Meine Mutter, der Diabetes und ich

In der Pubertät wollen Jugendliche unabhängig von den Eltern werden. Eine schwierige Zeit für beide Seiten — erst recht, wenn Diabetes im Spiel ist

von Dr. Sabine Haaß, 29.06.2018
Teenager

Gutes Verhältnis: Sofie B. (15) hat seit neun Jahren Diabetes. Bei Problemen mit der Therapie holt sie sich eine zweite Meinung bei ihrer Mutter Silvia B. (40) ein


Was ist denn da passiert? Mit einem Mal reagieren Kinder schnippisch oder abweisend, provozieren Streit oder ziehen sich in ihr Zimmer zurück und knallen die Tür hinter sich zu. Was sie wirklich bewegt, vertrauen sie nur noch ihren Freunden an. Und von besorgten Eltern nach den Blutzuckerwerten oder nach ihrem Alkoholkonsum gefragt werden? Geht gar nicht.

Hormonelle Veränderungen in der Pubertät werfen Jugendliche nicht nur in ein heftiges Auf und Ab von Gefühlen und Stimmungen hinein, sie führen auch zu Blutzuckerschwankungen und erhöhen häufig den Insulinbedarf. "Dazu kommt, dass sich bis zur Pubertät oft ausschließlich die Eltern um den Diabetes gekümmert haben", sagt Isabel Laß, Fachpsychologin Diabetes am Bürgerhospital Frankfurt am Main. "Jetzt müssen die Jugendlichen selbst Verantwortung für die Therapie übernehmen."

Ein schwieriger Balanceakt, den Eltern und Jugendliche naturgemäß sehr unterschiedlich erleben und beurteilen. Sofie und Silvia B., Tochter und Mutter aus Oberbayern, reden offen darüber.

Teenager

Das sagt die Tochter: Sofie B. (15)

"Diabetes habe ich seit neun Jahren und bin eigentlich gut damit klargekommen. Erst als mit elf die Pubertät anfing, wurde mein HbA1c immer schlechter, obwohl ich mir wirklich Mühe gab, diese blöden Zuckerschwankungen in den Griff zu kriegen. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr und hörte auf zu messen. In mein Tagebuch habe ich erfundene Werte reingeschrieben. Mein Diabetologe im Landshuter Kinderkrankenhaus St. Marien hat das natürlich gemerkt und mir ins Gewissen geredet. Die Mama auch, aber ich dachte immer: Jaja, du hast zwar recht, aber… Sie hat sich Sorgen gemacht, doch mir war einfach alles egal.

In unserer Not haben wir ein System zur kontinuierlichen Zuckermessung gekauft, das damals neu auf den Markt kam. Seitdem bin ich besser eingestellt, die Werte sind inzwischen auch stabiler. Nur wenn ich Alkohol trinke, steigt der Blutzucker und bleibt stundenlang hoch. Zwischen drei und vier Uhr nachts falle ich dann in den Unterzucker. Sicherheitshalber stelle ich mir den Wecker zum Messen.

Das ist wirklich das Einzige, was mich am Diabetes stört, und auch Streitthema zwischen der Mama und mir. Mein Dia­betologe hat mir erklärt, wie ich mit dem Alkohol umgehen soll, dass ich einen hohen Wert nicht mit Insulin korrigieren darf. Ich trinke nicht jedes Mal Alkohol, wenn ich ausgehe, und höre auch nach einem Glas auf. Aber die Mama hat halt immer Angst, wenn ich unterwegs bin.

Ansonsten kommen wir gut klar. In die Diabetestherapie mischt sich die Mama nicht ein. Wenn ich ein Problem habe, melde ich mich selbst und hole eine zweite Meinung bei ihr ein. Wir entscheiden gemeinsam, was ich dann mache."

Mutter

Das sagt die Mutter: Silvia B. (40)

"Die schlimme Zeit mit den schlechten Werten und Sofies Null-Bock-Haltung liegt hinter uns. Das Anstrengende für mich war immer, nicht ständig zu fragen: Hast du gemessen? Welchen Wert hast du? Wie viel Insulin brauchst du? Inzwischen habe ich die Verantwortung für den Diabetes an Sofie abgegeben. Darüber reden ist tabu in der Familie. Ich vertraue Sofie und weiß, dass sie mich anspricht, wenn sie nicht allein zurechtkommt.

Das heißt nicht, dass ich mir keine Sorgen mehr mache. Aber ich reiße mich zusammen. Besonders schwer fällt mir das, wenn Sofie ausgeht und Alkohol trinkt. Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass man auch cool ist, wenn man nüchtern bleibt. Wenigstens hat sie ihre Freunde dabei, die vom Diabetes wissen und sehr auf sie aufpassen.

Sofie hat sich schon früh selbstständig um den Diabetes gekümmert. Deshalb habe ich sie auch allein ins Skilager und letztes Jahr sogar für 16 Tage mit ihrer Freundin nach England an eine Sprachschule fahren lassen. Ich dachte, ich werde verrückt vor Angst. Aber sie wollte das unbedingt. Und weil sie vorher noch eine Schulung im Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut gemacht hat, habe ich okay gesagt."

Das rät die Psychologin: Isabel Laß

"Zwischen Eltern und Jugendlichen läuft es häufig nicht so gut wie bei Familie Brenninger. Hilfreich sind Regeln, die man konsequent einhält. Zum Beispiel versprechen die Eltern dem Jugendlichen, nicht über Therapiemaßnahmen zu diskutieren, solange sein HbA1c in Ordnung ist. Nur bei Unter- oder Überzuckerungen (mit festgelegten Grenzwerten) sollten Eltern nachfragen dürfen. Oder beide Seiten vereinbaren ein wöchentliches Gespräch, bei dem der Jugendliche die Eltern auf den aktuellen Diabetes-Stand bringt. Klappt das nicht und steigt der HbA1c zu hoch, sollte der Jugendliche den Eltern jeden Abend seine Messwerte zugänglich machen.

Wann immer Eltern oder Jugendliche es nicht schaffen, Konflikte — etwa über den Umgang mit Alkohol und Rauchen bei Dia­betes — allein zu lösen: Wenden Sie sich an Ihr Diabetesteam. An vielen Kliniken gehört ein Psychologe dazu. Auch spezielle Schulungen für Jugendliche können helfen."

Isabel Laß ist Fach­psychologin Diabetes am Bürgerspital und am Clementine Kinderhospital in Frankfurt am Main


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