Was Digitalisierung bei Diabetes bringt

Die Digitalisierung verändert die Therapie des Diabetes. Für Patienten bietet das viele Chancen. Doch es bleiben offene Fragen
von Stephan Soutschek, 04.12.2017

Immer im Blick: Blutzuckerwerte lassen sich auf dem Smartphone abrufen

istock/Geber86

Einmal im Monat Zucker messen musste reichen. Noch vor ein paar Jahrzehnten kontrollierte ein Arzt nur etwa alle 30 Tage bei Menschen mit Diabetes den aktuellen Wert. Der Patient musste für den Test in die Klinik kommen. Heute gibt es Sensoren, die rund um die Uhr den Zucker im Gewebe messen. Patienten stechen sie selbstständig unter die Haut.

Die großen Mengen an Einzelmesswerten, die diese Systeme liefern, lassen ein detailliertes Bild des Zuckerverlaufs zu. "Vor allem nachts ist das praktisch", sagt der Typ-1-Diabetiker Timo Zander aus Kiel. "So sehe ich, ob mein Zuckerspiegel im Schlaf zu tief fällt, und kann mein Basalinsulin entsprechend anpassen."

Keine Frage: Es tut sich etwas in der Diabetesbehandlung. Die digitale Technik verändert die Art, wie Patienten und Ärzte einen Diabetes managen. Experten sehen diese Entwicklung überwiegend positiv. "Die Digitalisierung kann das Leben mit Diabetes leichter machen", sagt Dr. Winfried Keuthage, niedergelassener Diabetologe in Münster.

Smartphone statt Blätterwald

Aber um was geht es im Einzelnen in der digitalen Diabeteswelt? Schon seit vielen Jahren speichern Blutzuckermessgeräte die Werte, und die Nutzer können sie sich mithilfe von Computerprogrammen zum Beispiel als Kurve oder Durchschnittswerte anzeigen lassen.

Inzwischen geht das noch komfortabler: Wolfgang H., Diakon aus Heusenstamm, etwa nutzt ein Blutzuckermessgerät, welches die Daten automatisch – per Bluetooth – in eine App auf dem Smartphone überträgt. Dort kann er in Kurven und Diagrammen seinen Zuckerverlauf genau nachvollziehen. "So kann ich schneller auf ungünstige Trends reagieren", sagt H. Auf dem Display sieht er zum Beispiel sofort, wenn die Werte in den vergangenen Tagen im Schnitt zu hoch waren. Seit vier Jahren managt H. seinen Typ-2-Dia­­betes digital. Sein Stoffwechsel ist seitdem deutlich besser eingestellt: Der Blutzucker-Langzeitwert HbA1c sank von 7,8 auf 5,9 Prozent. "Bei den digital übertragenen Zuckerwerten kann ich nicht schummeln", sagt er lachend. "Das zwingt zur Disziplin." Ein Vorteil gegenüber einem handschriftlichen Blutzucker-Tagebuch. Außerdem lassen sich in das Smartphone-Tagebuch auch Daten wie Insulin- und Kohlenhydratmenge eingeben.

Die digitale Diabeteswelt liefert uns also eine Fülle von Informationen über die Zuckerwerte. Sie sind übersichtlich dargestellt und mobil verfügbar. All das erlaubt auch eine bessere Kontrolle des Stoffwechsels. "Patienten werden dadurch künftig ihre Behandlung selbstständiger durchführen können", sagt Professor Lutz Heinemann, Vorsitzender des Arbeitskreises Dia­betes & Technologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

Zwar übertragen heute nur wenige Messgeräte die Zuckerwerte automatisch auf das Handy. "Das ändert sich aber rasant", sagt Dia­betologe Keuthage. In wenigen Jahren könnte es Standard sein, dass die verschiedenen Geräte für die Dia­betestherapie sich untereinander austauschen.

Apps nach Maß

Neben digitalen Blutzucker-Tagebüchern gibt es eine Vielzahl von Anwendungen, die Diabetikern im Therapiealltag hilfreich sein können: etwa Fitness-Tracker, Ernährungstagebücher und Apps, mit denen sich der Kohlenhydrat- oder Kaloriengehalt einer Mahlzeit bestimmen lässt. Aus diesem Angebot können Arzt und Patient den passenden Mix heraussuchen. "Wir Diabetologen müssen digitale Helfer stärker bei der Therapie berücksichtigen", sagt Keuthage, der selbst Diabetes-Apps entwickelt hat.

