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24.04.2020: Technik-Fluch und Technik-Segen

Isabelle Fabian ist Mutter von drei Kindern. Eines davon hat Diabetes Typ 1. Hier erzählt sie regelmäßig, wie es ihrer Familie in Zeiten von Corona geht

von Isabelle Fabian, 24.04.2020

Meine kleine Tochter und ich sitzen gemütlich auf der Terrasse. Ich genieße die Sonne und beobachte die Künstlerin beim Tupfen mit Pinsel, wahlweise auch mit der Hand. "Sie kommt nach mir", denke ich, und vor meinem inneren Auge laufen Kindheits-Filmsequenzen ab. Das piepsende und vibrierende Glukosemessgerät reißt mich aus meinen Gedanken. Ich stöhne und frage mich, warum Konstantin es nicht am Mann hat. "Konstantin geben", meint Mathilda pragmatisch und will schon mit ihren gelb-rot-lila Fingerchen nach dem CGM grapschen, um es ihrem Bruder zu bringen. Das übernehme ich dann doch lieber selbst.

Konstantin sitzt mit hochrotem Kopf vor der Playstation und zockt mit einem Freund – virtuell. Übers Headset sind die Jungs miteinander verbunden und können "teamen". Mein Sohn ist derart ins Spiel vertieft, dass er gar nicht wahrnimmt, wie ich seinen Arm anhebe, um den aktuellen Zuckerwert zu scannen. Das CGM zeigt 15 mmol/l (270 mg/dl). "Was hast du gegessen?" Keine Antwort. Erst als ich Konstantin die Kopfhörer abnehme, reagiert er: "Ich habe nicht genascht. Wirklich nicht." Ich schaue mir den Kurvenverlauf an, um zu analysieren, was passiert sein könnte: Wir haben ein Eis gegessen, dafür hat Konstantin zwei Einheiten Insulin gespritzt. Anschließend eine kleine Runde mit dem Fahrrad. Um vier Uhr hat er sich dann zum Daddeln nach drinnen verzogen. Genau eine Stunde nach der Vesper liegt der Blutzucker-Peak bei 10,5 mmol/l (190 mg/dl). Ab diesem Zeitpunkt hätte der Wert längst wieder fallen müssen. Er bleibt aber konstant oben, um dann noch höher zu schießen. Die Kurve sieht für mich nach einer heimlichen Naschaktion aus.

Ich wiederhole meine Frage: "Was hast du gegessen?" – "Nichts, Mama! Ganz ehrlich", beteuert mein Zehnjähriger. Es fällt mir sehr schwer, das zu glauben. Am Vormittag hatte er sich etwas geleistet, das mein Misstrauen schürte. Er kam mit einer ganz leichten Unterzuckerung zu mir und wollte Knusperflocken, um den Spiegel anzuheben. Traubenzucker wäre mir zwar lieber gewesen, aber der hängt ihm verständlicherweise zum Hals raus. Ich ermahnte meinen Sohn, nur zwei Flocken zu nehmen, auf keinen Fall mehr. Damit war die Sache für mich erledigt. Kontrolliert habe ich ihn nicht. Die Messung zum Mittagessen ergab ein perfektes Ergebnis. So weit, so gut.

Hinter Konstantins Geheimnis kam ich durch seinen neuen digitalen Pen mit Memory-Funktion. Den smarten Pen haben wir erst seit ein paar Tagen. Ein absoluter Segen. So kann man die gespritzten Einheiten sämtlicher Mahlzeiten heraussuchen und ins Diabetes-Tagebuch nachtragen. Dank des smarten Pens fiel mir auf, dass kurz vorm Mittag sechs Einheiten Insulin gespritzt worden waren. Als ich Konstantin mit meiner Entdeckung konfrontierte, stritt er zunächst alles ab und spielte die beleidigte Leberwurst: "Nie vertraust du mir." Ich probierte es mit Sanftmut und versprach ihm, nicht zu schimpfen. Siehe da: Konstantin gestand mir, dass die Knusperflocken so lecker waren, dass er einfach nicht aufhören konnte. Völlig menschlich. Das kennt doch jeder: Einmal in die Tüte reingreifen und plötzlich ist sie leer.

Nach diesem Vorfall bin ich jedenfalls sehr skeptisch, dass Konstantin nun, am Nachmittag, nichts genascht haben will. Vielleicht liegt es an der Zockerei, dass der Zucker zu hoch ist? Zu viele Stresshormone? Oder hat er zu wenig getrunken? Ich dringe weiter in ihn: "Was hast du gegessen?" Er bleibt bei: "Null." Dann müssen wir eben korrigieren. Um die Insulineinheiten zu berechnen, misst Konstantin blutig und wir staunen beide: 9,8 mol/l (176 mg/dl). Das CGM weicht um mehr als 5 mmol/l (90 mg/dl) ab! Nicht zum ersten Mal hatte uns das Ding einen Streich spielt. Warum sich der Gewebezucker so dermaßen vom Blutzucker unterscheidet – keine Ahnung. Es bleibt nichts anderes übrig, als den aktuellen Sensor zu reklamieren. Manchmal ist die Technik ein Fluch. Bevor Konstantin etwas sagen kann, nehme ich ihn fest in den Arm und erkläre ihm, wie leid es mir tut, dass ich ihm Unrecht getan habe.

Wir beide haben an diesem Tag wieder einiges dazugelernt: Ich werde meinem Sohn das nächste Mal mehr Vertrauen schenken als den CGM-Werten eines Gerätes. Und Konstantin weiß nun, dass heimlich zu spritzen gefährlicher ist als heimlich zu naschen. Und dass solche Aktionen dank des neuen Pens nicht mehr unentdeckt bleiben.


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