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Spielt sich Typ-2-Diabetes auch im Gehirn ab?

Was der Kopf mit Typ-2-Diabetes zu tun hat, erklärt Prof. Dr. Hans-Ulrich Häring, Diabetologe und Hirnforscher am Universitätsklinikum Tübingen

von Tina Haase, 08.04.2019
Kreative Zeichnung vom Gehirn

Vorgänge im Gehirn beeinflussen auch die Entstehung von Typ-2-Diabetes


Herr Professor Häring, Sie erforschen mit Ihrem Team, welche Rolle das Gehirn bei Typ-2-Diabetes spielt. Wieso?

Die Zellen von Menschen mit Typ-2-Diabetes sprechen schlecht auf Insulin an. Auf Medizinerdeutsch heißt das, sie sind "insulinresistent". Zudem ist bei Diabetikern meist auch die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse vermindert. Die Folge: Der Blutzucker steigt. Bis vor zehn Jahren dachten wir, dass das Gehirn damit nichts zu tun hat. Doch Untersuchungen an Mäusen zeigten uns: Insulin wirkt offenbar auch auf das Gehirn.

Was genau macht das Insulin im Gehirn?

Zugespitzt kann man sagen: Es hat einen Anteil daran, ob wir dick werden oder dünn bleiben. In einem Experiment schalteten Forscher im Gehirn gesunder Mäuse gezielt die Insulinrezeptoren aus. Die Folge: Die Mäuse nahmen rasant zu und entwickelten nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Körper eine Insulinresistenz und eine Fettstoffwechselstörung.

Aber lässt sich das denn auf den Menschen übertragen?

Ja. Die Insulinwirkung auf das Regulationszentrum Hypothalamus lässt sich mit bildgebenden Verfahren darstellen. Bei Schlanken sieht man farblich, wie das Insulin wirkt. Bei Übergewichtigen ist viel weniger Farbe zu sehen, die Insulinwirkung ist abgeschwächt oder fehlt.

Was passiert in der Folge?

Der Hypothalamus ist mit anderen Arealen im Gehirn verschaltet, die etwa für die Steuerung von Hunger und Nahrungsvorlieben verantwortlich sind. Geht beim Essen das Signal "Insulin ausgeschüttet, Nahrung ist im Körper" an diese Areale, aktiviert das die Schaltkreise, die ein Sättigungsgefühl auslösen. Kommt das Signal nicht an, weil das Insulin nicht wirkt, essen die Menschen weiter. Ein Teufelskreis.

Bei Menschen mit funktionierender Insulinwirkung im Gehirn soll es sogar eine Rückkopplung zur Bauchspeicheldrüse geben.

Ja, die Blutzuckerregula­tion läuft dann besser. Das Gehirn bestimmt bei Schlanken auch, wo überschüssige Energie gespeichert wird. Das meiste Fett wird im ­Unterhautfettgewebe eingelagert und nicht im Bauchraum rund um die Organe. Letzteres ist ungesund.

Und bei Menschen mit Insulinresistenz im Gehirn …

… gibt es keine Rückkopplung. Das wirkt sich somit auch ungünstig auf Fettverteilung und Zuckerstoffwechsel aus.

Ist Typ-2-Diabetes also auch eine Gehirnerkrankung?

So weit würde ich nicht gehen. Aber das Gehirn spielt eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Typ-2-Dia­betes. Der Körper von Menschen mit Hirn-Insulinresistenz kann schlechter mit überschüssigen Kalorien umgehen.


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