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06.04.2020: Heute back ich, morgen brau ich...

Isabelle Fabian ist Mutter von drei Kindern. Eines davon hat seit Sommer 2019 Diabetes Typ 1. Ab sofort erzählt sie hier regelmäßig, wie es ihrer Familie in Zeiten von Corona geht

von Isabelle Fabian, 06.04.2020

Statt Lebensmittel und Zutaten für diverse Gerichte befinden sich auf meinem Einkaufszettel nur Kuli-Kreise und Strichmännchen. Mir gehen langsam die Ideen aus. Was soll ich kochen? Eierkuchen mit Apfelmus, Spaghetti, Fischstäbchen mit Kartoffelpüree -  sämtliche Standard-Kindergerichte habe ich schon zubereitet. "Gesund und ausgewogen" sind in den vergangenen drei Wochen eher an Stelle Nummer 2 gerutscht. "Schnell" hat in Zeiten der Corona-Krise für mich (leider) Priorität. Schließlich bin ich ja nicht nur als Küchenfee gefordert, sondern auch als Allround-Dienstleisterin. Und als Diabetes-Hilfe.

Nicht falsch verstehen: Ich schiebe keine Tiefkühl-Pizza in den Ofen, obwohl das natürlich einfach wäre: Ruckzuck fertig, und die anzurechnenden Kohlenhydrate stehen auch schon auf der Verpackung. Im Gegenteil: Ich mache es mir überhaupt nicht leicht und denke schon allein wegen des Diabetesmonsters intensiv darüber nach, was Konstantin und seinen Geschwister zu essen bekommen. "5 x Gemüse und Obst am Tag" kriegen wir hin, auch jetzt. An Vitaminen mangelt es nicht. Mein Problem ist schlicht und ergreifend meine Einfallslosigkeit.

Mal abgesehen davon, WAS gekocht werden soll, schleppen wir momentan bergeweise Lebensmittel ran. Ein Großeinkauf pro Woche reicht nicht mehr aus. Und dabei kaufen wir wirklich nur das, was wir brauchen. Da es jedoch auch in unserem Supermarkt zu Hamsterkäufen kam, sind wir leider gezwungen, Einkaufsstätten öfter aufzusuchen, als wir eigentlich müssten. Weil ja ständig irgendetwas fehlt. Bei jedem Einkauf bin ich überrascht, was offenbar alles gehortet wird. Mehl zum Beispiel. Ausverkauft. Jetzt mal ernsthaft: Wer vor der Pandemie nicht gebacken hat, fängt doch jetzt nicht an, Kuchen und Brot in den Ofen zu schieben, oder?

die Corona-Pandemie mit einem Typ-1-Diabetes-Kind erleben

Mein Mann schlägt einen Blick in den Essensplan der Schulkantine vor, Anregungen holen: Hirsepfanne mit Schnittlauchsoße? Kürbis-Süßkartoffel-Topf? Couscous-Gemüse-Törtchen mit Curry-Mango auf Basmatireis? Klingt wahnsinnig lecker. Mir würde es schmecken, meinen Kindern wohl kaum.

Kommen wir zu Plan C – meine Bagage befragen, was sie denn essen mögen in den kommenden Tagen. Konstantin: "Fleisch." Julius: "Ofenkäse." Mathilda: "Gummibärchen." Boah! Wenn ich den Vorstellungen meiner drei Lieblinge folge, dann rufen wir statt nur den Diabetologen auch noch den Internisten und den Zahnarzt auf den Plan.

Kochbücher stapeln sich bei mir in der Küche, doch auch das Durchblättern bringt nichts. Sämtliche Vorschläge werden entweder von den Kindern mehrheitlich abgewählt oder sind nicht umsetzbar, weil mir die Zeit fehlt. Oder die Zutaten. Ohne mich in den Himmel zu loben – kochen kann ich recht gut. Wenn ich aber mindestens einmal am Tag etwas Warmes auf den Tisch bringen soll, Sonderwünsche einzelner Familienmitglieder inklusive, dann brauche ich dazu Muße. Und die habe ich nicht. Vielleicht sollte ich meine Ansprüche herunterschrauben? Statt Abwechslung (je einmal Fleisch, Fisch, Nudeln, Suppe und süß pro Woche) einfach durchgängig Nudeln mit zig verschiedenen Soßen? Abgewählt.

Ein Ass im Ärmel habe ich noch: Aktion "Gemeinsam kochen". Wenn alle helfen, spielt es nämlich keine Rolle, was es zu essen gibt. Ich habe mich für ein sehr vielseitiges Gericht entschieden: Chili con Carne. Mit viel Knoblauch, das macht die Einhaltung der Abstandsregel leichter. Und schön scharf, soll ja desinfizierend wirken. Ein weiterer Effekt: Hülsenfrüchte wirken sich positiv auf den Blutzucker aus. Das heißt für Konstantin: weniger Insulin spritzen zum Abendessen. Und nein, hier liegt keine Kindeswohlgefährdung vor: Für die zweijährige Mathilda gibt's einen Extratopf. Ohne Chili.

Unser Teamwork muss man sich folgendermaßen vorstellen: Konstantin spielt mit seiner kleinen Schwester "Ich halte dir den Rücken frei, Mama", während Julius und ich in der Küche die Zutaten zurechtstellen. Schnell flitze ich in den Keller und hole noch eine Zwiebel. Als ich wieder in die Küche komme, hat mein Großer ein Glas mit in Öl eingelegtem Käse aus dem Kühlschrank gefegt, aus Versehen. Den verbalen Ausbruch meinerseits gebe ich an dieser Stelle lieber nicht wieder. Genauso schnell ist mein Ärger aber auch verraucht. Es nützt ja nix. Die Küche muss jetzt grundgereinigt werden, und zum Abendessen soll es ja auch was geben. Ommmmmmmmmm.

Das Resultat kann man sogar essen. Mathilda pult alle Maiskörner und Kidneybohnen aus der Soße, die sind so schön klein und handlich – wie Gummibärchen. Julius schüttet sich jede Menge geriebenen Cheddar über sein Chili, und Konstantin ist sehr zufrieden, weil's Fleisch gibt. Einmal alles richtig gemacht. Nur in unserer Küche hätte man auch noch am nächsten Tag Schlittschuh laufen können...


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