Vor rund einem Jahr kaufte sich Timo Zander ein Fitness-Armband. "Eigentlich mehr aus Spaß", sagt er. Doch dann konnte er mitverfolgen, wie sich unter anderem seine Herzfrequenz beim Laufen nach und nach verbesserte. "Das war eine tolle Motivation", sagt Zander. Die direkte Rückmeldung kleiner Erfolge ist ein großes Plus von Gesundheits-Apps und Fitness-Trackern. Sie können ­einen Motivationsschub geben, zumindest zeitweise. Der langfristige Nutzen ist weniger eindeutig. Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse. Bei einer 2016 im Fachjournal JAMA veröffentlichten Un­tersuchung mit 471 Teilnehmern hatten die Träger eines Fitness-­Armbands nach zwei Jahren sogar weniger Gewicht verloren als eine Vergleichsgruppe. "Eine App muss einen echten Mehrwert bieten, sonst wird sie nicht lange benutzt", sagt Keuthage.

Bedenken beim Datenschutz

"Mehr Daten heißt nicht automatisch besser", sagt Susanne Mauersberg, Referentin für Gesundheit beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Sorge bereitet Mauersberg bei Gesundheits-Apps aber etwas anderes: "Der Datenschutz ist oft grottenschlecht", sagt sie. Viele Anwendungen geben sensible Informationen an Dritte weiter. Für den Nutzer ist das auf den ersten Blick nicht erkennbar.

Mauersberg fordert deswegen von der Politik, dass sie Hersteller zu bestimmten Angaben verpflichtet, etwa wohin die Daten gehen. Verbrauchern rät sie, vor dem Herunterladen einer App unbedingt zu prüfen, ob die Beschreibung eindeutige Angaben zu Zielgruppe, Zweck und Umgang mit Daten liefert. Fehlen solche Angaben, kann das ein Zeichen für mangelnde Seriosität beim Anbieter sein. Dann sollten Verbraucher die App nicht auf das Handy laden.

Programme im Hintergrund

Big Data, das Anhäufen großer Mengen an digitalen Informationen, verteufelt Mauersberg aber nicht grundsätzlich. Forscher können zum Beispiel das gesammelte Wissen nutzen, um bessere Therapien zu entwickeln. "Der Patient muss aber selbst bestimmen können, ob seine Daten dazu verwendet werden dürfen", sagt die Verbraucherschützerin.

DDG-Experte Lutz Heinemann spricht sich dort für den Austausch von Daten aus, wo dieser die Behandlung voranbringt. Heinemanns Vision: Betritt ein Patient eine Arztpraxis, lädt eine Software in Zukunft die Daten von dessen Geräten automatisch herunter und bereitet sie auf. Kommt der Patient ins Sprechzimmer, stehen diese Informationen dem Arzt schon zur Verfügung. So bleibt mehr Zeit, über die eigent­liche Therapie zu sprechen.

Niemand muss den Diabetes digital verwalten

Smarte Programme, die den Menschen einen Teil der Arbeit abnehmen, eröffnen weitere neue Möglichkeiten in der Diabetologie. Bereits 2018 sollen hierzulande "Closed-Loop"-Systeme auf den Markt kommen. Bei diesen wertet eine Software die Daten aus einem CGM-Sensor aus und steuert damit die Insulinabgabe einer Pumpe automatisch.

Nicht jedem ist wohl bei dem Gedanken, ein vernetzter Patient zu sein. Manch einer will sich nicht mit der neuen Technik beschäftigen oder ständig selbst überwachen. "Das ist auch in Ordnung so", sagt Diabetologe Winfried Keuthage.

Auf absehbare Zeit werden analoges und digitales Dia­­betes-Management nebeneinander existieren. Zum Teil aus ganz praktischen Gründen. Wolfgang H. speichert die Werte nicht nur in seinem Smartphone, sondern schreibt sie zusätzlich in ein klassisches Tagebuch. "Für den Fall, dass mein Handy kaputtgeht", sagt er.


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