Magersucht: Fremd im eigenen Körper

Diabetes und Essstörungen: Eine lebensbedrohliche Kombination. Eine Magersucht-Patientin erzählt hier ihren Leidensweg

von Andrea Grill (Protokoll), 09.08.2016

Susanne S. (Name von der Redaktion geändert) litt unter Essstörungen – und hat Typ-1-Diabetes


Zurzeit lebe ich in einer Klinik, ziemlich weit weg von meiner Familie und meinen Freunden. Die Therapie hier ist meine Chance,­ zurück in ein normales Leben zu finden.

Seit Jahren kreisen meine Gedanken um mein Gewicht, um meinen Körper, den ich nicht mag. Ich bin magersüchtig. So lautet die Diagnose der Ärzte. Ich war schon immer sehr schlank, aber als Kind hatte ich noch ein ganz normales Verhältnis zum Essen und einen guten Appetit.

Mit zehn Jahren bekam ich Diabetes. Von Anfang an war ich mit der Therapie auf mich selbst gestellt. Wir wohnten damals für ein paar Jahre im Ausland, in den USA. Eine Schulung hatte ich dort nicht: Messen, Insulin spritzen, das alles machte ich mehr oder weniger nach Gefühl. Kohlenhydrat-Einheiten abzuschätzen, die Insulindosis zu berechnen – das lernte ich erst Jahre später in einer Dia­betesklinik in Deutschland. "Die Susanne hat alles alleine im Griff", sagte meine Mutter immer.

Gefangen im täglichen Ritual

Meine Essstörung begann, als ich etwa zwölf Jahre alt war und wir wieder in Deutschland wohnten. Sie entstand schleichend. Ich hatte damals mit Leichtathletik angefangen und wechselte bald in den Leistungssport, gewann große Wettbewerbe. Ich war sehr ehrgeizig. Kaum war ein Sieg gefeiert, hatte ich schon das nächste Ziel vor Augen.

Während dieser Zeit entwickelte ich ein tägliches Essritual: Ich begann mein Essen strikt zu kontrollieren, aß tags­über nichts, trainierte aber stundenlang. Abends stopfte ich dann große Mengen Essen in mich hinein. Am nächsten Tag trieb ich exzessiv Sport, um die Kalorien wieder loszuwerden. Um Punkt 20 Uhr fing ich wieder zu essen an. Ich zog mich immer mehr zurück. Meine Freunde gingen los und machten Party, ich erfand Ausreden, sagte, ich müsse trainieren, weil ich mein Ritual nicht durchbrechen konnte. Wenn ich in der Schule gefragt wurde, warum ich immer dünner werde, schob ich den Diabetes vor.

Was ist Magersucht?

An Magersucht erkranken überwiegend junge Frauen. "Gefährdet sind vor allem sehr zielstrebige Menschen", sagt Prof. Dr. Ulrich Cuntz, Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Oft gebe es Auslöser, etwa Beziehungsprobleme oder Missbrauchserlebnisse.

Der "Einstieg" in die Magersucht beginnt häufig mit einer Diät. Im Verlauf der Erkrankung kontrollieren die Betroffenen ihr Essverhalten immer stärker und nehmen mehr und mehr ab. Das ständige Hungern schadet der Gesundheit massiv. Ob Knochen, Herz, Blutgefäße, Haut oder Immunsystem – alles baut ab. Die Kombination von Magersucht und Typ-1-Diabetes ist besonders gefährlich, weil sich durch die schlechte Blutzucker­einstellung das Risiko für Folge­erkrankungen schon in jungen Jahren erhöht.

In Wahrheit war der Diabetes damals nicht wichtig für mich, und auch nicht, ob ich ordentlich Insulin spritzte. Ich wollte einfach nur dünner werden. Meine Werte waren miserabel. Insulin gab es für mich nur abends, zum Essen. Ich spritzte damals auch absichtlich zu wenig Insulin, um noch schneller schlank zu werden und bloß nicht essen zu müssen. Heute weiß ich, dass ich mir damit gefährliche Folgeerkrankungen einhandeln könnte. Davor habe ich große Angst.

Ein Bruch mit dramatischen Folgen

Der Sport und mein Gewicht: Das waren meine Lebensinhalte. Ich trainierte jeden Tag im Verein, machte aber zusätzlich noch mehr Sport, ohne dass mein Trainer davon wusste. Alles nur, um Kalorien zu verbrennen.

