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08.04.2020: Raus aus dem Regel-Korsett!

Isabelle Fabian ist Mutter von drei Kindern. Eines davon hat seit Sommer 2019 Diabetes Typ 1. Ab sofort erzählt sie hier regelmäßig, wie es ihrer Familie in Zeiten von Corona geht

von Isabelle Fabian, 08.04.2020

Bin ich froh, dass die Osterferien nahen! Endlich kein Schulzeug mehr beackern. Die Motivation meiner drei Kinder sinkt von Tag zu Tag, und die Lernbereitschaft erreicht einen neuen Tiefpunkt. Unser Ältester hält noch tapfer durch. Aber Konstantin lässt sich immer weniger dazu bewegen, Arbeitsblätter auszufüllen. Das Einzige, womit ich ihn locken kann, ist ein Schulprogramm am Laptop. Den bräuchte ich aber eigentlich zum Arbeiten. Mathilda kämpft derweil mit harten Bandagen um Aufmerksamkeit. Nur so viel: Textmarker und Stempelkissen sollten unbedingt gesetzlich verboten werden. Blumengießen mit voller Kanne, aber ohne Blumen, ebenso.

Fest steht: Die innerfamiliären Diskussionen nehmen zu. Mittlerweile hat sicher nicht nur die Hausgemeinschaft, sondern die komplette Straße etwas davon. Ich fühle mich urlaubsreif. Da hilft nur eins: Deeskalation. Als Erstes lockere ich unsere Corona-Regeln und verlege die Schlafenszeit nach hinten. Wegen unzureichender Auslastung können die Kids momentan abends schlecht einschlafen. Es kehrt einfach keine Ruhe ein, ständig kommt einer angetapst. Die 15 Minuten Zweisamkeit, die mein Mann und ich sonst zwischen 21:45 und 22:00 Uhr hatten: gestrichen.

die Corona-Pandemie mit einem Typ-1-Diabetes-Kind erleben

Morgens sind unsere drei Süßen jetzt natürlich nicht mehr vor 8:30 aus den Betten zu bewegen. Zum Frühstück geschniegelt und gebügelt? Muss nicht sein. Hausaufgaben? Erst nach einer Folge "Yakari". Während die drei vor der Flimmerkiste hocken, statt zu büffeln oder Blödsinn auszuhecken, kann ich endlich in Ruhe Spargelsuppe kochen – immer noch im Schlafanzug – und nebenbei mit der Omi telefonieren. Sie dreht in ihren vier Wänden Däumchen und leidet wegen fehlender Kontakte und ausbleibender Besuche massiv unter Entzugserscheinungen.

Zur Deeskalationsstrategie gehört auch ein vorgezogenes Ostergeschenk für unsere drei: ein Trampolin. Statt in der Wohnung zu rangeln, gibt’s nun Hüpf-Wrestling im Garten. Mathilda und ich feuern die beiden Jungs vom Sandkasten aus an. Und wenn die Kerle ausgepowert sind und Konstantin haarscharf an der Grenze zur Unterzuckerung vorbeigeschrammt ist, können wir Mädels uns austoben. Ich wusste gar nicht, wie befreiend Hüpfen sein kann. Das Lachen meiner Tochter, wenn ich sie durch die Luft wirbele, ist dermaßen ansteckend. Trampolinspringen als Anti-Aggressions-Training – perfekt. Tief durchatmen oder ins Kissen schreien befriedigen mich schon lange nicht mehr. Ich bin mir bewusst, dass unser Garten absoluter Luxus ist, und ich bin sehr dankbar dafür. Lebhaft kann ich mir vorstellen, wie es in Familien zugehen muss, die in dieser schwierigen Zeit in einer kleinen Großstadtwohnung miteinander auskommen müssen.

Um die Familienwogen noch weiter zu glätten, stelle ich den Haushalt hinten an. Konstantin möchte, dass wir Karten spielen und dass ich ihm den Rücken kraule. Wegen Krümeln am Boden soll ich ihn vertrösten? Kommt nicht in die Tüte. Fensterputzen? Kleine Kinderhand-Abdrücke machen sich doch prima als Dekoration. Spielzeug aufräumen? Das Zeug liegt in spätestens fünf Minuten sowieso wieder überall herum. Ich bin es leid, mich zu zerreißen. Mathilda will mit mir in ihrer Gartenhütte spielen und dort Kaffee servieren. Was wäre ich für eine Mutter, wenn ich ihr diesen Wunsch abschlagen würde?

Zugegeben: Auch die Diabetesmonster-Leine lasse ich gerade etwas länger. Nicht bei jedem Essen blutige Messungen, um Konstantin etwas zu besänftigen. Außerdem schränke ich unseren Maßlosesser weniger ein als sonst. Wenn er Stracciatella-Joghurt zum Frühstück lieber mag als ein Körnerbrötchen – so what? Ein Eis am Nachmittag ist erlaubt, wenn er sich vorher beim Springen verausgabt hat. Er hat es doch eh schon schwer genug mit seiner Diabetes-Erkrankung. Die Daumenschrauben legen wir dem Monster ganz schnell wieder an, wenn die Werte verrückt spielen.

"Geh den Weg des geringsten Widerstandes", höre ich meinen Mann in diesen Tagen öfter sagen, wenn ich mich beklage, dass keiner zuhört oder macht, was Mutter gern hätte. Diese Einstellung ruft vermutlich die Supernanny auf den Plan. Was dazu im Erziehungsratgeber steht, will ich lieber gar nicht wissen. Fakt ist: Die Kinder verkraften die Krise sicher besser, wenn ihre Eltern gechillt sind. Deshalb jetzt ein gepflegter Mittagsschlaf. Den habe ich schon viel zu lange nicht mehr gemacht.


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