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180 Tage unter der Haut

Zucker messen mit dem Langzeit-Sensor: Wie geht das? Was spricht dafür, was dagegen?

von Kathrin Schwarze-Reiter, Dr. Sabine Haaß, aktualisiert am 01.09.2021
Mess-Station im Oberarm

Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) mit dem Langzeit-Sensor unter der Haut


Nur knapp zwei Zentimeter lang ist die Mini-Kapsel. Doch in ihr steckt hoch entwickelte Sensortechnik. Ein kleiner Schnitt vom Arzt, dann verschwindet sie unter der Haut. Ab dann misst das kleine Gerät alle fünf Minuten den Zuckergehalt im Unterhautfettgewebe. Die Werte funkt es an einen sogenannten Transmitter, der direkt über dem Sensor am Oberarm sitzt. Von dort gelangen sie zu einer App auf dem Smartphone und werden im Display angezeigt. So funktioniert Ever-sense, ein System zur kontinuier-lichen Glukosemessung (CGM). Der Unterschied zu allen anderen Systemen auf dem Markt: Die Kapsel kann bis zu sechs Monate unter der Haut bleiben — sonst müssen Sensoren alle sieben bis 14 Tage gewechselt werden.
Der Langzeit-Sensor wird seit etwa fünf Jahren in der Diabetestherapie genutzt. 2016 kam das erste Modell, damals noch mit einem Sensor für 90 Tage, auf den Markt. Der Sensor übernimmt das Zuckermessen, für das man sich sonst etliche Male am Tag in den Finger piksen würde und jeweils einen Blutstropfen braucht. Allerdings nicht ganz: Für korrekte Werte muss das System zweimal täglich durch Blutzuckerkontrollen "geeicht" (kalibriert) werden. Der Transmitter lässt sich abnehmen, etwa zum täglichen Aufladen, und wieder aufkleben. Beim Duschen kann er dranbleiben.

Nur knapp zwei Zentimeter lang ist die Mini-Kapsel. Doch in ihr steckt hoch entwickelte Sensortechnik. Ein kleiner Schnitt vom Arzt, dann verschwindet sie unter der Haut. Ab dann misst das kleine Gerät alle fünf Minuten den Zuckergehalt im Unterhautfettgewebe. Die Werte funkt es an einen sogenannten Transmitter, der direkt über dem Sensor am Oberarm sitzt. Von dort gelangen sie zu einer App auf dem Smartphone und werden im Display angezeigt. So funktioniert Eversense, ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM). Der Unterschied zu allen anderen Systemen auf dem Markt: Die Kapsel kann bis zu sechs Monate unter der Haut bleiben — sonst müssen Sensoren alle sieben bis 14 Tage gewechselt werden.

Der Langzeit-Sensor wird seit etwa fünf Jahren in der Diabetestherapie genutzt. 2016 kam das erste Modell, damals noch mit einem Sensor für 90 Tage, auf den Markt. Der Sensor übernimmt das Zuckermessen, für das man sich sonst etliche Male am Tag in den Finger piksen würde und jeweils einen Blutstropfen braucht. Allerdings nicht ganz: Für korrekte Werte muss das System zweimal täglich durch Blutzuckerkontrollen „geeicht“ (kalibriert) werden. Der Transmitter lässt sich abnehmen, etwa zum täglichen Aufladen, und wieder aufkleben. Beim Duschen kann er dranbleiben.

Die diabetologische Gemeinschafts-­praxis Dachau ist eine davon. Der dort tätige Diabetologe Dr. Thomas Kothny 
findet den Eingriff unkompliziert. "Nach lokaler Betäubung mache ich mit dem Skalpell einen fünf Millimeter breiten Schnitt in die Haut." In die so entstandene Hauttasche schiebt der Arzt den Sensor und klebt einen Pflasterstrip darüber. Danach wird der Transmitter auf den Arm geklebt (siehe Seite 25). Das Ganze dauert eine Viertelstunde. Damit es richtig misst, kalibriert der Anwender das "Langzeit-CGM" kurz nach dem Einsetzen und ab dann jeden Tag zweimal mithilfe herkömmlicher Zuckermessungen. Nach 90 Tagen muss der Sensor ausgewechselt werden. Während einer Studie mit 70 Patienten im Jahr 2016 hielten allerdings nicht alle Sensoren so lange durch. Knapp einer von fünf verabschiedete sich vorzeitig. Bei einem von Kothnys Patienten funktio­nierte der Transmitter nicht richtig und musste ausgetauscht werden. 
Trotz solcher Pannen überwiegen für den Diabetologen die Vorteile. Bei Vergleichsmessungen seiner Patienten gab es kaum Unterschiede zwischen den Werten des Sensors und Blutzuckerkontrollen. Das Pflaster des Transmitters werde täglich gewechselt und eigne sich auch für empfindliche Patienten. Zum Beispiel zum Duschen oder auch zwischendurch können Nutzer den Transmitter entfernen und wieder aufkleben. Der Sensor bleibt unter der Haut. Ohnehin muss der Transmitter einmal am Tag abgenommen werden, um ihn neu aufzuladen.

