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"Der erneute Lockdown war nötig"

In Thüringen ist eine der wenigen Pandemiestationen, die ein Diabetologe leitet. Rund 25 Prozent der Patienten leiden auch an Diabetes. Wir haben mit Prof. Dr. Igor A. Harsch, dem leitenden Oberarzt über seinen Alltag im Ausnahmezustand und neue Erkenntnisse in der Therapie gesprochen

von Andrea Mayer-Halm, 17.12.2020
Pressebild Pflegerisches Team Pandemie Station Ärzte Pfleger_innen Reinigungspersonal Vollschutz Schutzanzüge Klinik Thüringen

Visite auf einer der zwei Pandemiestationen in den Thüringen Kliniken


Herr Professor Harsch, wie viele Corona-Patienten behandeln Sie aktuell in den Thüringen Kliniken?

Momentan sind 33 Patienten mit Corona (Covid-19) bei uns auf den Pandemiestationen. Davon haben neun Diabetes. Täglich kommen drei bis vier neue Erkrankte dazu. Insgesamt haben wir acht Intensiv-Betten für Corona-Patienten, davon sind aktuell zwei belegt, wir haben glücklicherweise noch keine Kapazitätsengpässe zu verzeichnen. Es ist allerdings eine stressige Zeit. Auch ich musste mich wie die meisten anderen Mediziner erst in dieses Krankheitsbild einarbeiten und konnte in den vergangenen Monaten wichtige Erfahrungen sammeln. Seit der ersten Welle haben wir 105 Patienten mit Covid-19 behandelt. Davon hatte etwa jeder Vierte Diabetes. Dadurch, dass ich Diabetologe bin, habe ich natürlich immer den Blutzucker im Blick. Außerdem arbeite ich mit  zwei Diabetesberaterinnen auf der Station zusammen.

Was haben Sie in den letzten Monaten im Umgang mit Corona und Diabetes dazugelernt?

Zu Beginn der Pandemie gab es diverse Studien, aus denen hervorging, dass der HbA1c-Wert, das ist der Langzeitwert für den Blutzucker, fast egal sei für den Krankheitsverlauf. Inzwischen gibt es neue Erkenntnisse: Je besser die HbA1c-Werte, desto besser sind auch die Chancen, diese Krankheit ohne Komplikationen zu überstehen. Je schlechter der HbA1c-Wert, desto höher ist das Risiko für einen ungünstigen Ausgang. Ein anderer Risikofaktor für einen schweren Krankheitsverlauf sind starke Blutzuckerschwankungen. Für Menschen mit Diabetes ist es in der Pandemie daher besonders wichtig, dass der Blutzucker gut eingestellt ist.

Welche Erfahrungen bestehen hinsichtlich der Diabetesmedikamente?

Von Fachgesellschaften haben wir die Empfehlung bekommen, dass man die Behandlung mit Metformin und SGLT-2-Hemmern bei Fieber ab 38,5°C pausieren sollte. Bei stark ansteigenden Blutzuckerwerten können Insulingaben zur Überbrückung nötig sein. GLP-1-Analoga stellen hingegen kein Risiko dar und können weiter eingenommen werden. Wenn Menschen mit Diabetes zu Hause eine Corona-Infektion auskurieren, sollten sie auf alle Fälle mit ihrem Arzt darüber sprechen, ob Änderungen in der Medikation nötig sind.

Wie sieht Ihr Alltag als Arzt auf einer Corona-Station aus?

Ich bin sehr froh, dass ich nicht den ganzen Tag im Schutzanzug herumlaufen muss. Die Patienten sind in ihren Zimmern isoliert. Bei uns herrscht allgemeine Maskenpflicht. Wenn ich das Zimmer eines infizierten Patienten betrete, ziehe ich davor den Schutzanzug an, trage eine Maske und eine Kopfbedeckung. Vor den Augen brauche ich keinen zusätzlichen Schutz, denn ich bin Brillenträger. Und dann kläre ich mit dem Patienten, was gerade ansteht. Das sind ganz oft auch organisatorische Themen: zum Beispiel, dass ein Patient gar nicht nach Hause kann, obwohl es ihm besser geht, weil zu Hause alle in Quarantäne sind. Es sind teilweise die kleinen Fragen des Alltags.

Ist so eine vermummte Visite sonderbar für die Patienten und Sie als Arzt?

Ich habe im Rahmen meiner Ausbildung schon öfters auf Infektionsstationen gearbeitet. Mich erschüttert das also nicht sonderlich. Aber für ältere Patienten, die das alles vielleicht gar nicht mehr richtig verstehen, stelle ich es mir durchaus befremdlich vor. Leider geht es nicht anders.

Gibt es einen Augenblick seit Beginn der Pandemie, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Oh ja! Corona-Patient Nummer 1 in Thüringen. Er war Mitte 50 und hatte sich Anfang März in Südtirol angesteckt. Jeder dachte, Corona gibt’s zwar schon, aber wir werden doch nicht die erste Klinik in Thüringen sein, die einen Patienten behandeln muss. Doch nach ein paar Tagen lag tatsächlich ein positiver Corona-Test des Patienten vor. Er war schlank,  sportlich und hatte keine Vorerkrankungen. Ich habe kurz überlegt, was ich machen soll. Dann habe ich mich so gründlich in Schutzkleidung verpackt wie noch nie zuvor, bin zu dem Patienten ins Zimmer gegangen und habe mit ihm geredet. Das war ein Augenblick, den ich nicht mehr vergessen werde. Damals war mir durchaus ein bisschen mulmig. Heute geht es dem Mann wieder gut, er hatte aber noch einige Zeit nach seiner Infektion mit Atemnot zu kämpfen.

Pressebild Pflegerisches Team Pandemie Station Ärzte Pfleger_innen Mundschutz Klinik Thüringen Professor Dr. Harsch

Wie stufen Sie den aktuellen Lockdown ein?

Noch immer haben wir täglich sehr viele Menschen, die sich neu mit dem Coronavirus infizieren. Und wir sind definitiv nicht an dem Punkt, an dem es zurückgeht. Daher bin ich sehr erleichtert, dass nun ein erneuter schärferer Lockdown beschlossen wurde und die Kontaktbeschränkungen auch über die Weihnachtsfeiertage nur leicht gelockert wurden. Wäre das nicht geschehen, hätten wir im Januar in den Kliniken stark steigende Zahlen von Patienten gehabt, die sich mit Corona infiziert haben. Ich hoffe, dass dieser Trend durch die Verschärfung des Lockdowns nun gebrochen werden kann und die Zahlen stark zurückgehen.

Was steht uns in den kommenden Monaten bevor?

Bisher haben in Deutschland gerade mal eineinhalb Millionen Menschen eine Infektion mit Corona durchgestanden. Das reicht lange nicht für eine Herdenimmunität. Die kommt erst mit der passenden Impfung. Wenn dann 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, haben wir das Gröbste überstanden. Jetzt hoffe ich erst einmal, dass wir einigermaßen gut durch den Winter kommen.


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