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Warum schwankt mein Blutzucker?

Plötzlich spielt der Blutzucker verrückt. Dahinter können viele Ursachen stecken. Drei Frauen erzählen, wie sie das Rätsel um ihre Zuckerschwankungen lösten

von Angela Boschert, 12.07.2019
Antonia Ahlers

Bei Antonia A. (25) war eine Schilddrüsen-Unterfunktion schuld an den Zuckerschwankungen


"Ich hatte ein Problem mit der Schilddrüse"

Antonia A. (25), seit 18 Jahren Typ-1-Diabetes: "Vor vier Jahren begannen meine Blutzuckerwerte auf einmal sehr zu schwanken. An vielen Tagen gingen die Werte in Richtung 300 mg/dl (16,7 mmol/l), kurz da­rauf rutschte ich in eine Unterzuckerung — oder genau andersherum. Mein Blutzucker war völlig unberechenbar. Ich fühlte mich schlapp und hatte öfter Kopfweh.

Als Kind hatte ich eine Schilddrüsenentzündung. Deshalb testete mein Hausarzt regelmäßig auch meine Schilddrüsenwerte im Blut. Die lagen immer gerade so im Normalbereich, weshalb ich keine Schilddrüsenmedikamente bekam. Doch wegen der Blutzuckerschwankungen guckte der Arzt lieber noch einmal nach. Er untersuchte mein Blut und stellte fest, dass ich eine Schilddrüsen-Unterfunktion hatte — infolge einer Ha­shimoto-Thyreoiditis. Das ist eine Autoimmunerkrankung, bei der es zu einer anhaltenden Entzündung der Schilddrüse kommt. Das passiere bei Menschen mit Typ-1-Dia­betes häufiger, erklärte mir mein Arzt. Sofort erhielt ich Schilddrüsenhormone als Medikament, und mein Befinden besserte sich. Müdigkeit, Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme wurden weniger. Mit der Zeit stabilisierten sich auch meine Blutzuckerwerte. Natürlich gibt es auch heute noch Tage, an denen sie aus der Reihe tanzen. Aber ich achte sehr genau darauf, meine Schilddrüsenmedikamente zu nehmen. Ich bin froh, dass sich alles wieder eingependelt hat. Denn momentan brauche ich meine Nerven für die Prüfungen: Ich mache gerade meinen Master fürs Grundschullehramt."

Melanie Oldenburg

"Ein Sensor verriet, was hinter den Blutzuckerschwankungen steckte"

Melanie O. (30), seit 20 Jahren Typ-1-Diabetes: "Als ich vor drei Jahren die Pille absetzte, schwankten meine Blutzuckerwerte plötzlich extrem: Immer wieder bekam ich starke Unterzuckerungen, oder der Zucker war plötzlich viel zu hoch. Damals benutzte ich einen Pen. In Absprache mit meiner Diabetesberaterin änderte ich also die Dosierung des Insulins. Es wurde nicht besser.

Deshalb bat ich meinen Arzt, mir einen kontinuierlich messenden Glukosesensor zu verordnen. Und führte brav Protokoll, was ich aß: Jede Brotscheibe, jeden Apfel notierte ich. Mein Protokoll und die Daten aus dem Sensor zeigten: Die Schwankungen hingen mit meinem Zyklus zusammen. Um den Eisprung herum gingen die Werte plötzlich hoch, auch ohne dass ich etwas gegessen hatte. Wenige Stunden vor der Periode stürzte der Blutzucker dann dramatisch ab. Während der Periode brauche ich also viel weniger Insulin und in der Zyklusmitte mehr. Inzwischen habe ich eine Insulinpumpe bekommen. Die Werte sind noch nicht perfekt, aber in den letzten zwei Jahren schon viel besser geworden."

