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„Die Politik ist nicht schnell genug“

Während das Coronavirus seit Monaten die Schlagzeilen bestimmt, schreitet eine andere Pandemie fast unbemerkt voran: die weltweite Ausbreitung von Diabetes Typ 2. Der Diabetologe Prof. Dr. Baptist Gallwitz erklärt, warum die Fallzahlen täglich steigen und wie man gegensteuern kann

von Dr. Caroline Mayer, 11.11.2020
Weltweite Ausbreitung von Diabetes Typ 2 schreitet stark voran.

Immer mehr Menschen erkranken an Diabetes Typ 2


Herr Professor Gallwitz, die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) spricht im Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes von einer Pandemie. Ist das nicht etwas übertrieben?

Nein, gar nicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat diesen Begriff bereits 2012 verwendet. In Deutschland sind derzeit etwa acht Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Im Jahr 2040 werden es voraussichtlich 12 Millionen sein.

In der Corona-Pandemie orientieren wir uns an täglichen Fallzahlen. Wie viele Neuerkrankungen mit Diabetes Typ 2 gibt es jeden Tag?

In Deutschland liegt diese Zahl bei schätzungsweise 1500. Und im Gegensatz zur Corona-Pandemie haben wir keine Genesenen. Diabetes ist eine chronische Erkrankung, die prinzipiell nicht heilbar ist. Zu Beginn der Erkrankung kann man zwar durch eine deutliche Änderung des Lebensstils wieder in eine normale Stoffwechsellage kommen. Aber es gibt keinen leichten Diabetes oder ein bisschen Diabetes. Typ 2 ist immer eine ernste Diagnose.

Warum breitet sich Diabetes in Deutschland so rasant aus?

Das ist ein weltweites Problem, das nicht nur Deutschland betrifft. Für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes spielen – neben der Veranlagung – Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle. In der frühen Geschichte der Menschheit mussten die Jäger und Sammler häufig lange Hungerperioden aushalten. Diejenigen, die Essen gut ansetzen konnten, hatten einen Überlebensvorteil. Heute wird dieser Vorteil zum Nachteil. Wir müssen uns für die Futterbeschaffung nicht mehr bewegen. Lebensmittel sind jederzeit verfügbar, man kann sich fertige Mahlzeiten nach Hause liefern lassen. Außerdem essen wir heute ganz anders als früher: mehr zuckerhaltige Lebensmittel mit vielen Kalorien und hoher Energiedichte, die nicht lange satt machen. All das trägt dazu bei, dass Übergewicht zunimmt – und damit steigt das Diabetesrisiko.

Ist eine Diabeteserkrankung nicht auch Schicksal?

Typ-2-Diabetes wird durch viele Gene begünstigt – 50 bis 100 oder mehr. Jedes einzelne Gen spielt dabei nur eine ganz geringe Rolle. Allerdings: Wenn beide Eltern Diabetes haben, verdoppelt sich das Risiko des Kindes, später auch Diabetes zu bekommen. Aber man kann aktiv etwas gegen dieses Schicksal tun, indem man sich ausreichend bewegt, sich gesund ernährt und versucht, das Normalgewicht zu halten.

Was müsste getan werden, damit die Zahlen nicht weiter explodieren?

Wir müssen es den Bürgern einfacher machen, gesund zu leben und sich gesund zu ernähren. Prävention ist ein ganz wichtiger Faktor. Im Kindergarten und in der Schule sollte eine Stunde Bewegung fest verankert sein. Dort sollte es auch Standards für gesunde Ernährung geben. Notwendig wäre außerdem ein Verbot von Lebensmittelwerbung, die sich direkt an Kinder wendet.

Und bei den Erwachsenen?

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und auch die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) fordern zum Beispiel ein gestuftes Besteuerungssystem für Lebensmittel: Kalorienarme gesunde Lebensmittel, die naturbelassen sind, wie Gemüse und bestimmte Obstsorten, sollen gar nicht besteuert werden. Für Lebensmittel, die man täglich braucht, soll der reduzierte Mehrwertsteuersatz gelten. Und für Lebensmittel, die einen hohen Anteil an Zucker und Fett haben, wie Fruchtjoghurts, Tiefkühlpizza und andere Fertiggerichte, soll der normale Mehrwertsteuersatz gelten. Darüber hinaus fordern wir, dass süße Getränke wie Limonaden noch höher besteuert werden. Angedacht wäre hier ein Steuersatz von 25 Prozent.

