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22.04.2020: Selbstgespräche und andere „Corona-Blüten“

Isabelle Fabian ist Mutter von drei Kindern. Eines davon hat Diabetes Typ 1. Ab sofort erzählt sie hier regelmäßig, wie es ihrer Familie in Zeiten von Corona geht

von Isabelle Fabian, 22.04.2020

Nicht nur der Frühling lässt die Saat keimen, auch die "Stay-at-home"-Phase treibt ihre Blüten –allerdings seltsame. Es geschehen bei uns wunderliche Dinge, die mir zu denken geben: Knusperflockenschlacht statt Kissenschlacht, Stein-Schere-Papier-Wetten um Haushaltspflichten, der Vater auf Dichters Fersen und die Mutter führt triviale Monologe. Wohin soll das noch führen?

Ich habe das Gefühl, wir erreichen ein neues Pandemie-Level: Je länger die Einschränkungen dauern, desto rammdösiger werden wir. Früher dachte ich, es liege am Alter, wenn meine Großeltern alles mehrfach erzählten. Mehr als ein halbes Jahrhundert liegt zwischen ihnen und mir. Und doch wiederhole auch ich mich seit Kurzem ständig. Der Göttergatte weist mich auf charmante Art darauf hin, dass ich ihm dieselbe Geschichte bereits erzählt habe: "Die Stilldemenz kann es ja jetzt nicht mehr sein, mein Schatz. Ich kenne die Story schon. Du wirst wohl langsam alt." Hach, wie ich seinen Humor liebe.

Ich schiebe meine Vergesslichkeit darauf, dass ich wohl zur Zeit nichts Spannendes zu berichten habe. Mal abgesehen vom alltäglichen Wahnsinn, und selbst der verläuft ja im Prinzip immer nach Schema F. Seit Wochen bin ich fast ausschließlich zu Hause und treffe kaum jemanden. Die aufregenden Anekdoten, die mein journalistischer Beruf sonst mit sich bringt, halten sich also in Grenzen.

Schlimmer aber noch sind die Momente, in denen ich mein einziger Zuhörer bin: Ich stehe in der Küche, schäle Kartoffeln und informiere meinen Mann, der hinter mir am Tisch sitzt, welchen Blödsinn die Kinder vor Langeweile ausgeheckt haben. Erst auf Nachfrage nach dem Verlauf des Arbeitstages wird mir klar, dass ich nur mit mir selbst gesprochen habe. Irgendwann muss mein Mann die Küche verlassen haben. Sind meine Ausführungen wirklich so ermüdend? Ich bemühe mich doch immer um eine sehr anschauliche und detaillierte Erzählweise … Ich finde Vater und Tochter im Wohnzimmer beim Puzzeln. Mein fragender Blick scheint Bände zu sprechen, und so bekomme ich die Antwort auf dem Silbertablett. "Ich dachte, du bist fertig. Du hast doch gesagt, es sei alles wie immer gewesen." An dieser Stelle hatte ich doch gerade erst Schwung geholt!

Vielleicht hätte ich meinen täglichen Bericht damit beginnen sollen, dass ich Konstantin im Dusel morgens das Basalinsulin in den Bauch gespritzt habe statt in den Po. Schlagartig war ich hellwach. Das war mir ja noch nie passiert. Nach kurzer, panischer Recherche kam ich dahinter, dass das nicht so schlimm sei. Beobachten und Blutzucker messen. Da die Tagesdosis ohnehin gering ist, hatte mein Versehen keine Auswirkungen.

Eventuell hätte mir mein Mann interessiert gelauscht, wenn ich mich zuerst über den Kaltwellen-Konflikt ausgelassen hätte. Mein eitler Teenie wünscht sich eine Lockenpracht. Man muss dazu sagen, dass er mit seiner glatten Mähne richtig schick aussieht. Seine Frisörin darf Anfang Mai zum Hausbesuch kommen – unter Einhaltung der Corona-Vorschriften. Der Knatsch folgte umgehend, als Julius mir seine Haarpläne verriet und darum bat, der Frisörin mitzuteilen, sie möge doch bitte die entsprechenden Utensilien für eine Kaltwelle mitbringen. Mein sprachloser, dafür aber weit geöffneter Mund genügte, um meinen 15-Jährigen zu zünden.

Schimpfen hätte ich müssen, über die absurden Ideen unserer Kinder, die es nicht gäbe, würden sie nicht seit Wochen daheim hocken. Vom Leder ziehen wäre auch eine Maßnahme gewesen, über Konstantin, der aus Gemeinheit das dreckige Geschirr, das ich eben in den Spüler geräumt hatte, wieder herausholte. Nur damit es stattdessen sein älterer Bruder in die Maschine einstapeln muss. Schließlich sei es Julius’ Pflicht, das würde so im Haushaltsplan stehen.

Wie heißt es doch: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Der Wahnwitz hat meinen Mann nämlich schon längst ergriffen. Konstantin hatte jüngst die Aufgabe, für den Deutschunterricht ein "Frühlingselfchen" zu schreiben. Das ist ein Gedicht, das aus elf Wörtern besteht und sich nicht reimen muss. Die Version meines Sohnes war hohe Kunst. Die seines Vaters könnte man zu der Kategorie "verzweifelt" zählen. Ein Beispiel: Was reimt sich denn auf Narzissen? Jawoll, genau! Was bin ich froh, dass in Sachsen die Baumärkte wieder geöffnet sind. Da kann sich mein Mann endlich wieder im Garten ausleben und tut dies nicht mehr in poetischen Ergüssen. Zum Glück ist meine Liebe grenzenlos. Da muss der Irrsinn schon noch ‘ne Schippe draufpacken. Die Nerven verliert HIER noch keiner.


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