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Diabetes im Alter: So sorgen Sie vor

Menschen mit Diabetes sind im Alter häufiger auf Pflege angewiesen. In Deutschland herrscht jedoch ein Pflegenotstand. Hier erfahren Sie, wie Sie heute schon vorsorgen können

von Alexandra von Knobloch, 27.04.2020

"Wie gehe ich im Alter mit dem Thema Diabetes um?"

Diese Frage betrifft aktuell mindestens 3,5 Millionen Menschen in Deutschland: Was kommt im Alter auf mich zu? Von den gut sieben Millionen an Typ-2-Diabetes Erkrankten in Deutschland ist die Hälfte über 65 Jahre alt, eine Million sogar älter als 80 Jahre. Zur Generation 65+ gehört außerdem etwa jeder fünfte Typ-1-Diabetiker: weitere rund 80.000 Menschen.

Was wird aus ihnen, wenn sie sich nicht mehr selbst um ihre Diabetestherapie kümmern können? "Über Jahre hinweg haben Menschen mit Diabetes ja gelernt, mit der Krankheit zurechtzukommen", berichtet Sissi K., die seit mehr als 50 Jahren mit Typ-1-Diabetes lebt. "Auf einmal sind sie aber vielleicht nicht mehr dazu in der Lage." Eine seelische Belastung, die sich jedoch bewältigen lässt. "Dia­betes können Sie auch im Alter gut handhaben", erklärt Irene Feucht, Diabetesberaterin an der Medius-Klinik Ostfildern-Ruit bei Stuttgart. "Allerdings schafft ein alter Mensch manchmal allein nicht ­alles. Er braucht dann Hilfe von Angehörigen und Fachkräften."

Doch wo lässt sich diese Hilfe finden im Pflegenotstandsland Deutschland? Laut Bundesgesund­heitsminister Jens Spahn sind aktuell mindestens 50.000 bis 80.000 Pflegestellen unbesetzt. "Diabetiker trifft das besonders hart", erklärt Privatdozent Dr. Andrej Zeyfang, Diabetologe und Altersmediziner an der Medius-Klinik Ostfildern-Ruit. Herz-Kreislauf-Krankheiten, Augenprobleme, Nervenschäden oder eine Nierenschwäche: Diabetiker werden häufiger pflegebedürftig als andere Menschen derselben Altersgruppe. Mindestens jeder vierte Mensch, der auf pflegerische Unterstützung angewiesen ist, hat zudem Diabetes. Wie Sie jetzt für sich und Ihre Angehörigen vorsorgen können

"Wie kann ich jetzt schon für später vorsorgen?"

"Suchen Sie sich rechtzeitig eine Person, der Sie vertrauen und die Ihre Bedürfnisse in Bezug auf den Diabetes kennt." Das rät ­Sissi K., die sich seit den 1980er-Jahren für die Belange von Menschen mit Typ-1-Diabetes einsetzt. Auch wichtig: "Statten Sie diese Person mit einer Vorsorgevollmacht aus, sodass sie im Notfall in Ihrem Sinne für Sie handeln kann."

"Dass Angehörige eine entscheidende Rolle spielen, davon ist auch Diabetologe Zeyfang überzeugt: "Spezielle Kenntnisse in der Versorgung von Diabetikern sind kein fester Bestandteil der Ausbildung von Pflegepersonal", erklärt er. Weder im Krankenhaus noch in Heimen oder in der ambulanten Versorgung. Medizinische Fachbereiche, die nicht auf Diabetes spezialisiert sind, haben das Thema oft nicht im Blick. Ein Problem für die Patienten: "Das führt zum Beispiel dazu, dass längst nicht jeder Arzt auf ­einer urologischen Station weiß, wie schnell sich eine einfache ­Blasenentzündung bei einem Diabetiker zu einem ernsten Problem entwickeln kann", sagt Zeyfang. Wenn Sie um solche Fallstricke wissen, können Sie sich wappnen.

So existieren etwa Initiativen, die Versorgungsmängel bei älteren Diabeteskranken ausgleichen. In Krankenhäusern mit dem Zertifikat "Klinik für Diabetespatienten geeignet" der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist dafür gesorgt, dass Diabetologen die Ärzte und das Pflegepersonal täglich beraten. "Diabetiker, bei denen ein geplanter Klinikaufenthalt ansteht, etwa für eine Operation, können sich für solche Kliniken entscheiden", empfiehlt Zeyfang. Weitere Kliniken bieten zumindest eine von der DDG anerkannte Fachabteilung an, die andere Abteilungen bei Bedarf um Rat fragen können.

