginn haben mehr als 3.000 Menschen an 100 Orten das Programm absolviert – und im Durchschnitt nach einem Jahr sechs bis sieben Kilo abgenommen. "Das klingt vielleicht unspektakulär, ist aber ein großer Erfolg", sagt Andreas Berg, Organisator von MOBILIS. Vor allem im Vergleich mit vielen Mode-Diäten, nach denen man meist schnell wieder zunimmt. Auch die Blutdruck-, Blutzucker- und Fettwerte vieler MOBILIS-Teilnehmer haben sich langfristig verbessert.

An einem Freitagabend Ende Juni trifft sich die MOBILIS-Gruppe Werne zu ihrer achten Gruppensitzung im Städtischen Krankenhaus. Fünf Männer und acht Frauen sitzen um den Tisch, vor sich Mineralwasserflaschen und Protokollhefte. Diplom-Pädagogin Birgit Mokross, die die Gruppe leitet, fragt, wie es in der vergangenen Woche mit dem Essen geklappt hat. Vorschriften gibt es nicht, aber fünf Empfehlungen: täglich drei Mahlzeiten, wenig, aber gesundes Fett, viel Gemüse und Obst, Lebensmittel, die den Blutzucker nur langsam steigen lassen, und zwei Liter am Tag  trinken – möglichst kalorienarme Getränke.

Wer das beherzigt, kann "Ernährungspunkte" sammeln. 50 pro Woche sind das Ziel. Langfristig sollen 50 Bewegungspunkte dazukommen. Wer das schafft, nimmt ab.

Eine Teilnehmerin war am Wochenende auf einem Grillfest. "Ich seh in jedem Bratwürstchen das Fett, das drinsteckt. Nee, die schmecken mir nicht mehr!", sagt sie. Einige erzählen, wie viel sie wann und wo gegessen und nicht gegessen haben. Andere hören zu. Hans L. zum Beispiel. Er denkt an die Kirschbäume in seinem Garten. Die Kirschen zu zählen oder gar aufzuschreiben, wie viele er davon gegessen hat, liegt ihm nicht, sagt er. Dafür schmecken sie ihm viel zu gut.

Salat statt Schweinshaxe

Es geht aber auch nicht ums Kirschen- oder Kalorienzählen. Es geht darum, bewusster hinzuschauen, was man auf den Teller häuft. Und in welchen Mengen. Ob das so bleiben muss, oder ob es auch anders geht. Zum Beispiel beim Fett. Rita K. hat für sich eine praktische Lösung gefunden: "Ich rühre zwei Salatsoßen an. Eine mit Sahne für die Kinder, eine mit Pflanzenöl für mich und meinen Mann."

Ingenieur L. tut sich damit schwerer: "Das ist so 'ne Sache für einen, der sich nicht selbst ernährt, sondern ernährt wird." Seine Ernährungsprotokolle hat er nicht ausgefüllt. Aber im Bayernurlaub meistens Salat statt Schweinshaxn gegessen – und nur zwei  Weißbier getrunken. Darüber freut er sich. Vier Kilo hat er abgenommen.

Gruppenleiterin Birgit Mokross fragt auch, wie die Teilnehmer mit der Bewegung zurechtkommen. Denn um 50 Bewegungspunkte pro Woche zu sammeln, reichen die beiden Termine bei Sportlehrer Joachim Schrör nicht aus. Aber überfordern soll sich auch keiner. Anfängliche Begeisterung kippt sonst schnell in "Sowieso-alles-egal-das-klappt-eh-nie"-Frust.

Am besten konkrete Pläne machen

Deshalb muss auch jeder herausfinden, was für ein Bewegungstyp er ist. "Eine 'Eule' sollte sich nicht zu Frühsport zwingen, sondern abends trainieren", sagt Birgit Mokross. Sie rät, sich zu überlegen, wann, wo und wie oft man körperlich aktiv werden will und das schriftlich festzuhalten. Denn konkrete Pläne statt vager Absichten und ein Eintrag im Terminkalender machen es leichter, tatsächlich ins Fitness-Studio oder Hallenbad zu gehen.

Vor allem für Berufstätige wird der zeitliche Aufwand manchmal ein Problem. Der 30-jährige Helmut W. zum Beispiel findet neben Job und Familie kaum Zeit für ausgedehnte Walking-Runden, die einige Hausfrauen aus seiner Gruppe unternehmen. Jetzt  plant er, mit einer Kollegin vor Arbeitsbeginn Kraftübungen mit dem Thera-Band zu machen. Ob es klappt, wird sich bis zur nächsten Gruppensitzung zeigen.

Die Frage "Was mache ich, wenn mir etwas dazwischenkommt?" wird in den MOBILIS-Runden oft diskutiert. Denn was bringt die Anmeldung zum Yoga-Kurs, wenn man jede zweite Woche wegen Schichtdienst nicht daran teilnehmen kann? Und was tun, wenn am Heimtrainer plötzlich eine Schraube locker ist? Solche Hindernisse haben schon viele Vorsätze ins Wanken gebracht.

Dabeizubleiben – das fällt in der Gruppe vielen leichter. Inge K. beispielsweise lädt die anderen Teilnehmer ein, jeden Mittwoch mit ihr und ihrem Mann schwimmen zu gehen. Das bringt Punkte auf dem Bewegungskonto, und es lockt ein sportlicher Abend in angenehmer Gesellschaft. Zwei Frauen signalisieren spontan Interesse.

