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Risiko Arbeitsplatz? Diabetes im Job während der Corona-Pandemie

Zu Beginn der Pandemie hat das Robert Koch-Institut Menschen mit Diabetes als Risikogruppe eingestuft. Was bedeutet das für den Arbeitsplatz – auch im Hinblick auf die zweite Welle?

von Isabelle Fabian, 02.09.2020

Die Unsicherheit bei Arbeitnehmern mit Diabetes, die in ihrem Beruf mit anderen Menschen zu tun haben, ist groß: Lässt sich der Job als Lehrerin, Erzieher oder Pflegekraft jetzt weiter wie gewohnt ausüben? Reichen die Hygienemaßnahmen vor Ort? Ist das Risiko für eine Ansteckung erhöht – und falls ja, kann und will der Arbeitnehmer dieses Risiko eingehen?

Wie ist die rechtliche Lage?

Trotz der Einstufung durch das Robert Koch-Institut (RKI) als Risikogruppe gelten für Menschen mit Diabetes, die einer Berufstätigkeit nachgehen, die gleichen Regelungen wie für andere Berufstätige. "Lediglich ein erhöhtes Risiko für einen schweren oder tödlichen Corona-Verlauf führt nicht dazu, dem Arbeitsplatz fernbleiben zu dürfen. Es gibt einfach ein allgemeines Lebensrisiko, das jeden betrifft", erklärt Rechtsanwalt Oliver Ebert, Mitglied des Ausschuss Soziales der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Zudem gäbe es bisher keine verlässlichen Zahlen, ob Menschen, die einen gut eingestellten Diabetes, aber keine weitere Erkrankung haben und keine Folgeerscheinungen aufweisen, tatsächlich ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf einer Corona-Infektion mitbringen.

Kann man sich arbeitsunfähig schreiben lassen?

Ärzte können Arbeitnehmer nur dann arbeitsunfähig schreiben, wenn dringende medizinische Gründe vorliegen. Allein ein Diabetes und die Angst vor Corona seien kein Grund, erläutert der Jurist Ebert. Dies gelte im Übrigen für sämtliche chronische Vorerkrankungen. Sollte ein Diabetes-Patient dennoch so große Angst vor einer Ansteckung haben, dass er eine Ausübung seiner Tätigkeit als unzumutbar empfindet, sollte er dies mit seinem Arbeitgeber besprechen. Sofern es seine Stelle zulässt, kann er vielleicht ins Homeoffice wechseln, bezahlten oder unbezahlten Urlaub bekommen oder für die Zeit der Corona-Pandemie freigestellt werden.

Ausnahme: "Wenn aufgrund der Arbeitsplatzsituation ein sehr hohes Ansteckungsrisiko vorliegt und sich der Arbeitgeber zudem weigert, Schutzmaßnahmen einzurichten, kann der Beschäftigte unter Umständen der Arbeit fernbleiben. Aber bevor man diesen Schritt geht, sollte man unbedingt mit einem Anwalt sprechen", rät Oliver Ebert.

Was, wenn man arbeiten will, der Chef das aber nicht zulässt?

Was manche Menschen mit Diabetes momentan ebenfalls häufiger erleben: Sie würden gerne (wieder) arbeiten. Doch dies lassen einige Arbeitgeber aufgrund ihrer Einstufung zur Risikogruppe durch das RKI nicht zu. Hier gilt ganz klar, so Ebert: "Der Arbeitgeber hat den Arbeitnehmer angemessen und gemäß den Vereinbarungen im Arbeitsvertrag zu beschäftigen. Wenn es keinen triftigen Grund gibt, insbesondere wenn Schutzmaßnahmen eingehalten werden können und der Diabetes des Arbeitnehmers gut eingestellt ist, dürfen Betroffene daher nicht einfach fürsorglich von der Arbeit ausgeschlossen werden."

Das sehen auch die Fachgesellschaften so: Ende April 2020 hatte die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ein Papier veröffentlicht, in dem sie betont, dass Menschen mit der Zuckerkrankheit während der Pandemie nicht von der Teilhabe am öffentlichen Leben ausgeschlossen werden dürfen. Dazu zählt auch der Beruf.

Nach Ansicht von Prof. Dr.med. Hans Drexler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin, hätten Menschen mit Diabetes dennoch ein höheres Gesundheitsrisiko – selbst ohne eine Covid-19-Infektion. Wenn die chronische Erkrankung schon bei Vertragsabschluss bestand, habe sich der Arbeitnehmer aber bewusst für eine Beschäftigung in dem jeweiligen Beruf entschieden und der Arbeitgeber, sofern er denn vom Diabetes weiß, auch. "Nun kommt eine neue Krankheit dazu, die es bei Vertragsabschluss noch nicht gab. Leider besteht hier nicht die Möglichkeit, wie bei einer Schwangeren zu handeln, also mit einer bezahlten Freistellung." Eine Empfehlung für ein Finanzierungsmodell hatte es durch das Kompetenznetz Public Health bereits Ende April gegeben. Dieses wurde politisch aber nicht umgesetzt. Gerade deshalb sollte man mit dem Arbeitgeber sprechen und sich nötigenfalls rechtlich beraten lassen.

Wie sieht es nun tatsächlich mit dem Ansteckungsrisiko im Job aus?

Eine Studie des RKI zum Infektionsumfeld von erfassten Covid-19-Ausbrüchen in Deutschland hat dies ermittelt. An erster Stelle steht dort nicht der Arbeitsplatz, sondern der private Haushalt. Die Hälfte der Erkrankten hatte sich dort angesteckt. Der Studie zufolge infizierten sich demgegenüber nur sechs Prozent im Beruf. Allerdings konnten Arbeitswege, bei denen z.B. öffentliche Verkehrsmittel genutzt wurden, nicht in diese Zahlen einbezogen werden.

Das oben bereits erwähnte Kompetenznetz Public Health hat in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin ein Positionspapier zum Ansteckungsrisiko im Job erstellt. Es empfiehlt, Arbeitsplätze in vier Gruppen einzuteilen: 1 geringes, 2 mittleres, 3 hohes und 4 sehr hohes Ansteckungsrisiko. Die Berufe in der Krankenversorgung werden aus dieser Einstufung ausgeklammert. In dem Papier heißt es: "Zu den Arbeitsplätzen mit mittlerem Expositionsrisiko gehören Arbeitsplätze, die häufigen und/oder engen Kontakt mit Menschen erfordern (d.h. in einem Umkreis von weniger als 1,5 Meter), die möglicherweise mit SARS-CoV-2 infiziert, aber nicht diagnostiziert sind (z.B. möglich in Schulen, in Arbeitsumgebungen mit hoher Personendichte und in einigen hochvolumigen Einzelhandelsgeschäften)."

Mediziner Hans Drexler zählt z.B. Lehrkräfte zur Risikogruppe 2 – unabhängig von ihrem persönlichen Gesundheitszustand, also auch unabhängig von einer Diabeteserkrankung. Die Ansteckungsgefahr würde sich wiederum bei Gymnasiallehrern sicher anders verhalten als bei Sonderschullehrern, die möglicherweise noch einen Pflegeaufwand zu leisten haben und ihren Schützlingen sehr nahekommen. Was die Lehrkräfte angeht, erwartet der Arbeitsmediziner in den kommenden Wochen eine heiße Diskussion. Die Unsicherheit sei groß, und die steigenden Corona-Fallzahlen verstärkten dies: "Bundeseinheitliche Regelungen dazu sind aus meiner Sicht sehr wünschenswert."


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