Bei einem Dauerlauf passierte es dann: Ich knickte um, brach mir den Fuß. Der Arzt erklärte mir später, dass die Essstörung mich nicht nur dünn gemacht hatte, sondern dass durch den Nährstoffmangel auch meine Knochen brüchig geworden waren. Das war das Ende meiner Sportkarriere. Für mich hieß es: Nun musste ich noch genauer mein Essen kontrollieren, um ja nicht zuzunehmen. Die Magersucht wurde immer schlimmer. Am Schluss aß ich fast nichts mehr, vielleicht zwei Karotten am Tag. Ich bin 1,66 Meter groß und habe mich im Lauf des vergangenen Jahres auf 39 Kilogramm heruntergehungert.

Hungern, bis das Herz streikt

Klar: Meine Eltern machten sich Sorgen, schickten mich zu Therapeuten und auch in Kliniken. Aber bisher hielt ich keine Therapie durch. Richtig kritisch wurde es, als ich mit Herzaussetzern in die Notaufnahme gebracht wurde. Mein Körper war einfach nicht mehr mit den lebensnotwendigen Nährstoffen versorgt.

Seit neun Wochen bin ich jetzt in einer Klinik, die auf Essstörungen spezialisiert ist. Alles rund ums Essen ist streng geregelt. Es gibt feste Mahlzeiten und eine vorgeschriebene Kalorienmenge. Über alles wird genau Protokoll geführt, und am Tisch sitzt immer auch ein Therapeut.

Außerdem gibt es psychologische Therapien, durch die ich zum Beispiel lernen soll, meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist. Und die mir dabei helfen sollen zu verstehen, warum die Magersucht entstanden ist. In der Klinik kümmert man sich nicht nur um meine Essstörung, sondern auch um den Diabetes. Mit einem Facharzt bespreche ich die Therapie, die genau überwacht wird.

In meiner freien Zeit gehe ich oft mit anderen Patientinnen spazieren oder wir machen Stadtausflüge. Abgesehen vom Therapieprogramm können wir unsere Tage selbstständig gestalten.

Aus Sicht der Ärzte hier ist mein bisheriger Therapieverlauf wohl ein Erfolg: Ich habe schon zehn Kilogramm zugenommen. Auch die Zuckerwerte sind besser geworden. Doch ich kann mich noch nicht darüber freuen. Ich vermisse den Sport, habe keine Ziele mehr wie früher und noch keine neuen Pläne für die Zukunft. Dabei wünsche ich mir so sehr, dass ich eines Tages meinen Körper akzeptieren und einfach ein normales Leben führen kann.

Die richtige Hilfe finden

Menschen mit Essstörungen suchen oft erst spät Hilfe – weil sie sich schämen oder nicht erkennen, dass sie krank sind. Vor allem für Betroffene mit Diabetes ist rasches Handeln wichtig, um gefährliche Komplikationen und Folgekrankheiten abzuwenden.


"Es gibt ambulante Therapien und auf Essstörungen spezialisierte Kliniken", sagt Cuntz von der Klinik Roseneck in Prien: "Junge Frauen mit Diabetes, die an Magersucht erkrankt sind, brauchen oft eine stationäre Therapie."


In der Klinik geht es zunächst darum, das lebensbedrohliche Untergewicht zu behandeln. Ist der Körper auf dem Weg der Besserung, bemühen sich die Therapeuten darum, auch die seelische Gesundheit der Patientinnen wiederherzustellen.


Vielen Patientinnen geht es nach dem Klinikaufenthalt besser. Entscheidend ist aber, dass die Behandlung nach der Entlassung fortgeführt wird. "Bei allen Essstörungen ist eine Psychotherapie das Mittel der Wahl", sagt Professor Dr. Stephan Herpertz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen und Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, LWL-Universitätsklinikum Bochum. In einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie geht es etwa darum, familiäre und persönliche Probleme zu bearbeiten. Gerade bei jungen Patienten kann es sinnvoll sein, die ganze Familie zu therapieren oder zumindest in die Therapie mit einzubeziehen.


Beratungsstellen:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
www.bzga-essstoerungen.de

Tel. 02 21-89 20 31


ANAD e. V.
www.anad.de
Tel. 0 89-21 99 73-99


Nachrichten zum Thema Diabetes

Handy

Aktuelle Nachrichten zum Thema Diabetes