Es wird viel gelacht

Die Gruppe "zieht", und die Stimmung ist gut. Etwa, wenn Birgit Mokross erzählt, dass dank der vielen Nordic-Walkerei von Herrchen oder Frauchen auch so mancher "MOBILIS-Hund" schon einiges abgenommen hätte. Es wird viel gelacht in der Werner Gruppe, und die meisten freuen sich auf das nächste Treffen.

Für "Gruppenmenschen" ist es leichter, bei MOBILIS mitzumachen. Wer nicht gern in Gesellschaft loszieht und an den Wochenenden lieber wegfährt, muss sich umstellen. Von den 56 Gruppentreffen darf man nur 14 fehlen – etwa wegen Urlaubs oder beruflicher Termine. Sonst muss man das Programm selbst bezahlen. Die Krankenkasse übernimmt zwar, wenn ein ärztliches Attest vorliegt,  den Großteil der 785 Euro Gebühr für MOBILIS, allerdings nur, wenn dokumentiert ist, dass man regelmäßig teilgenommen hat. "Dieser finanzielle Anreiz trägt durchaus dazu bei, dass die meisten Teilnehmer bei MOBILIS bis zum Ende dabeibleiben und Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen", bestätigt Organisator Andreas Berg.

Ein langes Jahr – ein kurzes Jahr

Ein Jahr MOBILIS ist lang: Zum einen beanspruchen die regelmäßigen Treffen mit der Gruppe viel Zeit, die früher einfach "Freizeit" war. Zum anderen ist es schwer, seinen Lebensstil dauerhaft umzukrempeln. Manchmal hat man einfach keine Lust mehr dazu. Und auch Rückschläge sind zu verkraften. Das strengt an.

Ein Jahr MOBILIS ist aber auch kurz: Denn aus dem betreuten Programm soll ein Lebenskonzept werden, das auf Dauer hält. Und zwar eins, das ohne ständige Begleitung durch Ernährungsberater und Sportanimateure auskommt.

Als in der Sitzung am Freitag bekannt wird, dass Sportlehrer Joachim Schröer das Walken am kommenden Samstag ausfallen lassen muss, sind sich die meisten einig: "Wir treffen uns trotzdem. Das schaffen wir auch allein." Was zeigt: Die 13 aus Werne sind auf dem besten Weg!

 

Interessiert am MOBILIS-Programm? Hier finden Sie Information

  • Für wen geeignet?
    Für Übergewichtige mit einem BMI zwischen 30 und 40 und zusätzlichen Problemen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen.
  • Was kostet das?
    Die Teilnahme kostet 785 Euro. Wer regelmäßig teilnimmt, bekommt von der Krankenkasse 685 Euro erstattet (unbedingt vorher fragen, ob die Kasse mitmacht).
  • Wo informiere ich mich?
    Per Telefon bei der Mobilis-Zentrale: 0761/503910 oder im Internet: www.mobilis-programm.de (www.diabetiker-ratgeber.de ist nicht verantwortlich und übernimmt keine Haftung für Inhalte externer Internetseiten). Dort finden Sie auch eine Liste geplanter Gruppen in ganz Deutschland.

Herr Prof. Fuchs, Übergewichtige sollen sich viel bewegen und die Ernährung umstellen,  tun es aber oft nicht. Fehlt es an Motivation?
Im Gegenteil. Viele sind hoch motiviert, aber sie schaffen es nicht, ihre guten Vorsätze im Alltag umzusetzen.

Was steckt dahinter? Mangel an Disziplin oder an Willensstärke?
Diese Begriffe verwende ich nicht gern. Das klingt nach "Charakterschwäche", nach einer unveränderlichen Eigenschaft. Wenn jemand motiviert ist, sein Leben zu ändern, es aber nicht schafft, fehlt ihm gewöhnlich die Fähigkeit, sich selbst zu steuern. Diese Fähigkeit kann man jedoch trainieren.

Selbststeuerung trainieren – wie geht das?
Man muss sich bewusst machen, warum man sich zum Beispiel nicht regelmäßig bewegt. Schafft man es nicht, sich zum Sport aufzuraffen, wenn man erst einmal aus dem Büro nach Hause gekommen ist? Dann sollte man den Sport so planen, dass er zum Tagesablauf passt. Wer abends zum Training will, nimmt am besten morgens die Sporttasche mit und fährt nach der Arbeit erst gar nicht nach Hause. Wenn man unterwegs dann seine Lieblingsmusik hört, bleibt man leichter in einer guten Stimmung. Das hilft, am Ball zu bleiben.

Klappt das noch nach einem Jahr? Irgendwann ist doch die Luft raus ...
Das stimmt schon: Sporttreiben ist für die meisten Menschen kein Ritual wie Zähneputzen. Aber das Sich-selbst-Steuern kann ganz unterschiedlich aussehen. Da gibt es viele Ansatzpunkte. Wenn ich zum Beispiel keine Lust zum Joggen habe, sage ich mir: "Dann halt heute nur zehn Minuten." Ich laufe kurz um den Block und habe kein schlechtes Gewissen, denn ich bleibe in meinem Rhythmus: dreimal die Woche zu laufen. Rhythmisieren ist sehr wichtig.

Am schwierigsten ist es, sein Essverhalten zu ändern. Was raten Sie da?
Essen hat viel mit Sozialverhalten zu tun. Wir essen in Gesellschaft, werden zum Essen eingeladen. Das macht es nicht einfach, eine gesunde Ernährung konsequent umzusetzen. Es ist aber möglich. Zum Beispiel, indem man "die neue Art zu essen" mit der Familie abstimmt und seine Freunde darum bittet zu respektieren, dass man nicht alles isst. Jemand, der Probleme mit dem Alkohol hat, muss das ja auch tun.

Diabetes Ratgeber / Diabetes Ratgeber, 15.03.2012