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20.04.2020: Der Mamimateur kündigt fristlos

Isabelle Fabian ist Mutter von drei Kindern. Eines davon hat Diabetes Typ 1. Ab sofort erzählt sie hier regelmäßig, wie es ihrer Familie in Zeiten von Corona geht

von Isabelle Fabian, 20.04.2020

Eigentlich dachte ich, die Osterferien-Tage würden meine Kids entspannen, aber mittlerweile wünsche ich mir die Schulaufgaben zurück. Dann sind die Kerle nämlich beschäftigt. Konstantin jammert schon nach dem Frühstück: "Ich weiß nicht, was ich machen soll?!" Und das am bei uns medienfreien Wochentag. Der "Mamimateur" wird’s schon richten.

Ich schlage eine Runde Tischtennis vor. Wird mehrheitlich abgeschmettert. Konstantin hat keinen Bock auf die aggressive Variante seines großen Bruders. Und Julius sehnt sich nach einer Runde mit vielen Freunden. Die Kontaktbeschränkungen verhindern das seit Wochen. Vor Corona hatten wir immer ein volles Haus. Das Schöne daran: Man verliert nicht ganz den Kontakt zum Pubertier. Momentan ist mein Teenie jedoch mächtig still. Es gibt nun zwei Lieblingsbeschäftigungen: chatten, und den Instagram-Channel befüllen. Die neuen Bandanas, die Stirnbänder, die der Osterhase versteckt hatte, mussten richtig in Szene gesetzt werden. Da wurde der "Mamimateur" schon zur Fotografin. Heute ist jedoch Kontaktsperre im Hause Fabian: alle digitalen Medien – tabu. Wenigstens einmal wöchentlich.

Konstantin ist deshalb mächtig geladen. Sein Blutzucker spiegelt das wunderbar wider: zu hoch. Korrekturen schlagen kaum an. Die Cortisol-Ausschüttung scheint in vollem Gang. Mein Zehnjähriger schafft es sogar, unseren friedfertigen Julius aus der Haut fahren zu lassen. Es fliegen zwar nicht die Fetzen, dafür aber Ausdrücke von Kinderzimmer zu Kinderzimmer, dass mir die Ohren schlackern. Mathilda hat gerade ihre Nachplapper- und Nachmach-Phase. Brüder imitieren ist ganz groß angesagt! AUSZEIT!

Wir konferieren am Esstisch. Ich versuche vor allem den großen Kindern klarzumachen, dass ich nicht ihr persönlicher Animateur bin. Reicht schon, dass sie sich im All-inklusive-Hotel-Mama gern auch mal bedienen lassen. (Ja, ich weiß, dazu gehören immer zwei.) Fürs Entertainment bin ich jedenfalls ab sofort nicht mehr zuständig. Gemeinsames spielen – ja, permanente Bespaßung – nein. Nach meinem Rüffel einigen sich die Jungs auf ein Kartenspiel. Na bitte, geht doch.

Meine zweijährige Prinzessin hat unterdessen ihre Jacke vom Haken geangelt, eine Mütze aus dem Schubfach geholt, Schuhe angezogen und steht im Flur. "Mama, Auto fahren, Oma gehn." Leider muss ich Mathilda enttäuschen. "Wir fahren nirgendwohin. Lass uns im Sandkasten buddeln." Sofort kullern die Tränchen. Diese Pandemie und ihre Regeln machen mich echt fertig!

Der "Mamimateur" in mir kann es nicht lassen, und so überlege ich mit meinem Mann, wie wir für Ablenkung sorgen können. Man kann es den Kids ja kaum verdenken. Mehrere Wochen mit Einschränkungen – da kann einem die Decke auf den Kopf fallen.

Wir planen eine Radtour – selbstverständlich mit Start daheim. Dazu Picknick an einem kleinen Kletterfelsen: Die Idee führt bei Mathilda zu Begeisterungsstürmen. Die Jungs dagegen fahren ihre Hörner aus: "Öde", "unnötig" und " anstrengend". Beschlossen ist beschlossen! Bewegung tut gut.

Mit gepacktem Anhänger geht’s raus in die Natur. Die Strecke entlang an einem Flüsschen lässt mich fast entspannen – wären da nicht die zwei Streithähne. Der eine hat ständig Durst, der andere schimpft über das "Schneckentempo". Mein Mann entdeckt zufällig einen Weg, den wir nicht kennen. Trotz medienfreiem Tag zückt er sein Handy und erspäht einen Geocache in der Nähe.

Julius findet den Ausflug schlagartig "echt nice". Das motiviert auch Konstantin. Sie düsen vorneweg und wollen die Ersten am Felsen sein. Heimwärts machen sie Stunts mit ihren Bikes und versuchen, sich gegenseitig zu überbieten. Konstantin rollt neben seine keuchende Mutter und sagt: "Mama, das war echt 'ne tolle Runde, können wir die wieder mal fahren?" Siehe da: Überzucker ade. Die Kurve ist ein ganz glatter Strich auf dem CGM. Ich freue mich und bete, dass der Lagerkoller bitte erst am nächsten Tag oder am besten gar nicht mehr zurückkehren möge. Pustekuchen.

Wir betreten kaum das Haus, da bettelt Konstantin, ich solle ihm mein Handy geben, wenigstens für zehn Minuten. Und Julius besteht auf seinem Work-out mit Youtube-Anleitung. Ich lehne ab. Konsequent. Dann müssen sie sich eben langweilen. Konstantin dackelt mir hinterher und sägt an meinen Nerven. Julius erfasst die Situation schneller und nimmt doch tatsächlich ein analoges Medium, ein Buch, zur Hand und liest. Irgendwann schnallt auch Konstantin, dass es heute wirklich kein Gedaddel und Gezocke geben wird und dass der "Mamimateur" gekündigt hat. Widerwillig fügt er sich und baut schließlich mit seiner Schwester Bauklotztürme. Und ich, ich genieße den Familienfrieden, denn ich weiß: Er wird nicht halten.


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