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Diabetes durch Covid-19?

Eine Covid-19-Erkrankung kann den Betroffenen über Monate hinweg zu schaffen machen. Experten prüfen, ob die Infektion sogar Typ-1-Diabetes auslösen kann

von Dr. Achim Gerald Schneider, 29.06.2021

Den 19-jährigen Mann traf es aus heiterem Himmel. Er war sportlich aktiv und kerngesund. Doch in wenigen Wochen hörte sein Körper auf, Insulin zu produzieren. Jenes Hormon, das für das Regulieren des Blutzuckers so wichtig ist. Eine Analyse ergab: Der junge Mann hatte sich fünf bis sieben Wochen zuvor bei seinen Eltern mit den Coronaviren Sars-Cov-2 angesteckt. Er hatte nicht einmal etwas von seiner Infektion bemerkt. Das war im März 2020.

Zuckerkrank kurz nach einer Corona-Infektion: Zufall ist eine naheliegende Erklärung. Doch bei dem Patienten war einiges auffällig. Er hatte kein besonders hohes Risiko für Typ-1-Diabetes. In seinem Blut fanden sich zudem keinerlei Abwehrstoffe gegen Insulin oder andere Teile der insulinbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. "Alles in allem gab sein Befund einen Hinweis, dass Coronaviren seine insulinbildenden Zellen zerstört haben könnten", sagt Professor Stefan Bornstein, Direktor des Zentrums für Innere Medizin an der Technischen Universität Dresden.

Welche Symptome treten auf?

Ein Verdacht also, doch kein Beweis. Der Zusammenhang bleibt unklar, wie so vieles zu den langfristigen Folgen, die eine Covid-19-Infektion nach sich ziehen kann. Mediziner fassen darunter zahlreiche Symptome zusammen, die über die akute Phase hinaus andauern oder neu hinzukommen. Fachleute sprechen von Long Covid bei Beschwerden nach wenigstens vier Wochen. Und vom Post-Covid-Syndrom bei Beschwerden nach wenigstens zwölf Wochen.

Bei Menschen, die zunächst keine oder nur leichte Infektions-Symptome hatten, sind Müdigkeit, der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns und Kurzatmigkeit die häufigsten Beschwerden vier bis sieben Monate nach der Infektion. Das ergab kürzlich eine Analyse der Universität Köln.

Einer Schätzung zufolge sind bisher rund 370  000 Menschen in Deutschland von Long Covid betroffen. Diese Zahl nannten Ärztevertreter Anfang Juni vor dem Gesundheitsausschuss des Bundestags. Gegenstand der Anhörung: die bessere Versorgung für die Patienten und die künftige Anerkennung als Berufskrankheit.

Fest steht: Eine Corona-Infektion kann viele Organe in Mitleidenschaft ziehen. Das passiert bei Patienten mit schweren Verläufen, die im Krankenhaus behandelt werden. Und auch bei einer heftigen allgemeinen Entzündungsreaktion, die vor allem Kinder trifft. Sie trägt das Kürzel Pims. Oft verläuft die Infektion zunächst beschwerdefrei und Wochen später kommt es zur heftigen Reaktion mit hohem Fieber, Hautausschlag und Entzündungen von Organen. Pims ist allerdings extrem selten. Bislang sind in Deutschland weniger als 400 Erkrankungen bekannt.

Kann eine Corona-Infektion auch die Bauchspeicheldrüse in Mitleidenschaft ziehen?

Wissenschaftler sind der Antwort ein Stück nähergekommen. So ist inzwischen bekannt, dass Sars-Cov-2 die insulinbildenden Zellen des Organs infizieren kann. Ein Patientenregister soll zur weiteren Klärung beitragen. Es sammelt weltweit Patientendaten von Menschen, die nach einer Infektion mit Sars-Cov-2 an Typ-1-Diabetes erkrankten. Experte Bornstein startete es, nachdem der erste Verdachtsfall des jungen Mannes bekannt wurde. "Wir konnten bereits mehr als 500 Patienten in das Register aufnehmen", sagt Bornstein. Mit Ergebnissen rechnet er in ein bis zwei Jahren.

Der Nachweis ist schwer zu erbringen. Viele Stress-Ereignisse können den Ausbruch von Typ-1-Diabetes anstoßen, darunter Infektionen und andere Krankheiten. Diese Auslöser bringen das Fass gleichsam zum Überlaufen. Ohne sie würde die Zuckerkrankheit später ausbrechen. Jährlich erkranken in Deutschland circa 7200 Menschen an Typ-1-Diabetes. Bislang gibt es kein Anzeichen, dass die Anzahl während der Pandemie gestiegen ist. "Es könnte also allenfalls in Einzelfällen zu einem durch Sars-Cov-2 ausgelösten Typ-1-Diabetes gekommen sein", sagt Bornstein.

Experte Prof. Dr. med. Stefan Bornstein

Ein Schutz: gute Zuckerwerte

Wenn überhaupt. Unklar bleibt auch, ob Menschen mit Diabetes öfter von Long-Covid-Symptomen betroffen sind als Personen mit einem intakten Zuckerstoffwechsel. Dafür spricht, dass schlechte Zuckerwerte das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf erhöhen. Bornstein: "Wer eine langjährig schlechte Blutzuckereinstellung mit Gefäß- und Nervenschäden hat, ist besonders gefährdet." Und nach der Entlassung aus dem Krankenhaus hat die Mehrzahl noch gesundheitliche Probleme wie zum Beispiel Luftnot. In der chinesischen Stadt Wuhan, wo die derzeitige Pandemie begann, lag der Anteil bei 76 Prozent. Schwere Erkrankungen verhindern und langfristige Folgen vermeiden: Das sind zwei gute Gründe, warum gerade Menschen mit Diabetes sich gegen Covid-19 impfen lassen sollten. Sobald sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet.


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