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Corona: Lebensgefährliche Folgen für neu erkrankte Kinder mit Typ-1-Diabetes

Während des Lockdowns wurde Typ-1-Diabetes bei vielen Kindern verspätet entdeckt. Die Folge: ein Anstieg lebensbedrohlicher Stoffwechselentgleisungen. Kinderdiabetologe Dr. Clemens Kamrath erklärt, wie Eltern auf Warnhinweise für Typ 1 richtig reagieren

von Alexandra von Knobloch, aktualisiert am 28.08.2020

Das Wichtigste in Kürze

  • In Folge des Corona-Lockdowns wurde Diabetes Typ 1 bei sehr vielen Kindern verspätet entdeckt. Die Folge waren teils schwerwiegende Stoffwechselentgleisungen, sogenannte Ketoazidosen.
  • Bleibt eine Ketoazidose für einige Zeit unbehandelt, können Betroffene in ein lebensbedrohliches diabetisches Koma fallen.
  • Bei Warnzeichen für Diabetes sollten Eltern ihr Kind unbedingt zum Kinderarzt bringen.

Sie haben mit Ihrem Team überprüft, ob sich die Anzahl an Stoffwechselentgleisungen bei Kindern und Jugendlichen mit der Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 zwischen März und Mai zur Zeit des Lockdowns verändert hat. Ihre Ergebnisse sind alarmierend. Was ist passiert?

Bei Kindern und Jugendlichen wurde Typ-1-Diabetes während des Lockdowns vielfach erst mit deutlicher Verzögerung diagnostiziert, mit ernsten Konsequenzen: Sehr viel mehr Kinder als üblich erlitten eine sogenannte Ketoazidose, das ist eine schwere Stoffwechselentgleisung, ehe ihre Krankheit erkannt und richtig behandelt wurde.

Wie haben Sie das herausgefunden?

Im April sind wir während einer Telefonkonferenz mit anderen Diabetologen hellhörig geworden. Wir haben daraufhin die Daten aus dem deutschen Register der Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation (DPV) ausgewertet. Unter der Leitung von Professor Reinhard Holl von der Universität Ulm sammeln dort fast alle großen Diabeteszentren wesentliche Informationen. Wir haben die Daten für alle 532 Kinder und Jugendlichen geprüft, bei denen zwischen dem 13. März und dem 13. Mai 2020 die Diagnose eines Typ-1-Diabetes neu gestellt wurde. Dann haben wir die Häufigkeit von diabetischen Ketoazidosen mit jener der Jahre 2018 und 2019 im gleichen Zeitraum verglichen.

PD Dr. med. Clemens Kamrath

Was kam dabei heraus?

Von den 2020er-Patienten im Kindes- und Jugendalter hatten 45 Prozent zum Zeitpunkt der Diagnose schon eine Ketoazidose. Normalerweise sind es 25 Prozent. Dies entspricht einem durchschnittlichen Anstieg von 85 Prozent. Das höchste Risiko hatten Kinder unter sechs Jahren: Bei ihnen hat sich während der Corona-Pandemie die Gefahr für eine Ketoazidose zum Zeitpunkt der Diagnose mehr als verdoppelt.

Was macht eine Ketoazidose so gefährlich?

Bleibt eine Ketoazidose für einige Zeit unbehandelt, können Betroffene in ein lebensbedrohliches diabetisches Koma fallen. Beim Typ-1-Diabetes kommt die körpereigene Insulinproduktion zum Erliegen. Eigentlich hat Insulin die Aufgabe, Zucker, speziell Glukose, aus dem Blut in die Körperzellen zu schleusen. Diese gewinnen daraus Energie. Fehlt Insulin und damit Glukose, baut der Körper ersatzweise Fett ab. Dabei entstehen als Stoffwechselprodukte sogenannte Ketone. Sie reichern sich im Blut an und übersäuern es.

Was sind Warnzeichen für einen unentdeckten Typ-1-Diabetes bei Kindern?

