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03.04.2020: Windberg statt Mount Everest

Isabelle Fabian ist Mutter von drei Kindern. Eines davon hat seit Sommer 2019 Diabetes Typ 1. Ab sofort erzählt sie hier regelmäßig, wie es ihrer Familie in Zeiten von Corona geht

von Isabelle Fabian, 03.04.2020

Es ist 7.15 Uhr. Dafür brauche ich keinen Wecker, ich weiß es, weil mich meine innere Uhr zuverlässig zu dieser Zeit weckt. Seit Konstantins Diabetes-Diagnose gibt es kein Ausschlafen mehr, auch nicht am Wochenende. Mittlerweile scheint sich mein Körper damit abgefunden zu haben. Also raus aus den Federn, Basalinsulin spritzen.

So leise wie möglich torkele ich im Dunkeln aus dem Schlafzimmer. Im Flur knarzen die alten Parkettdielen, dort muss ich mich so behutsam wie möglich fortbewegen, damit ich weder Mathilda noch meinen Mann aufwecke. Ich habe es gern noch ein wenig ruhig, wenigstens 20 Minuten, die nur mir gehören.

die Corona-Pandemie mit einem Typ-1-Diabetes-Kind erleben

Konstantin schläft noch fest, als ich sein Zimmer betrete. Blöderweise liegt er genau auf dem Arm, an dem sein Sensor klebt. Als ich ihn sanft drehe, um die Blutzuckerkurve der Nacht zu erfahren, wehrt er sich, zieht seinen Arm weg und die Decke über den Kopf. Heute ist also kein Tag, an dem er die Prozedur einfach über sich ergehen lässt. Ich seufze und bereite im Schein des Nachtlichts den Pen mit Basalinsulin vor. Nur bevor ich ihn spritze, hätte ich gern einen gescannten Wert, um zu wissen, ob er heute weniger oder mehr als gestern braucht.

Seitdem Konstantin wegen der Corona-Pandemie nicht mehr zur Schule geht, muss ich sein Insulin von Tag zu Tag anpassen. Ein ständiges Auf und Ab, die Kurve auf dem CGM zeigt nach jedem Essen Blutzuckerberge in der Höhe des Mount Everests und nach der Korrektur wieder tiefe Täler. Die Nächte – katastrophal hoch. Morgens deshalb Nüchternwerte von 12 oder 13 mmol/l (um 220 bis 230 mg/dl). Solche Phasen hatte Konstantin bisher nur in den Ferien.

Konstantins CGM zeigte nach nur wenigen Tagen "Corona-Ferien" jedenfalls eine Zeit im Zielbereich von unter 60 Prozent an. Für die Perfektionisten-Mutter, die am liebsten immer alles unter Kontrolle haben will, ein Totalausfall. "Was mache ich nur falsch?" Diese Frage stelle ich mir jedes Mal, obwohl ich mittlerweile weiß, dass sich das Diabetesmonster manchmal einfach nicht in den Griff bekommen lässt, egal zu welchen Mitteln ich greife.

Doch die hohen Nüchternblutzuckerwerte schaden nicht nur auf Dauer, sie bringen auch unseren kompletten Tagesablauf durcheinander. Dann muss ich um 7.15 Uhr nämlich nicht nur Basalinsulin spritzen, sondern auch noch mit Kurzzeitinsulin korrigieren. Das bedeutet wiederum, dass wir zwei Stunden mit dem Frühstück warten müssen, weil erst dann der Mahlzeitenbolus injiziert werden kann.

Konstantin im Halbschlaf zu fragen, was er denn essen möchte, um den Bolus gleich mit abzufrühstücken, wage ich lieber nicht. Das würde meinen Morgenmuffel nur provozieren, und so kurz nach dem Aufstehen bin auch ich noch dünnhäutig. Es reicht eh, wenn mir das Diabetesmonster frech entgegenlacht und "Ätsch!" ruft.

Ich setze mich vorsichtig auf Konstantins Bettkante, versuche ihn nochmals ganz sanft auf die andere Seite zu drehen. Endlich gelingt es mir, an den Sensor heranzukommen. Ich scanne und kann mein Glück kaum fassen: Die Kurve sieht aus wie unser Stadtberg, der Windberg. Ein kleine Erhebung auf der einen Seite (zu Nachtbeginn) und dann ein langgestrecktes Plateau. In Konstantins Fall ein gerader Strich über die ganze Nacht bei ungefähr 7 mmol/l (126 mg/dl). Ein Träumchen. Das kann nur ein guter Tag werden. Schnell noch die Bettdecke ein Stück zurückgezogen, Insulin rein in die Pobacke und ganz leise den Schauplatz verlassen. Mein Sohn gibt keinen Pieps von sich.

Auf dem Weg in die Küche übersehe ich in meiner Freude eine knarzende Parkettdiele. Prompt geht im Kinderzimmer die Sirene an. Okay, dann gibt es heute eben kein Solo-Käffchen in der Küche. Schnell lasse ich zwei extrastarke Kaffees durch die Maschine und mache Mathilda eine Tasse warme Milch. Dann balanciere ich alles ins Schlafzimmer. Ausgelassen hüpft die kleine Motte schon auf ihrem Papa herum.

"Guten Morgen! Heute Windberg statt Mount Everest. Was für ein toller Start in den Tag", begrüße ich meinen Mann. Vermutlich bin ich ihm zu laut und zu euphorisch. Zumindest rollt er die Augen: "Geht‘s auch ein paar Oktaven tiefer und vor allem leiser? Was ist denn los?" Macht nix. Meine gute Laune verdirbt mir heute keiner – kein Morgenmuffel, kein Diabetesmonster, kein Coronavirus und auch kein Göttergatte.