Sensortausch in einer Stunde 

Eingesetzt wird der Sensor unter örtlicher Betäubung in einer diabetologischen Praxis oder Klinik. Der Eingriff ist in der Regel schmerzfrei und dauert eine Viertelstunde. „Der Arzt ritzt einen fünf Millimeter breiten Schnitt in die Haut am Oberarm“, erklärt Dr. Thomas Kothny, Diabetologe in Dachau. „Dann formt er mit einem chirurgischen Instrument eine Tasche im Unterhautfettgewebe und schiebt den Sensor hinein.“ Auf die Wunde kommt ein Pflaster, und darauf wird der Transmitter geklebt. Fertig. 

Die erste Armseite wählt der Patient, danach wird bei jedem Sensorwechsel getauscht. Einschließlich Desinfektion, Betäubungsspritze und System-Check nach dem Einsetzen nimmt jeder Eingriff etwa eine Stunde in Anspruch. „Das empfinden manche Patienten als lästig“, sagt Kothny.

Bis zu 180 Tage soll die Kapsel nach Herstellerangaben zuverlässig messen. Immer wieder kommt es jedoch vor, dass die Sensoren nicht so lange durchhalten, keine Werte übermitteln, manchmal sogar mit falschen Ergebnissen gefährliche Unterzuckerungen verschleiern —und früher ausgetauscht werden müssen. „Einige Menschen neigen zudem stärker zur Bildung von Narbengewebe, das auch deutlich sichtbar ist“, sagt Kothny. „Manche entscheiden sich deshalb, das System nicht weiter zu nutzen.“ 

Genauigkeit kann nachlassen

Der Langzeit-Sensor hat aber auch Vorteile. Bei Vergleichsmessungen von Kothnys Patienten gab es kaum Unterschiede zwischen den Werten des Sensors und klassischen Blutzuckerkontrollen. „Lässt die Genauigkeit nach, kann es daran liegen, dass das Gewebe den Sensor einkapselt — eine Abwehrreaktion“, sagt Dr. Anna Trocha, Chefärztin der Klinik für Diabetologie am Elisabeth-Krankenhaus Essen. „Möglicherweise schaltet er sich deshalb in manchen Fällen schon nach vier bis fünf Monaten ab.“ 

Wie andere CGM-Systeme zeigt Eversense zusätzlich zu den aktuellen Werten Trendpfeile für den Zuckerverlauf an. So erkennt man, ob der Zucker gerade sinkt oder steigt und wie schnell.

„Wichtig ist, dass das Silikonpflaster des Transmitters täglich gewechselt wird, damit keine Hautreizungen entstehen. Dann eignet es sich selbst für empfindliche Haut“, sagt Experte Kothny. „Bei keinem unserer Patienten mussten wir bisher die Versorgung mit dem Eversense-System wegen einer Unverträglichkeit beenden.“

Ab und zu löst sich der Transmitter vom Oberarm, zum Beispiel bei starkem Schwitzen oder durchnässtem Pflaster. Erneutes Aufkleben geht aber schnell und einfach.

Früher berichteten Anwender von Problemen bei starker Sonneneinstrahlung. Weil der Gewebszucker über Lichtimpulse gemessen wird, lieferte der Sensor dann keine Werte mehr. „Mittlerweile wird die Kapsel etwas tiefer unter der Haut platziert“, sagt Kothny. „Seitdem kommt das nicht mehr vor.“

So funktioniert die Langzeit-Messung

In drei Schritten zum Messwert: Der Sensor unter der Haut am Arm misst den Gewebezucker. Der Transmitter auf der Haut empfängt den Wert und sendet ihn weiter an eine App auf dem Smartphone

Infografik Diabetes So funktioniert die Langzeit Messung

 

