Pikst du noch oder scannst du schon?

Seit November 2014 gibt es einen Zucker-Sensor, der die Messung per Finger-Piks ersetzen soll. Welche Erfahrungen Ärzte und Diabetiker mit dem System gemacht haben und was die Kassen dazu sagen

von Daniela Pichleritsch, aktualisiert am 03.05.2018
Blutzucker messen

Immer wieder piksen kann lästig sein. Ein "Zucker-Scanner" verspricht mehr Komfort


"Jede Stunde meinen Zucker kontrollieren: Früher war das undenkbar. Heute ist das Routine!", sagt Martin B. Dabei hat der 60-jährige Typ-1-Diabetiker weder einen Arzt, der ihn zum ständigen Messen verdonnert hat, noch eine Krankenkasse, die ihn großzügigst mit Teststreifen versorgt. B. besitzt ein Messgerät, das seit November 2014 auf dem Markt ist. Ein Sensor, so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, an seinem Oberarm misst den Zucker im Unterhautfettgewebe. Den aktuellen Wert kann Martin B. ablesen, indem er einen kleinen Scanner an den Sensor hält.

Das System (Flash Glucose Monitoring, kurz FGM, Handelsname FreeStyle Libre) soll in der Lage sein, die Zuckermessung per Finger-Piks weitgehend zu ersetzen. Kein Wunder, dass es unter Dia­betikern für Furore sorgte. Im Internet-Shop des Herstellers, der bislang einzigen Bezugsquelle, war es binnen weniger Wochen ausverkauft. Gedacht ist das FGM-System vor allem für Diabetiker, die ihre Insulintherapie selbst steuern und dazu häufig ihre Werte kontrollieren müssen.

FGM ist eine "große Erleichterung"

Der Hamburger Diabetologe Dr. Jens Kröger betreut mit seinem Praxisteam viele FGM-Nutzer, überwiegend Typ-1-Diabetiker. "Alle empfinden es als große Erleichterung, ihren Wert jederzeit ablesen zu können", sagt Kröger. Als besonders hilfreich bewerten seine Patienten den "Trend-Anzeiger". Denn der Scanner, mit dem der Wert ausgelesen wird, zeigt auf einem Display mit einem kleinen Pfeil, in welche Richtung sich der Zuckerspiegel momentan entwickelt – und auch, wie schnell die Werte steigen oder fallen.

"So kann man rasch Gegenmaßnahmen einleiten, wenn sich eine Entgleisung anbahnt", sagt Kröger. Das Gerät zeigt zudem bei jedem Scan den Zuckerverlauf der letzten acht Stunden in Form einer Kurve. So lassen sich Hochs und Tiefs aufspüren, die man mit Einzel-Messungen nicht erfasst hat.

Mit den Werten richtig umgehen

Das FGM soll natürlich nicht nur das Finger-Piksen ersparen, sondern auch helfen, die Blutzuckerwerte zu verbessern. "Das klappt nur, wenn man mit den Informationen, die das System liefert, richtig umgeht", sagt Kröger. Theoretisch kann man jede Minute einen aktuellen Wert scannen. Das kann jedoch zu Überreaktionen führen. Etwa, dass man einen ­erhöhten Wert mehrfach mit Insulin korrigiert und sich so in eine Unterzuckerung spritzt.

Wer das FGM-System nutzt, sollte auch wissen, wann zusätzlich eine Messung per Finger-Piks nötig ist. Denn vollständig kann man darauf nicht verzichten. Wer zum Beispiel den Verdacht hat, dass er gerade unterzuckert, obwohl der gescannte Wert im normalen Bereich liegt, sollte zur Sicherheit einen Blutzuckertest machen. Inzwischen gibt es ein eigenes Schulungprogramm, um FGM-Nutzer für den Umgang mit dem Gerät fit zu machen. Ob die Kassen dieses Programm finanzieren, ist allerdings noch nicht geklärt. 

So funktioniert der Sensor

Der Sensor hat einen Messfühler, den man sich mit einer Setzhilfe unter die Haut sticht. Mit einem Lesegerät (Scanner) wird der Sensor aktiviert. Nach einer Stunde ist er betriebsbereit. Um einen Zuckerwert zu scannen, hält man das Lese­gerät im Abstand von maximal vier Zentimetern an den Sensor. Bei jedem Scan zeigt es den aktu­ellen Wert, den Zuckerverlauf über die letzten acht Stunden und ob der Zucker steigt oder fällt. Der Sensor hält zwei Wochen und kann auch beim Duschen oder Baden getragen werden.

