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Diabetische Retinopathie: Reha für die Augen

Spezielle Sehhilfen und Trainings können dabei helfen, den Alltag mit einer Sehbehinderung durch einen diabetischen Netzhautschaden zu meistern

von Andrea Grill, 10.01.2020
Senior mit blauen Augen

Das verbleibende Sehvermögen kann durch eine Augen-Reha fast immer verbessert werden


Viele Menschen, denen die Augenärztin Professorin Dr. Susanne Trauzettel-Klosinski gerne helfen würde, bekommt sie gar nicht zu Gesicht. Der Grund: Die Betroffenen wissen nicht, dass es für sie Hilfe gibt. Denn das Arbeitsgebiet von Trauzettel-Klosinski ist außerhalb der Fachwelt relativ unbekannt. Die Medizinerin ist an der Universitäts-Augenklinik in Tübingen auf "visuelle Rehabilitation" spezialisiert. Die sorgt dafür, dass Menschen mit einer Sehbehinderung wieder lesen und besser in die Ferne sehen können — und dadurch neue Lebensqualität und neuen Lebensmut gewinnen.

Viele Menschen mit Diabetes betroffen

"Unter unseren Patienten sind auch viele Menschen mit Diabetes", sagt die Expertin. Denn Schäden an der Netzhaut (der Fachausdruck dafür ist "diabetische Retinopathie") sind eine häufige Folge erhöhter Zuckerwerte. Rund 20 Prozent aller Menschen mit Diabetes sind in Deutschland betroffen, bei etwa fünf Prozent ist das Sehvermögen dadurch stark ein­geschränkt. Die Arbeit von Trauzettel-Klosinski und ihrem Team fängt an, wenn trotz Behandlung durch den Augen­arzt, etwa mit Medikamenten oder Lasertherapie, eine Sehbehinderung bleibt.

Diese kann das Lesevermögen beeinträchtigen oder die Orientierung erschweren, je nachdem, welche Stellen der Netzhaut betroffen sind. Ist sie in einem zentralen Bereich beschädigt, führt das zu Leseproblemen. Ausfälle in Randbereichen erschweren dagegen die Orientierung im Raum. Schrumpft das intakte Gesichtsfeld auf einen kleinen Bereich, kann das schon für alltägliche Dinge wie das Einkaufen im Supermarkt zu einer Hürde werden.

So wirken sich Netzhautschäden auf das Sehvermögen aus

Fast jeder profitiert

"Durch spezielle Hilfsmittel und Training können wir das verbliebene Sehvermögen fast immer verbessern", so die Medizinerin. Meist genüge schon ein Termin, um einen Patienten bestmöglich zu versorgen. Für den nimmt sich das Team der Augenklinik mehrere Stunden Zeit.

Zunächst werden die Augen des Patienten genau untersucht, und seine Sehschärfe wird bestimmt. Dann folgen spezielle Tests: Was und wie schnell kann er lesen? Nützt es ihm, wenn die Schrift beim Lesen vergrößert wird, und wenn ja, um wie viel?

Je nachdem, was die Tests ergeben und was jemandem persönlich wichtig ist, werden geeignete Hilfsmittel ausprobiert. Zur Auswahl steht ein großes Sortiment. Die Lesehilfen reichen von Handlupen und solchen, die man aufstellen kann, über spezielle Lupenbrillen bis zu Bildschirmlesegeräten, welche die gedruckte Schrift elektronisch vergrößern. "Manche Pa­tienten brauchen eine 20-fache Vergrößerung, um eine normale Zeitung lesen zu können", weiß Trauzettel-Klosinski. "Aber auch für sie finden wir etwas Geeignetes."

Wieder andere Sehhilfen, etwa Umhängelupen oder Aufsteckgläser für die vorhandene Brille, ermöglichen es, bei Tätigkeiten im Haushalt oder bei Hobbys beide Hände frei zu haben. Eine bessere Orientierung außerhalb der Wohnung gelingt zum Beispiel mit Monokularen. Das sind kleine Fernrohre, die man unauffällig vor ein Auge hält, um damit Busnummern oder Infoschilder aus der Entfernung zu erkennen.

Kassen zahlen für Hilfsmittel

Was für wen ideal sei, entscheide sich immer individuell, so die Expertin. "Wir probieren mit unseren Patienten verschiedenes aus und finden heraus, womit sie am besten zurechtkommen." Die Kosten für die Hilfsmittel übernehmen die Krankenkassen.

Viele Menschen mit einer Sehbehinderung profitieren zusätzlich vom Training mit speziellen Computerprogrammen. Die Augen "lernen" dabei, Sehausfälle in einem Bereich der Netzhaut auszugleichen, indem andere, intakte Bereiche verstärkt genutzt werden. Nach ­einer Einführung in der Klinik können die Patienten das Training zu ­Hause selbstständig weiterführen. Etwa sechs Wochen lang sollte täglich trainiert werden. "Danach genügt es, die Übungen ein- bis zweimal pro Woche fortzusetzen", so Trauzettel-Klosinski.

Wie erfolgreich die Augen-Reha verlaufen könne, zeige das Beispiel eines 68-jährigen Klinikpatienten mit diabetischer Retinopathie. Seine Sehschärfe habe auf dem besseren Auge nur noch zwölf Prozent betragen. "Dank guter Versorgung kann er heute wieder lesen", erzählt sie, und "wir freuen uns mit ihm über seine wiedergewonnene Selbstständigkeit!"

Infos und Hilfe für Betroffene:

Erste Anlaufstellen für Betroffene sind Augenkliniken, Sehbehindertenverbände sowie Augenärzte und Optiker, die eine "Low-Vision-Beratung" anbieten.


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