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Mit guten Werten durch die zweite Welle

Im Verlauf der Corona-Pandemie haben sich die Blutzuckerwerte vieler Diabetes-Patienten verschlechtert. Diabetologe und Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl erklärt die Gründe und gibt Tipps, wie es auch in Corona-Zeiten gelingt, den Blutzucker in Balance zu halten

von Andrea Mayer-Halm, 10.12.2020

Wie wirkt sich die Pandemie auf den gesundheitlichen Zustand von Menschen mit Diabetes aus?

Besonders auffällig ist, dass viele Patienten seit Beginn der Pandemie zugenommen haben. Zwei bis drei Kilo mehr auf der Waage sind fast schon normal. Für Menschen mit Diabetes ist das ein Problem: Bei vielen meiner Patienten haben sich auch die Blutzuckerwerte deutlich verschlechtert. Das beobachte ich sowohl bei Patienten mit Typ-1-Diabetes als auch bei solchen, die unter Typ-2-Diabetes leiden.

Was sind die Gründe?

Das liegt am veränderten Essverhalten. Die Menschen essen mehr, Nahrung wird zum Tröster. Dazu kommt mangelnde Bewegung. Besonders problematisch finde ich diese Entwicklung bei älteren Menschen. Ich habe eine 80-jährige Patientin, die ihre Sportangebote nicht mehr wahrnehmen kann. Sie verlässt kaum noch die Wohnung, hat in kürzester Zeit massiv an Muskelkraft verloren und ist deutlich unfitter geworden. Das bedeutet für sie nicht nur die Gefahr von Gewichtszunahme und schlechteren Blutzuckerwerten. Sie kommt zusätzlich auch der Pflegebedürftigkeit näher.

Wie gehen die Patienten mit dieser Entwicklung um?

Die Stimmung ist altersübergreifend gedrückt. Viele geben sich in der Pandemie große Mühe, ihre Blutzuckerwerte in Balance zu halten. Doch oftmals gelingt das nicht. Das ist deprimierend und hinterlässt bei vielen Patienten ein Gefühl der Hilflosigkeit. Viele wissen gar nicht so recht, was sie machen sollen. Die Realität ist aber, dass die Beschränkungen im Alltag, die die Pandemie mit sich bringt, erst mal so bleiben werden.

Was können Menschen mit Diabetes tun, um in den kommenden Monaten für mehr Bewegung im Alltag zu sorgen?

Sie sollten versuchen, aktiv zu bleiben und zu Hause Gymnastik zu machen. Hier sind Heimsportgeräte oder Online-Kurse eine gute Möglichkeit. Auch Joggen oder spazieren zu gehen hilft, um den Blutzucker und das Gewicht im Griff zu behalten. Vielleicht kann man sich mit dem Partner zum Sport verabreden oder mit einem Bekannten. Das ist ja erlaubt. Sich zu bewegen und jemanden zu treffen tut der Psyche gut. Der Mangel an sozialem Miteinander kann Depressionen befördern.

Wie schafft man es, mit Ernährung den Blutzucker stabil zu halten?

Ganz wichtig ist, den Tag sinnvoll zu strukturieren. Zum Beispiel helfen feste Essenszeiten. Planen Sie drei Mahlzeiten pro Tag ein. Auch wenn es aufwändig ist, einzukaufen und zu kochen: Es lohnt sich, weil wir nicht dauernd zwischendurch zu Snacks greifen. Letzteres ist für den Blutzucker besonders ungünstig und führt dazu, dass man leichter zunimmt. Sich mit Süßem trösten zu wollen ist zwar verständlich – aber keine gute Lösung.

Wie sieht eine bessere Ernährung in der Pandemie aus?

Bei jeder Mahlzeit sollte man Eiweiß zu sich nehmen. Es steckt etwa in Hülsenfrüchten, Joghurt oder magerem Fleisch, etwa in Hühnchen. Eiweißhaltige Lebensmittel sättigen gut und halten lange satt. Außerdem sollte viel Gemüse auf dem Speiseplan stehen, mindestens 300 Gramm als Tagesration. Das macht ebenfalls satt, hat viele Ballaststoffe – das ist gut für den Darm. Bei Fett sollten Sie pflanzliche Öle bevorzugen. Diese sind viel gesünder als tierische Fette.

Was können Menschen mit Diabetes noch tun, um gut durch die zweite Welle dieser Pandemie zu kommen?

Ein Mensch mit Diabetes, dessen Blutzuckerspiegel gut eingestellt ist und der keine Begleiterkrankungen hat, hat kein höheres Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 als seine gesunden Altersgenossen. Das ist die gute Nachricht. Das Wichtigste ist daher, dass der Blutzuckerspiegel gut eingestellt ist und der Körper mit allen Nährstoffen gut versorgt ist. Dafür braucht man keine speziellen Nahrungsergänzungsmittel. Eine ausgewogene Ernährung reicht in der Regel aus. Wichtig auch: Sind die Blutzuckerwerte über einen längeren Zeitraum nicht stabil und im vereinbarten Zielbereich, kommt es zu schweren Unterzuckerungen oder treten neue gesundheitliche Probleme wie etwas Sehstörungen auf, sollte man auf jeden Fall einen Termin beim Diabetologen vereinbaren. Wichtig ist auch, alle Vorsorgetermine einzuhalten.

Dr. Matthias Riedl Diabetologe

Unser Experte:

Dr. Matthias Riedl ist Ernährungsmediziner, Diabetologe und ärztlicher Leiter des Medicum Hamburg.


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