 

Auch Klare ist inzwischen von seiner skeptischen Meinung zum "Langzeit-CGM" abgerückt. Einer der Gründe: die Ankündigung des Herstellers, dass der Sensor bald nicht drei, sondern sechs Monate lang halten soll. "Das wäre schon sehr komfortabel", sagt Klare. Ein Nachteil bleibt aus seiner Sicht: Insulinpumpenträger können die Zuckerwerte nur auf dem Smartphone ablesen, eine Verbindung zur Pumpe gibt es nicht.  "Eine gute Sache ist meiner Ansicht nach die Alarmfunktion", sagt der Diabetologe. Bei zu tiefen oder zu hohen Werten wird der Nutzer vom Smartphone alarmiert, und zusätzlich vibriert der Transmitter direkt auf der Haut. "Das ist sehr diskret und besser zu spüren als etwa eine vibrierende Insulinpumpe in der Gürteltasche", sagt Klare.
Das neue "Langzeit-CGM" kommt vor allem für Typ-1-Diabetiker mit intensivierter Insulintherapie oder Insulinpumpe infrage, die trotz sorg­-
fältigem Diabetesmanagement Pro­b­leme mit ihrer Stoffwechseleinstellung haben. Derzeit werden Anträge auf Kostenübernahme des Systems und des chirurgischen Eingriffs durch die Krankenkassen oft noch abgelehnt oder erst nach Einspruch bewilligt, so die Erfahrungen der Anwender und Diabetologen. Wer die Mess-Kapsel ausprobieren möchte, braucht also gute Gründe, die er dem Sachbearbeiter seiner Krankenkasse darlegt. Und einen langen Atem.

Vibrier-Alarm auf der Haut

„Eine große Entlastung im Alltag und hilfreich für gute Werte ist die Alarmfunktion“, sagt Dr. Wolf-Rüdiger Klare, Diabetologe in Radolfzell. Ist der Zucker zu hoch oder zu niedrig, alarmiert das Smartphone den Nutzer. Zusätzlich vibriert der Transmitter direkt auf der Haut. „Das ist sehr diskret und besser zu spüren als etwa eine vibrierende Insulinpumpe in der Gürteltasche“, sagt Klare.

Ein Nachteil bleibt aber aus seiner Sicht, dass sich die Zuckerwerte nur auf dem Smartphone ablesen lassen. Eine Verbindung zwischen Eversense-System und Insulinpumpe wie bei anderen Systemen gibt es bisher nicht.

Infrage kommen CGM-Systeme vor allem für Menschen mit Typ-1-Diabetes, die trotz sorgfältigem Diabetes-Management ihre Zielwerte nicht erreichen, starke Zuckerschwankungen oder nächtliche Unterzuckerungen haben. „Eversense eignet sich besonders für diejenigen, die Kontakt- oder Kampfsportarten betreiben oder körperlich arbeiten“, sagt Expertin Anna Trocha. Ein Abreißen des Sensors kann dabei nicht passieren, und der Transmitter ist gleich wieder befestigt. „Das wichtigste Argument, um das Langzeit-System von der Krankenkasse genehmigt zu bekommen“, sagt Dr. Hansjörg Mühlen, Diabetologe in Duisburg. 

 

Zahl der Nutzer sinkt

Auch bei allergischer Reaktion auf die Pflaster anderer CGM-Systeme akzeptiert die Kasse meist den Umstieg auf Eversense. Bewilligt sie das System, wird für den Anwender nur eine Selbstbeteiligung von zehn Euro im Monat fällig. Ob dem Antrag auf Kostenübernahme stattgegeben wird, hängt vom Einzelfall und einer guten Begründung ab. Dafür muss der Diabetologe ein Gutachten schreiben. Die Zahl der Nutzer geht mittlerweile zurück. Von Thomas Kothnys Patienten tragen die Kapsel im Arm nur noch fünf, bei Hansjörg Mühlen ist ihre Zahl von 150 auf 70 gesunken. Seit einem Vertriebswechsel gibt es Liefer- und andere Probleme, viele Diabetologen setzen das System nicht mehr ein, sagt Mühlen. 

Anwender kritisieren zudem den aufwendigen Sensortausch und die mangelnde Zuverlässigkeit der Sensoren. Zumindest Letzteres soll sich ändern: Noch für dieses Jahr oder für 2022 steht ein neuer, stabilerer Sensor in Aussicht.


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