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29.04.2020: Backen ist Liebe

Backen ist das neue Yoga, denkt sich Isabelle Fabian. Die lila Muffins sollen ihr beim Entspannen helfen. Falsch gedacht: Durch Konstantins Diabetes-Monster artet die Backaktion schnell in Stress aus.

von Isabelle Fabian, 29.04.2020

Lila, lecker – lieber nicht

Ein Blick nach draußen – definitiv kein Gartenwetter heute. Mehr so … Backwetter. Backen ist mein Yoga, dabei kann ich mich wunderbar entspannen. Abschalten zwar nicht, aber das gelingt mir auch beim "Herabschauenden Hund" nicht. Dann schon lieber einen "Kalten Hund" zubereiten.

Ich ziehe ein Backbuch aus dem Regal und lande bei Acai-Beeren-Cupcakes. Mit lila Frosting oben auf den Muffins. Im Geiste zähle ich schon die Kohlenhydrate zusammen.

Ich flitze ins Wohnzimmer, um die Kinder zu fragen, ob sie mir vielleicht helfen wollen. Auf halbem Weg halte ich inne und linse vorsichtig durch die halb geschlossene Tür. Konstantin und Mathilda sitzen auf dem Teppich, renovieren das Puppenhaus und lauschen einem Hörspiel. Wenn ich sie jetzt anspreche, war‘s das. Also verschwinde ich auf leisen Sohlen wieder in meine Küche. Rührgerät, ich komme!

Während ich alle Zutaten zusammensuche, fällt mir auf, dass ich kein Acai-Beeren-Mus habe. Ich klingle meinen Mann an, der sowieso gerade einkaufen ist, und bitte ihn, das Mus zu besorgen. "Was brauchst du? Buchstabiere das mal!", fragt er ahnungslos. Ich bin gespannt, wie viele Verkäuferinnen er beschäftigen wird. Zur Not improvisiere ich eben und nehme stattdessen Heidelbeeren.

Beim Abwiegen notiere ich gleich die Kohlenhydrat-Einheiten. 200 g Zucker schlagen schon mal mit knapp 20 KE zu Buche, 250 g Mehl mit 18 KE. Von der Creme, die zum Schluss noch auf die Muffins kommt, reden wir gar nicht. Das wird eine KE-Bombe. Eigentlich nichts für Konstantin. Seit Anfang März hat er knapp zwei Kilo zugenommen. Das ist jetzt nicht wahnsinnig viel, aber da er sich vorher schon im oberen Feld des Normalgewichts befand, sollte es nicht noch mehr werden, hat seine Ärztin gemeint. Meinem Sohn fällt es gar nicht so leicht, sein Gewicht zu halten. Denn wenn er sich in einer Wachstumsphase befindet, hat er unbändigen Hunger.

Ich versuche zwar für ausreichend Bewegung zu sorgen, aber meine kleine Couchpotato wird von Tag zu Tag träger. Durch die Corona-Krise fällt ja auch seit Wochen der Schulsportunterricht flach, genauso wie sein Fitnesskurs. Und die Schwimmhalle um die Ecke hat auch geschlossen. Dabei ist körperliche Ertüchtigung bei Diabetes von Vorteil, weil der Insulinbedarf so natürlich gesenkt werden kann. Konstantin ist das (noch) schnurzpiepegal, und so hält sich sein Bewegungsdrang in Grenzen, sein Appetit allerdings nicht. Vielleicht sollte ich das Frosting auf den Cupcakes weglassen?!

Ich habe kaum das Rührgerät gestartet, da kommen meine beiden Naschkatzen auch schon angerannt. Als Konstantin das aufgeschlagene Backbuch liegen sieht, fällt er mir um den Hals. Mathilda hat sich in der Zwischenzeit die Schüssel mit dem Teig geangelt und ihre Finger hineingetunkt. "Ich will auch kosten", jammert Konstantin. Das ist einer dieser Momente, in denen ich den Diabetes am liebsten auf den Mond schießen würde.

Vorher war alles so unbeschwert. Nun muss ich Konstantin erst mal bitten, seinen Blutzuckerwert zu kontrollieren. Zum Glück liegt er ein wenig unter dem Zielwert, da kann er sich ein Teelöffelchen vom süßen Brei genehmigen – aber nicht mehr. Wirklich bitter. Naschen ist doch das Schönste am Backen. Wie gern würde ich mich dazu mal mit anderen Eltern austauschen, die auch ein Kind mit Typ-1-Diabetes haben. Wird man irgendwann lockerer? Ich möchte nichts falsch machen, bei süßen Sachen bin ich ziemlich genau. Ein Acai-Beeren-Cupcake enthält ungefähr 6 KE. Mehr als ein Stück ist für Konstantin leider nicht drin. Das wird für Diskussionen sorgen.

Die fertigen Acai-Beeren-Muffins, die nun doch Heidelbeer-Küchlein geworden sind, sehen fast genauso aus wie die in meinem Buch, und die Kids flippen aus. Nach den Jubelstürmen folgt Ernüchterung: Es gibt Streit, weil Julius sich gleich drei Muffins sichert und Konstantin natürlich nicht nur einen essen will. Während ich das Schauspiel beobachte, verflüchtigt sich meine Back-Entspannung. Dafür bin ich erleuchtet: Backen, was für eine blöde Idee! Back-Yoga verträgt sich nicht mit Diabetes. Ich habe damit Unmut und Ärger provoziert. Schließlich erlaube ich Konstantin anderthalb Muffins, und Julius bekommt nur zwei. Danach probieren wir etwas Neues: "richtiges" Yoga, um wenigstens einen kleinen Teil der Kohlenhydrate zu verbrennen und den Stress von eben wieder abzubauen.


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