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Diabetes durch COVID-19?

Kann eine Infektion mit dem Coronavirus Diabetes auslösen? Professor Dr. Stefan R. Bornstein von der Universitätsklinik Dresden geht, zusammen mit weiteren Forschern, dieser Frage nach

von Isabelle Fabian, 02.07.2020

2002 begann die erste SARS-Epidemie. Und bei den Wissenschaftlern keimte ein Verdacht auf: Fallbeispiele aus der Praxis zeigten nämlich, dass Menschen, die vor der Virusinfektion stoffwechselgesund waren, nach der Erkrankung häufiger Diabetes entwickelten oder dass sich zeitweilig ihre Blutzuckerwerte verschlechterten.

Könnte dies nach einer Infektion mit dem neuartigen SARS-Covid-2-Virus (Corona) ebenfalls passieren? Dieser Frage gehen Forscher in einem internationalen Projekt nach. Denn weltweit tauchten in den vergangenen Monaten immer wieder Fälle von Menschen auf, die entweder einen Diabetes nach einer Corona-Infektion entwickelten oder plötzlich extrem hohe Blutzuckerwerte und Ketone im Blut aufwiesen, obwohl sie bis dato keinen Diabetes hatten. Um den Folgen einer Infektion mit Corona nachzugehen, richtete ein internationales Team von Wissenschaftlern in den vergangenen Wochen ein Patientenregister namens CoviDIAB ein. Weltweit tragen die Forscher hier Fälle zusammen und werten sie aus – getrieben von den Fragen, ob das Coronavirus Diabetes auslösen kann, was dabei im Körper geschieht und um welche Form des Diabetes es sich handelt.

Experte Diabetes

Im Interview erklärt Professor Dr. Stefan R. Bornstein, wie weit die Forschungen dazu gediehen sind.

Wie kamen Sie darauf, dass eine Corona-Infektion Diabetes auslösen könnte?

Das Problem mit dem Coronavirus ist, dass es sich eines Rezeptors auf den menschlichen Zellen bedient, der wichtig für einen gesunden Stoffwechsel ist. Vereinfacht gesagt: Bei Menschen mit Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und zu hohem Blutdruck funktioniert dieser Rezeptor nicht mehr richtig, wenn das Virus andockt. Für das Virus eine tolle Sache, denn es hat dadurch bessere Bedingungen, sich im Körper anzusiedeln und rasch zu vermehren. Was folgt, sind Entzündungen und Schädigungen in der Lunge, im Herzen, in der Niere, in den Gefäßen und vermutlich auch in den Zellen, die Insulin produzieren.

Was läuft im Körper ab?

Es passieren zwei Dinge: Wenn das Coronavirus tatsächlich die Insulin produzierenden Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse befällt, schädigt es sie offenbar, sodass die Insulinproduktion gestört ist, wie bei Typ-1-Diabetes. Befällt das Virus hingegen die Organe und Stoffwechselwege in den Zellen, wo das Insulin normalerweise wirken soll, dann kommt es zu einer Verstärkung der Insulinresistenz, wie bei Typ-2-Diabetes. Will heißen: Bei Menschen, die vorher erhöhte Blutzuckerwerte, aber noch keinen Diabetes hatten, können durch diese Insulinresistenz die Blutzuckerwerte weiter steigen.

Inselzelle DDner Labor TU Dresden

Dass Viren generell Diabetes auslösen könnten, wird ja schon seit Jahren diskutiert. Ist es da Panikmache, wenn die Diskussion um das Coronavirus neu entbrennt?

Es ist nicht endgültig bewiesen, was Typ 1 auslöst und was nicht. Man hat aber eine Vorstellung von Entstehungsmechanismen. Es gibt Daten, die zeigen, dass nach Virusinfektionen häufiger Typ-1-Diabetes auftritt, so wie wir es jetzt auch bei einzelnen Patienten nach einer Covid-19-Infektion beobachten. Zu welchen Anteilen Vererbungs- und Umweltfaktoren mit hineinspielen, um einen solchen Prozess auszulösen, ist aber noch nicht geklärt. Vor allem bestimmte Viren, z.B. Entero-, Coxsackie- oder Rota-Viren, scheinen jedoch die Fähigkeit zu haben, zumindest bei der Entstehung des Diabetes eine Rolle zu spielen.

Schon während der SARS-Epidemie 2002 gab es Patienten, die einen Diabetes entwickelten ...

Richtig, es gab Menschen, die plötzlich einen Diabetes entwickelten, der aber teilweise wieder verschwand. Es gab jedoch auch andere, die erst viele Monate oder sogar Jahre später an dieser Stoffwechselstörung erkrankten. Das könnte sich jetzt wiederholen. Wir haben Fälle von Patienten, die bereits eine Vorstufe des Diabetes hatten und nach einer Corona-Infektion in den Typ-2-Diabetes gerutscht sind. Und es gibt auch junge Menschen, die vor einer Covid-19-Infektion kerngesund waren und mehrere Wochen nach der Erkrankung einen Typ-1-Diabetes entwickelten. Von den Wissenschaftlern an der Universität Kiel ist ein solcher Fall beschrieben worden – und auch in Singapur.

Wieso verdächtigen Sie das Coronavirus, den Diabetes ausgelöst zu haben?

Bei dem jungen Mann aus Kiel wurde kein einziger Auto-Antikörper gefunden, wie das normalerweise der Fall ist, wenn Typ-1-Diabetes das erste Mal auftritt. Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung. Aber in diesem Fall schien alles unabhängig von einem Autoimmunprozess geschehen zu sein. Dies legen auch erste experimentelle Studien nahe, die zeigen, dass Insulin produzierende Zellen im Virus direkt geschädigt werden.

An schweren Infektionen sind ja vor allem ältere Menschen erkrankt. Wie wirkt sich das Virus auf deren Diabetes-Risiko aus?

Bei einem Patienten, der vielleicht noch fünf Jahre Prä-Diabetiker gewesen wäre, könnte sich möglicherweise der Prozess, der zu Diabetes führt, durch das Virus beschleunigen. Er wird also früher zum Typ-2-Diabetiker.

Momentan hört sich das nach ein paar Einzelfällen an, betrachtet man die weltweiten Zahlen ...

Wir müssen abwarten, was unsere weiteren Forschungen ergeben. Wir nehmen weltweit Fälle in unser Register CoviDIAB auf und bewerten diese dann über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren. Es sind noch viele Fragen offen, auch diese: Bleibt der Diabetes? Oder verändert er sich durch die Infektion, bessert er sich in manchen Fällen gar?

Wer wird in dieses spezielle Register aufgenommen?

Grundsätzlich alle Fälle mit Diabetes und einer Corona-Infektion. Zudem listen wir Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen, auch wenn sie bisher keinen Diabetes hatten. Vielleicht stellen wir ja fest, dass der neu aufgetretene Diabetes im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion ein seltenes Ereignis ist und dass das Umkippen in einen Typ 2 nicht so häufig vorkommt, wie wir momentan befürchten. Es kann aber auch sein, dass das Virus einen Stoffwechselweg benutzt, der so wichtig für den Blutzucker und für die Hormone ist, dass wir da noch böse Überraschungen erleben.

Wir könnten es also mit einer völlig neuen Art des Diabetes zu tun haben?

Es gibt viele Unterformen beim Diabetes. Bei dieser neuen Form könnte es sich möglicherweise um ein Mischbild handeln, sodass zum einen eine Schädigung wie beim Typ 1 auftritt und zum anderen die metabolischen Prozesse im Körper verändert werden, wie bei Typ-2-Diabetes.