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04.05.2020: Unvorhersehbare Turbulenzen

Seitenschneider und Unterzucker: Wie passt das zusammen? Ein gemütlicher Radausflug von Konstantin und seinem Papa bringt das Abendprogramm von Isabelle Fabian durcheinander

von Isabelle Fabian, 04.05.2020

"Wir brauchen einen Seitenschneider. Konstantin ist heftig unterzuckert", schimpft mein Mann zur Begrüßung ins Telefon. Entweder hat er jetzt den Verstand verloren, oder es gibt tatsächlich ein Problem. Dass ich mein Handy überhaupt habe klingeln hören: reines Glück. Mathilda und ich waren nämlich gerade auf dem Weg ins Schlummerland. Ich vermute ganz stark, dass unser Zubettgeh-Ritual warten muss, auch wenn ich zwischen Seitenschneider und Unterzuckerung noch keinen wirklichen Zusammenhang sehe.

Unser Abend war bis zu diesem Anruf sehr entspannt verlaufen. Meine kleine Tochter und ich hatten uns ein Schaumbad eingelassen und einen Welthit nach dem anderen in den Duschkopf geträllert. "Noch mal, Mama! Noch mal!" So lange, bis uns kalt war und wir beschlossen, mit Wärmflasche ins Bett zu gehen. Der Große lag auch schon in den Federn. Die Ruhe im Hause Fabian rührte daher, dass mein Mann und unser Mittlerer noch mit den Rädern unterwegs waren. Nach dem Abendessen wollten sie eine Runde in die Pedale treten, weil Konstantin sich in den vergangenen Tagen viel zu wenig bewegt hatte und der Zucker doch immer mal wieder zu hoch war. Und außerdem wollten sie noch schnell beim Supermarkt vorbei.

Konstantin fand die Radel-Idee super. Sein Lesegerät fürs CGM steckte er in die Hosentasche, seine Bauchtasche mit Traubenzucker, Notfallspritze, Lanzette und Co. wollte er nicht mitnehmen. Sie störe beim Fahrradfahren immer so. Außerdem lag der Blutzucker vorm Essen recht hoch. Ich war also der Meinung, er würde auf gar keinen Fall innerhalb der nächsten Stunde in den Unterzucker fallen, schlug also vor: "Lasst die Tasche ruhig hier. Ihr seid ja bald wieder da. Was soll schon passieren?"

Dann der Anruf. Jetzt bin ich im Panikmodus: "Was ist los? Wo liegt denn der Zucker?" – "2,9 mmol/l (52 mg/dl), Pfeil stark fallend." Ich rüge mich für meine Sorglosigkeit. Ich hätte es besser wissen müssen. Schon in der Klinik kurz nach der Diabetes-Diagnose hatten wir gelernt: Die Tasche muss immer mit, und sei der Ausflug noch so kurz! Im Hintergrund höre ich Konstantin jedoch völlig entspannt sagen: "Wir haben doch für Mama Pralinen gekauft. Nicht so gut wie Gummibärchen, aber die helfen sicher." Das beruhigt mich und meinen Mann erst mal. Unser Zehnjähriger scheint alles im Griff zu haben.

"Bevor du losfährst, kannst du bitte mal schauen, ob du einen Seitenschneider findest? Wir haben die Räder angeschlossen und den Schlüssel verloren. In der Kaufhalle." Während ich Mathilda ein Jäckchen über den Schlafanzug ziehe, berichtet mein Mann von seiner Odyssee: Radtour – check. Dann aber festgestellt: Masken vergessen. Erstes Mal fluchen! Jacken vors Gesicht und in diesem Aufzug schnell durch den Markt. Dabei muss der Schlüssel aus der Jacke gefallen sein. Mehrmaliges Gänge-Absuchen gemeinsam mit einer Verkäuferin – Fehlanzeige. Zweites Mal fluchen!

 

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Ich bitte Julius, mit mir und Mathilda in der Garage nach einem Seitenschneider zu suchen. Mein Mann beschreibt mir, wie das Teil aussehen muss. An der Wand über der Werkzeugbank hängen unzählige Zangen. Ich bin völlig ahnungslos, mit welcher man ein Fahrradschloss durchtrennen kann. Bediene ich jetzt auch noch ein Klischee? Ernsthaft? Der Trost: Mein 15-jähriger Sohn weiß auch nicht, wie ein Seitenschneider aussieht. Mein Mann flucht laut das dritte Mal am Telefon. Und wettert, ob es denn in der Schule keine Werkzeugkunde gebe. Tja, da hätte er seinen Sprössling wohl öfter mal zum Basteln und Tüfteln heranziehen müssen…

Während ich mit dem Handy Fotos von den verschiedenen Zangen mache, frage ich nach Konstantins Befinden. Zum Glück haben die Pralinen schnell geholfen, das CGM zeigt wieder einen Wert im grünen Bereich. Aufatmen! Aber der Seitenschneider bleibt unauffindbar. Nun suchen wir nach einer Säge, um das Schloss zu knacken. Ich sehe schon die Polizei vorm Supermarkt anrücken und die Schlagzeile in der Zeitung: "Deutschland, deine Vorbilder: Frau im Pyjama zeigt Kindern, wie man Fahrräder klaut."

Just in diesem Moment hält eine Verkäuferin meinem Mann den Schlüssel vor die Nase: "Suchen Sie den hier? Der liegt schon eine halbe Stunde bei mir an der Kasse." Fluch Nummer vier! Ich schnappe mir Mathilda und verschwinde endlich mit ihr im Bett. Was bin ich froh, morgen nicht Teil der Boulevardpresse zu sein. Und dankbar bin ich meinem Mann für diese wunderbare Episode, die dem Tag noch mal so richtig Drive gegeben hat.


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