Kann eine solche Zuckersteuer tatsächlich das Verhalten verändern?

In Großbritannien war diese Maßnahme sehr effektiv. Bei Softdrinks konnte der durchschnittliche Zuckergehalt innerhalb von zwei Jahren um über 30 Prozent gesenkt werden. Die Briten kaufen jetzt deutlich weniger zuckerhaltige Getränke – und mehr Wasser.

Seit Jahren wird über eine Lebensmittel-Ampel diskutiert, die Verbraucher vor ungesunden Produkten warnen soll. Was halten Sie davon?

Viele unserer Nachbarländer – wie Frankreich und Belgien – haben längst den so genannten "Nutri-Score" eingeführt. Dort kann man auf Lebensmittelverpackungen dank eines einfachen Farbsystems auf den ersten Blick erkennen, ob ein Produkt eine günstige oder ungünstige Nährwertzusammensetzung hat. So eine Kennzeichnung kann tatsächlich das Ess- und Einkaufsverhalten verändern. In Deutschland wird der Nutri-Score jetzt immerhin auf freiwilliger Basis eingeführt. Noch besser wäre natürlich eine verpflichtende Kennzeichnung.

Sind Sie der Meinung, dass von politischer Seite genug getan wird?

Die Politik ist hier sicher nicht schnell genug. Im Moment kommt die im Koalitionsvertrag geforderte Nationale Diabetes-Strategie nur in kleinen Schritten voran. Das liegt auch daran, dass die einzelnen Ministerien unterschiedliche Interessen verfolgen. Das Bundesministerium für Gesundheit hat nicht die gleichen Ziele wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das immer auch die Interessen der Lebensmittelindustrie im Blick hat. Die Regierung bräuchte einen Diabetes-Beauftragten, der zwischen den Ministerien vermittelt.

Was droht uns, wenn es uns nicht gelingt, die Diabetes-Pandemie zu stoppen?

Wenn die Zahlen weiter so zunehmen, kommen auf das Gesundheitswesen sehr große Belastungen zu, die irgendwann nicht mehr zu stemmen sein werden. Die direkten und indirekten Kosten für Diabetes belaufen sich in Deutschland jetzt schon auf etwa 35 Milliarden Euro im Jahr. Wenn bis 2040 die Zahl der Diabetespatienten noch einmal um 50 Prozent zunimmt, ist sehr klar, worauf das hinausläuft. Neben den Kosten geht es außerdem um das Leben der Betroffenen. Wir wissen, dass bei schlecht eingestelltem Diabetes die Lebenserwartung um sechs bis zwölf Jahre verkürzt ist. Durch Folge- und Begleiterkrankungen leidet natürlich auch die Lebensqualität.

Welche konkreten Forderungen und Wünsche haben Sie zum Weltdiabetestag an die Politik?

Neben Präventionsmaßnahmen für Kinder, der Zuckersteuer und Lebensmittelkennzeichnung wünsche ich mir die Einführung eines Diabetes-Registers. Wir wissen nämlich nicht genau, wie viele Diabetesfälle es in Deutschland tatsächlich gibt. Die Dunkelziffer ist vermutlich sehr hoch. Hilfreich wären auch flächendeckende Check-ups, bei denen Blutzucker-Messungen ab dem 35. Lebensjahr erstattungsfähig sind. So könnte man die Patienten mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes früh erkennen. Außerdem fordern wir, dass es wieder an allen medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Diabetologie und auch klinische Betten gibt. Das ist derzeit nur an acht von 36 medizinischen Fakultäten der Fall. Diabetes ist eine Volkskrankheit, die so viele Leute betrifft – aber wir haben zu wenige Ausbildungsplätze für Ärzte und für andere medizinische Berufe, die in der Behandlung der Krankheit tätig sind.

Interview mit  Prof. Dr. Baptist Gallwitz

Unser Interviewpartner:

Diabetologe Prof. Dr. Baptist Gallwitz ist Stellvertretender Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Tübingen und Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)


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