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Diabetes und Corona: Was tun mit meiner Reha?

Viel Unklarheit herrscht in den letzten Monaten rund um das Thema Reha: Soll ich als Mensch mit Diabetes während der Corona-Pandemie eine Reha antreten? Welche Folge hat es, wenn ich lieber zu Hause bleibe? Was passiert, wenn meine Reha abgesagt wurde? Hier kommen die Antworten

von Andrea Mayer-Halm, 28.05.2020

Alle vier Jahre haben Menschen mit Diabetes Anspruch auf eine Reha. Wird diese bewilligt, sollte sie unbedingt wahrgenommen werden – auch in Zeiten von Corona. Das ist die klare Haltung von Dr. Matthias Riedl, Diabetologe und Direktor von medicum Hamburg: "Wenn Menschen mit Diabetes ihre Reha-Aufenthalte monatelang nach hinten verschieben oder sogar ganz absagen, kann die Blutzuckereinstellung aus dem Ruder laufen, und es können gefährliche Folgeschäden entstehen."

Der Diabetologe stellt mit Sorge fest, dass viele Menschen aus lauter Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 die medizinische Betreuung vernachlässigen. Dabei haben die meisten Menschen mit Diabetes kein erhöhtes Risiko, sich zu infizieren. Und auch nach einer Ansteckung kommt es nicht zwingend zu einem schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung.

Riedl weist außerdem darauf hin, dass die Ausnahmeregelungen wahrscheinlich noch über Monate gelten werden. Man müsse lernen, damit umzugehen, anstatt sich auf unbestimmte Zeit einzuigeln. Einen Reha-Aufenthalt zu vermeiden aus Angst, sich womöglich mit dem Coronavirus zu infizieren, sei gefährlich. Denn der gesundheitliche Nutzen der Reha überwiegt bei weitem das sehr niedrige Risiko einer Infektion. Vor allem, wenn die Blutzuckereinstellung unbefriedigend ist – erkennbar etwa an hohen HbA1c-Werten –, wenn immer wieder Unterzuckerungen auftreten und wenn infolge des Diabetes bereits Probleme am Arbeitsplatz bestehen, ist es höchste Eisenbahn für eine Reha. Das gilt umso mehr, wenn im Gefolge des Diabetes bereits weitere Gesundheitsprobleme bestehen, etwa Durchblutungsstörungen oder Nervenschäden.

Dass der gesicherte Nutzen einer Reha das Risiko einer Infektion bei Weitem überwiegt, kann Dr. Friedrich Schroeder, Direktor der Mühlenbergklinik Holsteinische Schweiz, nur bestätigen. In den vergangenen Wochen war die Belegung seiner Klinik auf fast zehn Prozent runtergefahren. "Wir mussten allen Patienten absagen, die eine Reha als stationäre Heilbehandlung hatten. Darunter fallen in der Regel auch Menschen mit Diabetes", so Dr. Schroeder.

Die meisten Betten sollten nämlich nach Vorgabe des Bundeslandes Schleswig-Holstein für Akutpatienten freigehalten werden. Letztlich blieben sie aber leer. Seit Mitte Mai können auf Grundlage eines neuen Hygienekonzepts gemäß Robert-Koch-Institut und Deutscher Rentenversicherung (DRV) wieder Reha-Patienten mit Diabetes aufgenommen werden.

Und das ist auch dringend nötig. Seit dem Lockdown haben sich allein in der Mühlenbergklinik von Schroeder 1600 Akten angesammelt: alles bewilligte Reha-Anträge. Die Patienten werden jetzt kontaktiert und eingeladen.

Normalerweise muss überall in Deutschland eine Reha drei Monate nach der Genehmigung angetreten werden. Die DRV hat diese Zeit aufgrund der aktuellen Situation aber auf zehn Monate verlängert. Auch wenn ein Aufenthalt in einer Klinik wegen der Corona-Pandemie abgebrochen wurde, kann er zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt werden. Nötig dafür ist ein Kurzantrag, der von den jeweiligen Kliniken nach Bedarf zugeschickt wird. Grundsätzlich sollten sich sämtliche Rehabilitanden auf etwas längere Wartezeiten einstellen.

Wie die Reha-Kliniken in den letzten Wochen geführt wurden und künftig geführt werden, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich: In Rheinland-Pfalz oder Mecklenburg-Vorpommern waren die Kliniken durchgehend bis zu 70 Prozent ausgelastet. In Bundesländern wie Schleswig-Holstein wurde die Belegung teils auf 10 Prozent runtergefahren.

Annabelle Neudam ist Geschäftsführerin von qualitätskliniken.de, einem Vermittlungsportal für Reha-Plätze in ganz Deutschland. Sie sagt: "Unter den 22 Kliniken, die bei uns für die Behandlung von Menschen mit Diabetes geeignet sind, hat nur eine einen Aufnahmestopp. In allen anderen Einrichtungen ist der Betrieb unter besonderen Hygienevoraussetzungen möglich."

Auch in der Klinik von Friedrich Schroeder wurden die Therapieformen entsprechend angepasst. Viele Angebote finden im Freien statt. Es gelten Abstandsregeln. Sauna, Kegelbahn und Tischkicker sind tabu. Dafür ist der Betreuungsschlüssel höher: Auf maximal zwei Drittel der Patienten kommen hundert Prozent des Personals. Damit garantiert Direktor Schroeder eine qualitativ hochwertige Reha.

Die ersten 200 Antragsteller wurden bereits von der Mühlenbergklinik kontaktiert. Wer aus Angst doch nicht kommen wollte, konnte natürlich laut DRV absagen. Die meisten Rehabilitanden haben aber zugesagt, dass sie so schnell wie möglich kommen möchten. Für Schroeder definitiv die richtige Entscheidung: "Wenn bei Menschen mit Diabetes eine Reha notwendig ist, dann ist es wahrscheinlich viel gefährlicher, aus Angst zu Hause zu bleiben, als die Reha anzutreten."


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