Kröger, der seine FGM-Patienten geschult hat, sieht positive Auswirkungen auf die Qualität der Diabeteseinstellung: Unterzuckerungen seien deutlich ­seltener geworden, während sich die Blutzucker-Langzeitwerte (HbA1c-Werte) ver­bessert hätten. Ähnlich sind die Erfahrungen der Münchner Diabetologin Dr. Silvia Zschau, die mehr als 200 Diabetiker mit einem FGM-System betreut.

Allerdings komme es vor, dass ein Sensor erst einen Tag, nachdem er gelegt wurde, zuverlässige Werte liefert – eine Erfahrung, die auch Martin B. bestätigt: "Ich hatte schon Sensoren, die die ersten 16 Stunden trotz normaler Blutzuckerwerte nur ‚LO‘, also ‚niedrig‘, angezeigt haben. Umgekehrt lieferten manche Sensoren plötzlich viel zu hohe Werte", sagt der Fotograf. Er legt einen neuen Sensor daher immer einen Tag, bevor der alte Sensor abläuft, und aktiviert ihn erst nach dieser Eingewöhnungszeit.

"Diesen Trick wenden einige FGM-Nutzer an", bestätigt Diabetologe Kröger. Er rät seinen Patienten übrigens, den Sensor abends zu legen, ihn dann sofort zu aktivieren und die Nacht zur "Eingewöhnung" zu nutzen. Es kommt auch vor, dass das Pflaster den Sensor nicht lange genug fixiert. "Dann kann es ein Ausweg sein, ein Extra-Pflas­ter zu verwenden", so Kröger.

Allergie als Nebenwirkung möglich

Problematischer sei es, wenn man eine Allergie auf das Sensorpflaster entwickelt. In diesem Fall sollte man mit seinem Arzt sprechen. Wenn die Hautreaktion nur mild ist, etwa eine leichte Rötung, kann es helfen, vor dem Setzen des Sensors ein Schutzspray auf die Haut zu sprühen. Ansonsten hilft eventuell ein hypoallergenes Pflaster, in das man ein Loch schneidet. Manche Anwender reagieren so stark, dass sie auf den Sensor verzichten.

FGM-Nutzer haben auch schon erlebt, dass der Sensor an Diebstahlschleusen kaputtgeht oder Alarm auslöst. Unklar ist, wie oft solche Probleme auftreten. Der Hersteller empfiehlt, das zuständige Personal zu informieren, bevor man durch eine solche Schleuse geht.

Datenschützern bereitet etwas ganz anderes Kopfzerbrechen. Für das Libre-System gibt es eine Software, mit der man seine Messdaten am Computer verwalten kann. Dabei werden die Daten an die Herstellerfirma in den USA weitergeleitet. Auch B. verwaltet seine Daten am Computer. Sicherheitshalber kappt er seine Internetverbindung, bevor er den Scanner anschließt.

Das Starterpaket mit Scanner und zwei Sensoren kostet 169,90 Euro, ein Sensor für zwei Wochen 59,90 Euro. Laut Hersteller übernehmen inzwischen fast alle Krankenkassen auf Antrag die Kosten. Voraussetzung: Eine intensivierte Insulintherapie (ICT) oder eine Insulinpumpentherapie. Die Nutzer müssen noch eine gesetzliche Zuzahlung von bis zu zehn Euro monatlich für die Sensoren leisten. Dazu kommen einmalig zehn Prozent der Kosten für das Lesegerät.

Besserer HbA1c-Wert

Zwei Ende 2016 veröffentlichte Studien mit mehreren hundert erwachsenen Diabetikern ergaben, dass bei FGM-Nutzern die Zahl der Unterzuckerungen abnimmt. Und zwar ohne dass der HbA1c-Wert steigt. Auch eine anonymisierte Auswertung der Daten von mehreren tausend FGM-Nutzern kam zu einem positiven Ergebnis: Wer seine Zuckerwerte häufig scannt, bei dem verlängert sich die Zeit, in der die Werte im Zielbereich liegen. Und der HbA1c-Wert verbessert sich. Martin B. kann das bestätigen: "Seit ich das Libre nutze, ist mein Zucker-Langzeitwert unter sieben gesunken", sagt er. Und was ihm noch viel wichtiger ist: "Ich habe kaum noch Unterzuckerungen."


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