Abnehmen mit Typ 1 Diabetes: Wie geht das?

Low Carb, Low Fat oder Intervallfasten: Welche Modediäten sind nachhaltig? Und welche eignen sich für Menschen mit Typ-1-Diabetes?

von Alexandra von Knobloch und Rieke Winter, 16.11.2018
Abnehmen mit Typ1 - wie gelngt das?

Fasten, Formula, Low Carb: Die Auswahl an Diäten ist groß


Dürfen Typ-1-Diabetiker mit Formula-Diäten abnehmen?

Fertigdrinks oder Pulver zum Anrühren ersetzen eine oder mehrere Mahlzeiten — und schon purzeln die Pfunde. Das mutet praktisch an, schließlich lässt sich die nötige Insulindosis dank der Kohlen­hydratangaben auf der Packung leicht berechnen. Trotzdem empfehlen Experten Formula-Diäten nur bedingt. Grund ist der hohe Proteingehalt. Eiweiß im Übermaß ist schlecht für die Nieren.

"Diabetiker mit Nierenschäden sollten keine Formula-Diäten machen", rät Professor Dr. Thomas Skurk, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München. "Sind die Nieren in Ordnung, gelten drei Wochen mit den speziellen Nährstoffgemischen für Typ-1-Diabetiker als vertretbar, um erste Abnehm­erfolge zu erzielen", sagt Professor Dr. Karsten Müssig, Leiter des Klinischen Studienzentrums am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. Man sollte das aber mit seinem Arzt besprechen. Wer sich länger damit ernähren möchte, benö­tige fachärzt­liche Betreuung.

Ist Intervallfasten eine Möglichkeit?

16 : 8 lautet das Mantra für Intervallfaster. Es bedeutet: 16 zusammenhängende Stunden des Tages darf man nichts essen und in den verbleibenden acht Stunden (in Maßen) futtern, was man mag. Studien bescheinigen dieser Ernährungsweise gute Abnehmerfolge. Aber ist sie auch bei Typ-1-Diabetes geeignet?

"Radikale Eingriffe ins Ernährungsmuster sind für Menschen mit Typ-1-Diabetes grundsätzlich kritisch", sagt Thomas Skurk. Ihr Stoffwechsel verkraftet plötzliche Umstellungen schlechter als der von Gesunden. "Sucht ein Typ-1-Dia­betiker eine Diät, wäre Intervallfasten sicher nicht die erste Wahl", betont der Diabetes-Experte. Ganz ausgeschlossen ist es nicht — vorausgesetzt, ein Arzt begleitet die Umstellung und überwacht den Patienten gut.

Ist Low Carb erlaubt?

Man spart an Kohlenhydraten (Carbs) und senkt damit den Verbrauch von Insulin, was beim Abnehmen hilft. Eine solche Diät klingt bei Typ 1 besonders logisch. Zumal einige Studien nahelegen, dass davon nicht nur Hüftgold schwindet, sondern auch der Blut­zucker profitiert. "Tatsächlich verbessert sich der HbA1c-Wert aber nur kurzzeitig", berichtet Müssig.

Wer als Typ-1-Diabetiker trotzdem Low Carb probieren möchte, passt die Dosis des Mahlzeiteninsulins an die — reduzierte — Kohlenhydratmenge an. Und sollte das Hypoglykämierisiko im Blick haben. Vollständig auf Kohlenhydrate verzichten sollte man als Typ-1-Diabetiker aber auf keinen Fall. Zum einen weil sich dann automatisch der Eiweißanteil in der Nahrung stark erhöht, was die Nieren belasten kann. Zum anderen weil eine nahezu kohlenhydratfreie Ernährung sogar bei Menschen ohne Diabetes umstritten ist. Die Langzeitfolgen einer solch einseitigen Essweise sind unklar.

Was ist mit einer ganzen Fastenwoche?

Für Typ-1-Dia­betiker heißt es: "Finger weg" von Fastenkuren, bei denen man typischerweise eine Woche oder länger seine gewohnte Ernährung radikal einschränkt.
Der Grund: Der Insulinbedarf kann rapide sinken, und das Risiko für Unterzuckerungen ist unkalkulierbar. Darum ist auch eine zweite Form des Intervallfastens, der 5 : 2-Plan, für Menschen mit Typ-1-Diabetes ungeeignet. Dabei würde man an fünf Tagen in der Woche normal essen und an zwei Tagen nicht mehr als 500 bis 600 Kilokalorien zu sich nehmen.

Und einfach nur Kalorien zählen?

"Eine kalorienreduzierte Mischkost gilt als die beste Abnehm-Empfehlung", sagt Skurk. "Dabei bietet es sich an, Fett einzusparen, denn davon essen alle Deutschen — auch die Diabetiker — zu viel."

Wie das geht? "Zum Beispiel mit mediterraner Kost", sagt Müssig. Sie ist gemüsereich und spart beim Fleischkonsum. Das Eiweiß stammt vermehrt aus pflanzlichen Lebensmitteln, etwa aus Hülsenfrüchten wie Linsen oder Erbsen. Die Fettaufnahme sinkt automatisch, wenn beispielsweise Butterbrot und paniertes Schnitzel vom Speiseplan verschwinden. Und das Fett, das bleibt, enthält häufiger ungesättigte Fettsäuren. Günstig für die Gesundheit der Blutgefäße ist an erster Stelle Rapsöl oder auch Olivenöl.

Insulin-Purging: Essstörung mit schlimmen Folgen

Zu wenig Insulin spritzen oder ganze Dosen weglassen, um abzunehmen, nennen Experten Insulin-Purging (engl. "purging" bedeutet "abführen"). "Am häufigsten betreiben junge Frauen mit Typ-1-Diabetes Insulin-Purging", sagt Professor Dr. Stephan Herpertz, Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Wenn im Körper zu wenig Insulin verfügbar ist, "staut" sich der Zucker aus der Nahrung im Blut. Ein Teil wird über die Nieren ausgeschieden. Zur Energiegewinnung baut der Körper Fettreserven ab. Beides führt zu dem gewünschten Gewichtsverlust.

Die Gefahr dabei: Beim Fettabbau entstehen Ketonkörper, die — in größeren Mengen — zu einer lebensgefährlichen Übersäuerung des Blutes (Ketoazidose) führen. Zudem steigern dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte das Risiko für Diabetes-Folgeschäden. "Das führt zum Beispiel zu einer Nierenschwäche. Im schlimmsten Fall müssen die Betroffenen zur Dialyse", warnt Herpertz. "Oder sie ent­wickeln Schäden an den Nerven oder an der Netzhaut bis hin zur Erblindung."

"Insulin-Purging ist in keinem Fall geeignet, um Übergewicht abzubauen, sondern eine sehr gefährliche Form von gestörtem Essverhalten", betont Experte Herpertz.


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