Ein typisches Warnzeichen ist vermehrter Durst: Die Kinder und Jugendlichen trinken deutlich mehr als üblich. Das ist die Reaktion auf den Zuckerüberschuss im Blut. Er soll über den Urin ausgeschwemmt werden. Als Folge müssen die Betroffenen auch öfter zur Toilette. Gerade bei kleinen Kindern ist die Veränderung manchmal nicht leicht festzustellen. Zum Beispiel kann es sein, dass Kinder, die nachts trocken waren, wieder einnässen. Was das vermehrte Trinken anbelangt, sagen manche Eltern in der Rückschau: Ich hätte nicht gedacht, dass das auf eine Krankheit hindeutet. Ich war froh, dass mein Kind endlich mal mehr trinkt. Auch andere Symptome wie Müdigkeit, Leistungsschwäche oder Gewichtsabnahme können auf einen unentdeckten Typ-1-Diabetes hinweisen. Ebenso kann die Atemluft der Kinder leichten Azetongeruch verströmen (riecht ähnlich wie Nagellackentferner oder gegorenes Obst).

Wann wird die Stoffwechselentgleisung kritisch – und die Kinder müssen sofort zu einem Kinderarzt gebracht werden?

Auf die Übersäuerung reagiert der Körper mit Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Das kann natürlich erst einmal alles Mögliche bedeuten. Auch eine beschleunigte Atmung kann auf eine beginnende Ketoazidose hindeuten. Dabei soll die vermehrte Abatmung von CO2 der Übersäuerung entgegenwirken. Dieses Symptom wird häufig aber eher mit einer Bronchitis oder einer Lungenentzündung in Verbindung gebracht. Daher sollten Eltern bei diesen Anzeichen immer Kontakt zum Kinderarzt aufnehmen, besonders wenn sie mehrere der oben beschriebenen Warnhinweise bei ihrem Kind bemerken. Geht es dem Kind sehr schlecht oder ist es bewusstlos, muss sofort der Notarzt (112) gerufen werden.

Wie erklären Sie sich, dass viele Stoffwechselentgleisungen während der Corona-Hochphase später auffielen?

Wir können nur spekulieren, aber wir vermuten, dass mehrere Faktoren zusammentrafen. Viele Menschen haben in der Anfangsphase der Pandemie Arztbesuche grundsätzlich vermieden. Besonders Eltern waren verunsichert. Aus Angst vor einer Ansteckung haben sie gezögert, ihre Kinder untersuchen zu lassen. Hinzu kam: Oft war es schwer, einen Arzt zu erreichen. Und womöglich hat auch das Homeoffice etwas damit zu tun. Vielleicht dachten einige Eltern, sie hätten jetzt Zeit, um ihre kranken Kinder im Blick zu behalten und zu pflegen, und könnten daher mit dem Arztbesuch warten.

Wie schnell entwickelt sich eine Ketoazidose?

Manchmal vergehen vom vermehrten Durst bis zur Ketoazidose nur ein paar Tage, manchmal ein paar Wochen.

Wie lässt sich verhindern, dass es bei einer zweiten Corona-Welle wieder zu verspäteten Typ-1-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen kommt?

Wichtig ist zum einen mehr Aufklärung beim Kinderarzt. Bei der Aufklärung zu Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod funktioniert das sehr gut: Die Eltern erhalten routinemäßig bei einer Vorsorgeuntersuchung konkrete Tipps und Infomaterial. Leider gibt es das bei Typ-1-Diabetes so nicht. Daher kennen viele Eltern nicht die Symptome, die bei einem unerkannten Typ-1-Diabetes auftreten können.

Was raten Sie Eltern?

Am besten wäre es, mit dem Kinderarzt abzuklären, in welchen Situationen und bei welchen Symptomen man unbedingt und ohne zu zögern in die Praxis kommen sollte.

Und was, wenn es aufgrund der Corona-Pandemie wieder zu verschärften Kontaktbeschränkungen kommt?

Die Arztpraxen haben inzwischen Hygiene-Konzepte etabliert, die sichere Arztbesuche auch während einer zweiten Corona-Welle möglich machen. Manche Ärzte und Ärztinnen bieten darüber hinaus auch Hausbesuche an.

An welchen Arzt wendet man sich?

Erster Ansprechpartner ist der Kinderarzt. Er hat am meisten Erfahrung mit Neudiagnosen von Typ-1-Diabetes. Sonst sollte man versuchen, den Hausarzt, eine Bereitschaftspraxis oder Notfallambulanz aufzusuchen oder den Notarzt (112) rufen.


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