Portrait

"Und wenn ich oder mein Angehöriger gepflegt werden muss?"

Es lohnt sich, einen Pflegedienst zu beauftragen oder ein Heim auszusuchen, in dem einige Angestellte eine "Fortbildung Diabetes in der Altenpflege" (FoDiAl) nachweisen können. "Zunehmend mehr Pflegedienste", sagt Irene Feucht, "verfügen außerdem über eine ausgebildete Diabetes-Fachkraft." Patienten und Angehörige können auch an einer "strukturierten geriatrischen Schulung" teilnehmen. Angeboten wird diese Schulung in Kliniken und Diabetes-Schwerpunktpraxen. "Sie hilft älteren Diabetikern, möglichst lange selbstständig zu bleiben", erklärt Feucht, die das Programm mit entwickelt hat. An sechs Terminen geht es etwa um Unterzucker-Warnzeichen und die Ernährung im Alter. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Diabetes und Pflegebedürftigkeit in Deutschland

"Was ändert sich bei der Therapie?"

Eine gute Lebensqualität ist bei älteren Menschen mit Diabetes das wichtigste Ziel. Sie sind etwa häufiger von Unterzuckerungen betroffen als jüngere. Und dies kann zu vermehrten Stürzen führen. Auch das Demenzrisiko steigt. Dann steht manchmal eine Anpassung der Medikamentendosis beim Arzt an. Die meisten Menschen wünschen sich, möglichst lange selbstständig und unabhängig zu leben. Dies lässt sich ebenfalls mit Therapieanpassungen erreichen. Ein Beispiel: Ein allein wohnender Patient empfindet es als Einschränkung, wenn dreimal täglich der Pflegedienst kommen muss, um zu spritzen. Hier lässt sich das Behandlungsschema manchmal so ändern, dass nur noch eine Spritze nötig wird. Dann kann der Patient seinen Tag wieder freier gestalten. "Die Bedürfnisse älterer Menschen sind sehr individuell", erklärt Altersmediziner Zeyfang. "Eine optimale Diabetestherapie sorgt dafür, dass Patienten möglichst weiter­leben können wie gewohnt."

Experte Dr. Lippmann-Grob

Dazu kommt: "Sehr viele Diabetiker leiden irgendwann unter den Folgen ihrer Krankheit", berichtet Dr. Bernhard Lippmann-Grob, leitender Oberarzt der Diabetes-Klinik Bad Mergentheim. Beispiel Nervenstörungen: Sie führen dazu, dass Betroffene ihre Füße schlechter spüren. Das erhöht die Gefahr für gefährliche Wunden. "Ein fitter 50-Jähriger", sagt Lippmann-Grob, "kann sich das noch nicht vorstellen." Dennoch lohnt es sich, schon jetzt die Füße zu pflegen und täglich zu untersuchen, um es für später in den täglichen Ablauf zu integrieren. Hilfreich beim Management ist auch der "Gesundheits-Pass Dia­betes". Darin werden alle Vorsorge­untersuchungen dokumentiert. Dennoch: "Einschränkungen zu erleben kann ein Kraftakt sein. Sie zu erfahren und dennoch weiterhin gut für sich zu sorgen, ist manchmal schwer", sagt Diabetesexperte Lippmann-Grob. Dann kann es helfen, sich vorübergehend psychologische Unterstützung zu holen. Der Hausarzt oder Diabetologe kennt gute Adressen.

Hilfen für den Alltag

Blutzucker messen, Werte notieren, Tabletten einnehmen oder Insulin spritzen: Im Alter fallen vielen solche Routinen schwer. Die Augen lassen vielleicht nach, die Hände haben nicht mehr so viel Kraft. Hier kann es ratsam sein, die Diabetes-­Gerätschaften anzupassen: Es gibt etwa sprechende Blutzucker-Messgeräte, welche die Ergebnisse ansagen, sodass man sie nicht ab­lesen muss. Außerdem übernehmen einige Krankenkassen bei intensivierter Insulintherapie die Umstellung auf eine automatische Zuckermessung mit einem sogenannten FGM-Sensor-System. "Das erspart nicht nur das häufige Stechen", sagt Diabetesberaterin Irene Feucht. "Es mildert auch die Angst vor Über- oder Unterzuckerungen." "Sprechen Sie vor der Anschaffung eines Zuckermessgerätes aber mit einem Experten", empfiehlt Feucht, "der Ihre Bedürfnisse mit Ihnen zusammen genau erkundet.


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