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27.03.2020: Staatsfeind Nummer 1 im Ausnahmezustand

Isabelle Fabian ist Mutter von drei Kindern. Eines davon hat seit Sommer 2019 Diabetes Typ 1. Ab sofort erzählt sie hier regelmäßig, wie es ihrer Familie in Zeiten von Corona geht

von Isabelle Fabian, 27.03.2020

Für meinen Sohn Konstantin ist nicht etwa sein Diabetesmonster der Staatsfeind Nummer 1. Und es rangiert auch nicht das Coronavirus auf der Staatsfeinde-Liste ganz oben bei meinen Kids, weil man nichts unternehmen oder Freunde treffen kann … – Nein. ICH bin der Staatsfeind Nummer 1, wahlweise auch mein Mann.

Ich bin es, weil ich in diesen schwierigen Tagen versuche, für wenigstens etwas Ordnung und Struktur zu sorgen. Wenn es sein muss, mit Nachdruck. Wären Ferien, könnte man sich treiben lassen, die Kinder könnten ausschlafen, und ich müsste nicht mit der imaginären Peitsche nach dem Frühstück dafür sorgen, dass sich die beiden Großen an ihre Schulaufgaben setzen. Die Berge an Hausarbeiten wären vielleicht zu bewältigen, wenn ich mich ab und an danebensetzen und meine Jungs bei neuem Stoff unterstützen könnte. 

Aber wie soll ich das leisten, wenn meine zweijährige Prinzessin an mir zerrt und spielen möchte?! Ganz abgesehen davon, dass mir leider die Zaubersprüche fürs Kochen, Spülmaschine leeren, saugen und Wäsche legen entfallen sind und ich den Haushalt auf herkömmliche Weise bewältigen muss. Hallo, Chaos!

Anfang vergangener Woche, als Schule und Kita schlossen – und da gab es noch nicht mal Ausgangssperre –, dachte ich, wir versinken im Tohuwabohu. Dann habe ich es einfach wie die Politiker gemacht und "neue" Regeln aufgestellt:

die Corona-Pandemie mit einem Typ-1-Diabetes-Kind erleben

Gleich nach dem Frühstück ran an die ersten Arbeitsblätter, gegen zehn Uhr geht‘s raus an die Frühlingsluft, anschließend wieder Aufgaben lösen bis zum Mittagessen. Bis 14 Uhr sollte das Schulzeug erledigt sein. (Und wenn die Kleine schlummert, habe ich sogar mal Luft, mit drüberzuschauen.) Erst dann gebe ich die Playstation frei. In meiner Theorie sollte das perfekt funktionieren. Praktisch stellen mir zwei Dinge ein Bein:

So klinkt sich ins Chaos auch noch das Diabetesmonster ein und beschert Konstantin am Vormittag einen Unterzucker vom Feinsten. Statt Schulaufgaben heißt es Traubenzucker lutschen, Apfel essen, hinlegen und ausruhen. Als mein Junior realisiert, dass er bis 14 Uhr seine Hausaufgaben nicht schaffen wird, gibt‘s mächtig Knatsch. Die geballte Ladung Frust auf den "Scheiß-Diabetes" und die "Scheiß-Schule" entlädt sich in wüsten Beschimpfungen, Türen knallen. Mathilda bricht daraufhin natürlich in Tränen aus und will zum Trost auf meinen Arm. Ich bin aber gerade mit dem Schnippeln von Gemüse und Kartoffeln beschäftigt.

Das Ende vom Lied ist: Schon bei der Zubereitung des Mittagessens bin ich kurz davor, das erste Mal das Handtuch zu werfen und nachzugeben, was die Freischaltung der Playstation betrifft. Der zweite Handtuchwurf steht dann zum Mittagessen an, als Konstantin mich anzickt: "Ihhh, das esse ich nicht!" Seine Schwester fühlt sich animiert, ihrem Bruder beizupflichten, indem sie ihren Mundinhalt ausspuckt. Und der Große erscheint erst gar nicht zur gemeinsamen Mahlzeit oder gar zur Unterstützung seiner im Dreieck springenden Mutter.

Ein weiterer Grund, warum sich meine neuen Regeln schwer umsetzen lassen, ist die Tatsache, dass ich nur EINMAL vorhanden bin. Wäre ich zerhackt in fünf Teile, würde mein Plan vermutlich aufgehen. So kämpft Konstantin mit dem "Prädikat", Julius mit Föhn und Haargel (Hallo, wir sind zu Hause! Ist das notwendig?) und Mathilda mit ihrer Strumpfhose. Und alle schreien gleichzeitig "Mama!" Dafür ist der Staatsfeind Nummer 1 nämlich wieder gut genug. Dass die Küche nach jedem Essen wie nach einem Bombenangriff aussieht und ich mittags noch nicht einmal in den Spiegel geschaut habe: nebensächlich.

Nun könnten böse Zungen sagen: "Selbst schuld. Hast ja drei Kinder gewollt." Natürlich habe ich das. Aber normalerweise, wenn das Coronavirus nicht wüten würde, wären meine beiden Prinzen tagsüber in der Schule und meine Prinzessin in der Kita. Ich habe großen Respekt vor allen Lehrern und Erziehern, und ich gebe zu: Deren Job kann ich nicht leisten. Man kann nur hoffen, dass Covid-19 doch schneller vorbei ist, als es die Infektiologen annehmen. Vor allem natürlich, damit nicht so viele Menschen daran sterben. Aber auch, damit Mütter und Väter nicht im Anschluss unter Burn-out leiden.

Zurück zu meinen Regeln während der "Corona-Pandemie": Mein Mann musste um 13 Uhr zur Spätschicht, und ich hatte zur gleichen Zeit einen einstündigen Termin. Also kurz vorher Mathilda zum Mittagsschlaf ins Bett verfrachtet und die Jungs gebrieft, was wann zu tun ist. Als ich heimkam, saß Konstantin zockend an der Playstation, Mathilda feixend neben ihm auf der Couch. Und Julius, der Große, der seine kleine Schwester in den Schlaf begleiten sollte, schlummerte selig im elterlichen Bett.

Notiz an mich selbst: Über Mittag keine Termine vereinbaren. UND: Am Vorabend nicht vergessen, die Playstation wegzusperren. Den Tobsuchtsanfall verkniff ich mir, denn zwei Dinge stimmten mich milde: Konstantins Blutzuckerkurve nach dem Mittagessen war im Gegensatz zu den vergangenen Tagen super, und meine Kinder hatten allesamt gute Laune. Ausnahmen im Ausnahmezustand muss es ja wohl geben…


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