"Meine Seele litt — und die Werte wurden schlechter"

Sabine B. (50), seit zehn Jahren Typ-1-Diabetes: "Meinen Blutzucker hatte ich eigentlich immer ganz gut im Griff. Insulin spritze ich mir mit einem Pen. Doch vor zwei Jahren begannen die Werte plötzlich enorm zu schwanken. Es gab viele extreme Ausschläge mit lang anhaltenden sehr hohen Werten und unerklärliche Abstürze in Richtung Unterzucker. Eine Diabetesberaterin half mir bei der Suche nach den Ursachen. Ich bekam ein Gerät, das meinen Zucker fortlaufend überwachte. So erfuhr ich, dass ich auch nachts immer wieder unterzuckere. Daraufhin verringerten wir die Dosis des Langzeitinsulins. An den Schwankungen änderte sich jedoch nichts. Ich litt sehr darunter, wurde zunehmend verzweifelt und niedergeschlagen. Weder meine Diabetologin noch meine Haus­ärztin fand eine schlüssige Erklärung für das Blutzucker-Chaos.

Schließlich empfahl mir meine Haus­ärztin, zu einer auf Diabetes spezialisierten Psychotherapeutin zu gehen. Nach einem Gespräch vermutete sie, dass ich schon länger an einer Depression leide. Das könne sich auch auf den Blutzucker auswirken.

Seit Kurzem bin ich bei ihr in Behandlung. Wir sind noch am Anfang der Therapie, aber es geht mir psychisch schon besser. Mein Blutzucker ist etwas kon­stanter, vielleicht auch, weil ich meine Ernährung geändert habe. Ich esse weniger Kohlenhydrate, dafür sehr viel Gemüse, und ich achte auf gesundes Fett. Ich fühle mich besser, und ich habe Freude an meiner Gymnastikgruppe, die ich seit einiger Zeit besuche. Ich brauche kein Mitleid, ich will wieder Spaß im Leben haben."

Interview: "Oft spielen die Hormone verrückt"

Prof. Dr. Schumm-Dräger

Frau Professorin Dr.Schumm-Draeger: Was sind die häufigsten Gründe für einen schwer einzustellenden Blutzucker?

Dazu gehören für Typ-1- und Typ-2-Diabetiker sicherlich Hormonstörungen, am häufigsten sind es Erkrankungen der Schilddrüse. Wird das Problem behandelt, stabilisieren sich auch die Blutzuckerwerte wieder. Patienten mit rheumatischen Erkrankungen werden oft mit Kortikoiden behandelt. Auch dadurch kann es zu starken Blutzuckeranstiegen kommen. Dies muss vor der Therapie besprochen werden, um die Diabetestherapie zu intensivieren und den Blutzucker engmaschig zu kontrollieren.

Apropos Hormone: Schwanken bei Frauen deshalb häufiger die Werte?

Während der Pubertät und in den Wechseljahren passiert das oft. Und häufig auch im Zyklusver­lauf. Übrigens leiden auch Jungen in der Pubertät unter schwankenden Werten. Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass Jugendliche in dieser Phase gelegentlich keine große Lust haben, sich um ihre Therapie zu kümmern.

Wie sieht es mit anderen Erkrankungen aus?

Jede akute Infektion kann zu Blutzuckerschwankungen führen. In dieser Situation muss immer entsprechend intensiviert behandelt und häufiger der Blutzucker kontrolliert werden.

Welche Rolle spielt die Seele?

Eine sehr große! Aktuelle Studien zu diesem Thema zeigen, dass eine erfolgreiche Behandlung depressiver Symptome die Stoffwechselkontrolle bei Diabetes deutlich verbessert. Während der Wechseljahre können bei Frauen zwei Probleme zusammenkommen: So geraten sie in dieser Phase häufiger in eine depressive Stimmung. Dadurch vernachlässigen sie gelegentlich ihre Behandlung, und die Zuckerwerte werden schlechter.

Was kann man tun, wenn sich der Blutzucker über längere Zeit nicht gut einstellen lässt?

In dem Fall müssen der Hausarzt und der Diabetologe andere mögliche Ursachen überprüfen. Es gibt eine Reihe akuter und chronischer Erkrankungen, die die Blutzuckereinstellung erschweren. Das gilt auch für eine ungesunde Lebensführung. Wichtig ist, dass gegebenenfalls weitere Fachärzte, etwa Neurologen oder Rheumatologen, einbezogen werden, um die Ursachen zu finden.


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