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27.04.2020: Die Kraft der Fantasie

Vor den Schulaufgaben eine Runde abtanzen, auf dem Trampolin hopsen und ein Gedicht lernen: Die Eltern sind in Zeiten von "Homeschooling" besonders gefordert. Auch Isabelle Fabian. Sie und ihre Kinder lösen diese Herausforderung vor allem mit viel Kreativität

von Isabelle Fabian, 27.04.2020

Würden die Lehrer meiner beiden Jungs in diesen Tagen morgens um 7:30 Uhr (zum üblichen Schulbeginn) auf der Matte stehen, sie würden uns allesamt aus dem Bett klingeln. Ich war schon immer der Meinung, dass die Schule hierzulande viel zu früh startet. Die Kinder sind um diese Zeit noch gar nicht aufnahmefähig. Was spricht also bitte dagegen, mit dem Heimunterricht erst dann zu beginnen, wenn es der ganz natürliche Biorhythmus zulässt?

Ab 9:30 Uhr könnten die Lehrmeister gern mal Mäuschen bei uns spielen. Es würde sie folgendes Bild erwarten: drei Kinder außer Rand und Band, die zu elektronischer Musik abhotten, und eine Mutter mit Luftgitarre in der Hand. Wir tanzen zwar nicht unsere Namen, aber ein ganz kleines bisschen fühlt es sich nach Waldorf-Didaktik an. Ein Hauch von Montessori liegt auch in der Luft. Das Beste daran: Es tut meinen Freigeistern gut. Konstantin geht danach gelassener und konzentrierter an seine Aufgaben. Neuerdings lasse ich meinen Drittklässler beim Lernen Musik hören. Ich dachte bisher, zusätzliche Reize würden ihn ablenken. Angeregt durch die Beats, zappelt er aber auf seinem Stuhl herum und denkt laut über Rechenergebnisse nach. So kommt er viel schneller ans Ziel, zumindest in Mathe.

Zum Lesen und Schreiben braucht Konstantin hingegen Ruhe. In der zweiten Klasse wurde eine Lese-Rechtschreib-Schwäche festgestellt. Im folgenden Schuljahr durfte mein Sohn an eine Stützpunktschule wechseln: zehn Kinder pro Klasse, entspannte Lernatmosphäre und geniale Strategien zur Vermittlung von Sprache. Die kleine Klasse erwies sich als absoluter Glücksfall, als bei Konstantin im letzten Sommer Diabetes festgestellt wurde. Gemeinsam mit seinem Klassenlehrer hat Konstantin gelernt, das Diabetesmonster zu zähmen. Und auch die Schulfreunde wissen Bescheid und helfen. Kein Mobbing, dafür ein super Klassenzusammenhalt. All das fehlt Konstantin seit Wochen.

Als bekanntgegeben wurde, dass die Schulen für die meisten Kinder auch in den kommenden Wochen geschlossen bleiben, habe ich Konstantins Lehrer kontaktiert und gefragt, ob man nicht etwas unternehmen könne. Streng genommen ist Konstantin Teil einer Abschlussklasse. Sein Lese-Rechtschreib-Schwäche-Programm endet mit diesem Schuljahr. Die Wochen vor den Sommerferien sind extrem wichtig, um die Kinder fit zu machen, bevor sie an ihre Heimatschulen zurückkehren. Konstantins Lehrer sah das ähnlich und hatte sich schon ans Schulamt gewandt. Bis zur Rückmeldung heißt es nun wieder abwarten. Und vor allem kreativ sein.

In diesen Tagen musste ein Gedicht auswendig gelernt werden. Wenn das Lesen und das Verständnis von Texten schon schwerfällt, dann bedarf das besonderer Methoden: zuerst lesen, dann abschreiben, ein Bild zum Thema gestalten, Reimwörter bunt einfärben und zu guter Letzt Strophe für Strophe üben. Wir sind dabei auf dem Trampolin herumgehüpft. Erstaunlich, wie gut sich das Gedicht eingeprägt hat.

Mein Großer hingegen lehnt jede Hilfe ab, möchte es allein schaffen. Eigentlich eine super Einstellung, die ich bislang bei ihm vermisst habe. Aber da es derzeit an Lehrer-Feedback fehlt und es auch keine Noten gibt, weiß ich nicht, wo er steht. Neulich habe ich ihn erwischt, wie er einen französischen Text mit Google übersetzte. Für meinen Hinweis, dass sich der Lerneffekt in Grenzen hält, wenn man seinen Grips nicht anstrengt, wurde ich des Zimmers verwiesen.

Was ich aber großartig finde: Mein 15-Jähriger hat in der Zeit des Homeschoolings gelernt, sich selbst zu organisieren. Im normalen Schulalltag kam es öfter vor, dass er Hausaufgaben bis zum letzten Moment aufschob. Jetzt ist Julius daran interessiert Aufgaben, die ihm zugemailt werden, gleich zu erledigen. Er will fix wieder seinen Tagträumen nachhängen. An manchen Tagen sitzt er spätabends noch am Schreibtisch. Wenn die Belohnung ein langes Wochenende ohne Schulzeugs ist, warum nicht?

Durch den Heimunterricht hat sich die Jüngste im Bunde viel bei ihren großen Brüdern abgeschaut. So kann unsere Zweijährige nun zählen, lernt Gedichte und Lieder auch gleich auswendig. Und heute verkündete sie mir ganz stolz, dass sie ihren Namen schreiben könne. Dazu hielt sie mir einen Zettel mit Gekrakel unter die Nase. Ich denke mir: Fantasie ist der Schlüssel! Fantasie braucht es, um auch die nächsten Homeschooling-Wochen ohne großes Drama zu überstehen.


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