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20.05.2020: Die Tribute der Pandemie

Isabelle Fabian sehnt sich nach einem "Vor-Corona-Alltag". Während ihr die letzten Wochen so langsam zu Kopf steigen, amüsiert sich ihre Familie über ihre verpeilte Art

von Isabelle Fabian, 19.05.2020

"Wie Elternzeit", "total entspannt" oder "ganz easy": So beschreibt so mancher die acht Wochen Corona-Ferien. Ich frage mich einmal mehr, ob es ein Paralleluniversum gibt oder was ICH falsch gemacht habe. Ich hatte in den vergangenen Wochen mehr als drei Jobs gleichzeitig und bin platt. Die Pandemie fordert ihren Tribut. Mein Biorhythmus ist im Eimer. Neuerdings erwache ich viel früher als sonst, bin dafür zum Frühstück etliche Stunden später allerdings wieder reif fürs Bett. Ich bin fahrig, habe Wortfindungsstörungen oder erschaffe neue Wörter, die es mit Sicherheit nie in den Duden schaffen werden, zum Beispiel "chorizzophren" statt schizophren für diverse Corona-Maßnahmen, die nur von der Wurst bis zur Pelle gedacht sind. Immerhin sorge ich mit meiner verpeilten Art in der Familie für viele Lacher.

Ich sehne mich nach meinem "Vor-Corona-Alltag" zurück: das Kleinkinderschwimmen mit meiner Prinzessin und fünf Stunden konzentriertes Arbeiten am Stück statt nur fünf Minuten. Ich brauche dringend eine kleine Auszeit. Am allerletzten Tag bevor die Schule wieder startet, schlage ich den Jungs nicht ganz uneigennützig vor, mehr als Fünfe gerade sein zu lassen. Mathe und Deutsch können warten, mein Job auch, und der Haushalt kann mich mal. Ich nehme Julius‘ und Konstantins Wünsche entgegen: unzählige Runden ihres geliebten Hellseher-Kartenspiels und ein Frühstück im Restaurant ihrer Wahl erhalten den Zuschlag.

Ich bin keine Freundin von Fast-Food-Ketten, aber wenn‘s die Kids froh stimmt … Einmal im Quartal verkraften es die Kinder bestimmt. Julius googelt vorsorglich, welche Burger derzeit angeboten werden. Die Wahl ist schnell getroffen, und so rechnet der Große für seinen jüngeren kleineren Bruder die entsprechenden Kohlenhydrate aus. Ein Glücksmoment für mich. Wir holen uns das Essen vom Drive-in, mampfen draußen auf der Terrasse des Restaurants, und ich schaue in rundum zufriedene Gesichter. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Wenn es weiter so gut läuft, wird das heute ein gelungener Abschluss einer für alle sehr anstrengenden Zeit.

Auf dem Heimweg steuere ich noch kurz unseren Lieblingsbäcker an. Ein Stück Donauwelle oder ein gedeckter Apfelkuchen zum Kaffee könnten die Verschnaufpause durchaus vollenden und die zerrissenen Nervenstränge auf wundersame Weise heilen. Aber halt! "Mein Portemonnaie ist weg!", kreische ich hysterisch. Der Puls schnellt hoch, und mir bricht der Schweiß aus. Während ich den Inhalt meines Rucksacks im Auto verteile, feixen die Kinder auf der Rückbank. "Wo hast du es denn zuletzt gehabt?", fragt Julius. Meine Geldbörse hat die Größe einer kleinen Handtasche. Das Teil verlegt man nicht so einfach.

Auch wenn in meinem Hirn einiges durcheinander zu sein scheint, die Taktik, alles der Reihe nach durchzugehen, funktioniert noch. "Ich habe es in den Müll geschmissen!", sage ich tonlos und greife zum Telefon. Die Kinder schütteln sich vor Lachen, als ich der Dame vom Burger-Restaurant meinen Schlamassel darlege. Mit mir am Ohr geht sie zum Müllcontainer auf der Terrasse und findet die große Papiertüte mit unseren leeren Pappschachteln und Servietten. Ganz unten drunter: meine Brieftasche. Hier die Erklärung für meine geistige Umnachtung: Es war so windig, dass die Tüte beinahe weggeflogen wäre. Also habe ich meine Börse draufgepackt. Da es wegen Corona keine Tabletts gibt, mussten unsere leeren Verpackungen alle in eben diese Tüte. Die bei Fastfood sofort einsetzende Fressnarkose hat dann wohl dazu geführt, dass das Portemonnaie mit in den Müll wanderte.

Ich liefere die Jungs daheim ab, verordne Schulaufgaben bis zu meiner Rückkehr - als kleine Lektion für ihre Schadenfreude - und düse wieder los. Die Spritpreise sind zwar gerade im Keller, aber umweltbilanztechnisch war dieser Ausflug eine Katastrophe. Ich gelobe Besserung. Auch was meine Zerstreutheit angeht. Als ich meinen Geldbeutel wieder in den Händen halte, frage ich mich, was wohl weitere acht Wochen Corona-Ferien aus mir machen würden?

Wir spielen dann doch noch das Kartenspiel, bei dem man hellsehen muss. Die Jungs kochen mich gnadenlos ab. Macht mir nichts aus. "Mama, was grinst du so komisch?", wirft der Große beim Blick über seine Karten ein. Macht mir nichts aus. Die Kinder sind vergnügt, weil der Tag fast ausschließlich nach ihrem Willen verlief. Ich zolle ihrer Unbeschwertheit Tribut. Und wenn alles wieder in geregelten Bahnen läuft, hole ich mir meine Leichtigkeit zurück. Ganz bestimmt.


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